Zelltransplantation ermöglicht Querschnittgelähmtem eingeschränkte Gehfähigkeit

Ein Durchbruch in der Forschung zur Heilung von Querschnittlähmung scheint einem polnisch-britischem Team gelungen zu sein: Nach der Transplantation von olfaktorischen Hüllzellen (Stützzellen in der Nase) ins Rückenmark, erlangte ein von der Brust abwärts gelähmter Mann eingeschränkte Gehfähigkeit und Teil-Sensibilität zurück.

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Nachdem 2010 bei einem Angriff sein Rückenmark auf einer Länge von 8 mm mit einem Messer durchtrennt worden war, kann der 40-jährige Darek Fidyka nach einem operativen Eingriff und zweijähriger Rehabilitation wieder kurze Strecken laufen. Dieser Erfolg ist das Ergebnis einer Zelltransplantation, einer Methode, die an der UCL Institute of Neurology London (Großbritannien) entwickelt und von Chirurgen der Breslauer Universitätsklinik (Polen) durchgeführt wurde.

Zwar ist Fidyka auf die Nutzung von Orthesen und Gehhilfe angewiesen, doch stellt für ihn das Wiedererlangen der Gehfähigkeit und die Rückkehr einer inkompletten Sensibilität in den Beinen „ein unglaubliches Gefühl dar.“ Fidyka weiter:. „Wenn man fast die Hälfte seines Körpers nicht spüren kann, ist man hilflos. Aber wenn diese Fähigkeit zurückkehrt, ist das, als würde man neu geboren.“

Zelltransplantation: Die Methode

Die Transplantation von körpereigenen Schwann’schen Zellen gibt schon seit einiger Zeit Grund zur Hoffnung, dass die Heilung von Rückenmarksverletzungen Realität werden könnte. Verschiedene Forschungseinrichtungen, u. a. das Miami Project to Cure Paralysis (siehe: Forschung zur Heilung von Querschnittlähmung) konzentrieren sich darauf, wenden die Methode allerdings nur bei frisch eingetretenen Verletzungen an.

Schwann’sche Zellen können aus verschiedenen Bereichen im Körper entnommen und transplantiert werden; die vorliegende Technik verwendet olfaktorische Hüllzellen (OECs), die es den für den Geruchssinn verantwortlichen Zellen ermöglichen nachzuwachsen, sollten sie beschädigt worden sein.

Die chirurgische Behandlung erfolgte in zwei Schritten:

Zunächst wurde dem Patienten einer seiner beiden Riechkolben, die Hauptquelle für OECs, entnommen. Riechkolben sind eine Anschwellung an der vorderen Basis des Gehirns, an der die Riechnerven zusammenlaufen und die dazu beitragen, dass Gerüche wahrgenommen und unterschieden werden können. Diese Fähigkeit ging Fidyka durch den Eingriff nicht verloren – in der Tat verbesserte sie sich sogar, doch sind die Gründe hierfür unklar.

Nach der Entnahme wurden innerhalb von zwei Wochen OECs in Zellkulturen gewonnen, die dann per Injektion oberhalb und unterhalb der Läsionsstelle ins Rückenmark eingebracht wurden. Zudem wurden vier Streifen Nervengewebe von Fidykas Knöchel entnommen und über die 8 mm große Lücke im Rückenmark transplantiert. Auf diese Weise wurde eine Art Brücke geschaffen, über die Nervenzellen mit Hilfe der OECs erneut über die Schnittstelle wachsen konnten.

Drei Monate nach diesem Eingriff zeigten sich erste Erfolge: Die Muskelmasse in Fidykas linkem Oberschenkel nahm zu. Nach sechs Monaten konnte er mit Unterstützung von Physiotherapeuten und Orthesen an einem Barren erste Schritte machen. Nun, zwei Jahre später, kann Fidyka selbständig aufstehen, Autofahren und mit einer Gehhilfe gehen. Noch ist dieser Vorgang sehr anstrengend und weite Strecken kann er nicht zurücklegen, dennoch ist Fidyka zuversichtlich eines Tages wieder volle Mobilität und Unabhängigkeit zu erlangen. Auch heute noch arbeitet er an sich: Fünf Stunden an fünf Tagen die Woche in der Physiotherapie.

