Sexualität bei Querschnittlähmung: Stellungswechsel

Nachdem Klarheit darüber herrscht, ob und mit welchen Hilfsmitteln man nach einer Rückenmarksverletzung Sex haben kann, stellt sich Betroffenen und ihren Partnern die Frage nach dem Wie und Wo. Dass einige Positionen ausfallen, dürfte offensichtlich sein. Dafür ergeben sich aber auch ganz neue Möglichkeiten.

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Bevorzugte Positionen und Praktiken hängen von den sexuellen Vorlieben beider Partner ab, können sich im Laufe der Zeit oder stimmungsabhängig ändern und dürfen regelmäßig aufs Neue erforscht und ausgelotet werden.

Mögliche Stellungen

Natürlich spielt die Höhe der Rückenmarksverletzung und das damit verbundene Ausmaß an Beweglichkeitseinschränkung eine wesentliche Rolle bei der Wahl sexueller Stellungen. Die Kontrolle über die oberen Extremitäten und das Vermögen sich aufrecht und das Gleichgewicht halten zu können, sind wichtig, wenn man gerne „on top“-Position einnimmt. Für alle anderen bietet es sich eher an zu liegen oder unterstützt zu knien und den Partner aktiv werden zu lassen.

  • Frauen

Querschnittgelähmte Frauen können entweder auf Rücken, Bauch oder der Seite liegen und größtenteils ihrem Partner den aktiven Part überlassen. Um dem Becken Stabilität zu verleihen, kann zur Unterstützung ein festes Kissen, ein zusammengerolltes Handtuch oder ein spezielles Stützkissen (siehe: Sexualität: Hilfsmittel für Männer und Frauen) verwendet werden. Möglich ist ggf. aber auch eine „on top“-Position. Hände und Körperhaltung des liegenden Partners und evtl. Stützkissen sorgen für die nötige Stabilität. Bewegung ist entweder gemeinsam möglich, oder der Partner bewegt die Hüfte der Frau mit den Händen oder mit seinen um sie geschlungenen Beinen (Ducharme/Gill, 2006).

  • Männer

Die meisten Männer mit eingeschränkter Mobilität finden, dass es ihnen das größte Maß an Bewegung und Freiheit ermöglicht, wenn sie auf dem Rücken liegen und die Partnerin auf ihnen sitzt oder liegt. Für andere funktionieren seitliche Positionen am besten. Eine „on top“-Position einzunehmen, kann unangenehm sein und einen sehr hohen Kraft- und Energieaufwand bedeuten (Ducharme/Gill, 2006), vor allem weil davon auszugehen ist, dass eine Partnerin in den seltensten Fällen stark genug ist den Mann in dieser Stellung festzuhalten und/oder bei Beckenbewegungen zu unterstützen.

Wer gerne eine aktive Position einnimmt, könnte sich für das Hilfsmittel IntimateRider interessieren (siehe: Sexualität: Hilfsmitte für Männer und Frauen).

  • Paare

Sind beide Partner hochgradig querschnittgelähmt, erfordert die sexuelle Begegnung Phantasie, Forschergeist und ggf. eine Assistenzperson. Im Beitrag Sexualität: Hilfsmittel für Männer und Frauen bewusst außen vor gelassen, könnte hier ein speziell für den Geschlechtsverkehr entworfenes Schaukelsystem (Slings oder Liebesschaukeln) zum Einsatz kommen.

Was auf den ersten Blick nach bizarrem Leistungssport aussieht, wird von dem australischen Paar, Graham (Läsionshöhe C4) und Vickie Street (Läsionshöhe C6), aus eigener Erfahrung weiterempfohlen. Es muss klar sein, dass zunächst ohne die Unterstützung eines Dritten hier nicht viel machbar ist. Gestell und Sling müssen aufgebaut werden und die Partnerin muss darin Platz nehmen – wenn nicht wenigstens einer der Partner über Kraft und Mobilität der oberen Extremitäten verfügt, ist dies nur mit Hilfe einer Assistenzperson möglich. Danach allerdings kann das Paar intime Zweisamkeit genießen. Für Anwenderbeispiele siehe Abbildungen 1 und 2.

Zwei Anwenderbeispiele für Liebesschaukeln.

Zwei Anwenderbeispiele für Liebesschaukeln.

Sex im Rollstuhl

Paare, bei denen ein oder beide Partner querschnittgelähmt sind, tun es am häufigsten dort, wo alle anderen es auch tun. Nämlich im Bett. Allerdings sind manche Positionen nach einer Rückenmarksverletzung schwierig bis unmöglich einzunehmen und die Mobilitätseinschränkung kann das Liebesspiel erschweren. Da das wichtigste Hilfsmittel zur Mobilität nun mal der Rollstuhl ist, kann es sinnvoll sein auch in romantischen Situationen auf ihn zu bauen.

Rollstuhlsex kann Spaß machen, allerdings nicht, wenn man sich dabei verletzt. Aus Sicherheitsgründen muss die Bremse festgestellt sein, sodass der Rollstuhl nicht wegrollen kann. Zudem sollten die Armlehnen entfernt und evtl. die Fußstützen weggeklappt werden, um für sich und dem Partner die größtmögliche Bewegungsfreiheit zu schaffen. Sinnvoll kann es außerdem sein, wenn der querschnittgelähmte Partner mit dem Unterleib so weit wie möglich an die vordere Rollstuhlkante rutscht.

Bild copyright Manfred Sauer Stiftung, 2014

Die Therapeuten Stanley Ducharme und Kathleen Gill geben in ihrem Buch „Sexualität bei Querschnittlähmung“ (siehe: Ratgeber Sexualität und Querschnittlähmung) zu Rollstuhlsex folgenden Hinweis: “Ihr Partner oder Ihre Partnerin kann sich Ihnen zugewandt auf Sie setzen, während Sie sich lieben. Möglicherweise müssen Sie dabei Ihre Beine über die Ihres Partners oder Ihrer Partnerin legen, um sich so nah wie möglich kommen zu können. Ihr Partner oder Ihre Partnerin muss auch stark genug sein, um aufrecht sitzen zu können, ohne sich auf Ihren Beinen abstützen zu müssen. Probieren Sie verschiedene Positionen aus, die für Sie schön, bequem und sicher sind.“

Eventualitäten: Spastik, Inkontinenz, Autonome Dysreflexie

Die im Beitrag Sexualität bei Querschnittlähmung beschriebenen Eventualitäten, die auftreten können, sollten auch bei der Einnahme sexueller Stellungen berücksichtigt werden.

  • Wenn Spastik ein häufig auftretendes Problem ist, kann sich der betroffene Partner auf den Rücken legen, während der Partner sich auf ihn setzt. Die spastischen Beine können neue Stabilität und eine leicht veränderte Stellung ermöglichen, die durchaus ihren Reiz haben kann. Wenn die Spastik vom Betroffenen allerdings als unangenehm empfunden wird, ist dies natürlich keine Option und das Paar sollte stattdessen durch Massagen oder Positionswechsel versuchen, den Spasmen entgegenzuwirken.
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  • Inkontinenz: Das Paar sollte eine seitliche Stellung wählen oder eine, bei der der von Inkontinenz betroffene Partner „oben“ ist, da so Druck auf Blasen- bzw. Darmausgang und ungeplante Abgänge vermieden werden können (Fulbright, 2014). (Blase und ggf. Darm vor sexuellen Aktivitäten leeren).
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  • Wenn es