Dr. Pawel Tabakow, Neurochirurg an der Breslauer Universitätsklinik und Leiter des polnischen Forschungsteams, sagt: “Es ist aufregend zu sehen, wie die Regeneration des Rückenmarks – etwas von dem man so viele Jahre annahm, dass es unmöglich sei – Wirklichkeit wird.“

Was für viele Querschnittgelähmte von ebenso großem – wenn nicht größerem – Interesse sein dürfte als das Wiedererlangen der Gehfähigkeit, ist die Tatsache, dass sich auch die Blasen-, Darm- und Sexualfunktionen Fidykas verbessert haben. In welchem Ausmaß, lässt die UCL allerdings offen.

Bevor er sich der vorliegenden Behandlungsmethode unterzog, war Fidyka nicht dazu in der Lage, seine Beine zu bewegen; er nahm in einem Zeitraum von 13 Monaten nach seiner Verletzung an verschiedenen Reha-Programmen teil, die jedoch keine Verbesserung brachten. Zudem nahm er an einem achtmonatigen Kontrollprogramm teil, das sicherstellen sollte, dass keine sogenannte Spontanheilung, d. h. eine gesundheitliche Verbesserung ohne chirurgischen Eingriff, stattfand. Laut der UCL liegt die Wahrscheinlichkeit einer Spontanheilung nach diesem Zeitraum bei unter einem Prozent.

Professor Geoff Raisman, UCL

Professor Geoff Raisman, UCL

Prof. Geoff Raisman, Vorsitzender der Abteilung für Neuroregeneration und Forschungsleiter an der UCL, sagt: “Es ist in höchstem Maße befriedigend zu sehen, wie Jahre der Forschung nun zu der Entwicklung einer sichereren Methode der Zelltransplantation im Rückenmark geführt haben. Ich glaube, dass wir am Anfang einer Entwicklung stehen, die Patienten aus dem Rollstuhl holen kann. Unser Ziel ist es nun die Methode so weiterzuentwickeln, dass sie für die Behandlung von Querschnittpatienten weltweit geeignet ist.”

Bei all der Euphorie bleibt allerdings zu bedenken, dass Fidykas Verletzung einzigartig war. Wenn Rückenmarksverletzungen eintreten, dann in den seltensten Fällen als Schnitt von 8 mm. Häufiger sind Quetschungen und eine faserige Trennung der Nervenstränge. Diese zu reparieren, ist weit schwieriger als bei einem glatten Schnitt. Jede Querschnittlähmung ist in ihrer Ausprägung und den Auswirkungen, die sie mit sich bringt, anders. Restfunktionen seien fast immer gegeben, meinen Experten, und operative Eingriffe bergen stets das Risiko, diese Restfunktionen zu beeinflussen. Wieso die Zelltransplantation (noch) nicht die Lösung für alle Probleme sein kann, erklärt Neurologe Prof. Norbert Weidner im Beitrag: Über die Heilung von Querschnittlähmung.

Weitere Informationen

Die Studie wurde im Journal Cell Transplantation veröffentlicht und vom Sender BBC dokumentiert. Für weitere Informationen (in englischer Sprache) siehe:

UCL research helps paralysed man to recover function

Fragen & Kommentare

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  1. Dennis Balke 11.12.2014, 00:42 Uhr

    Guten Tag .
    Ist es nicht vielleicht möglich mit dieser Methode die Handfunktion wesentlich zu verbessern ?
    Mfg aus Bremen Dennis Balke

    • Tanja Konrad 11.12.2014, 12:33 Uhr

      Guten Tag Herr Balke,

      prinzipiell besteht diese Möglichkeit durchaus, doch der Erfolg, der in diesem Fall beschrieben wird beruht u. a. auf der Einzigartigkeit der Verletzung Darek Fidykas. Die transplantierten vier Streifen Nervengewebe bilden eine Leitschiene für die Aussprossung neuer Axone über die Narbe, die sich an der Läsionsstelle gebildet hat, hinaus. Diese ist hier aber nur 8 Millimeter lang und weist – für die meisten Rückenmarksverletzungen untypisch – glatte Ränder auf. Grund zur Hoffnung gibt natürlich der Umstand, dass die Methode jenseits von Tiermodellen am Menschen funktioniert hat, doch um eine Standardtherapie daraus abzuleiten fehlen weitere Anwendungen unter weniger optimalen Bedingungen.

      Viele Grüße
      Tanja Konrad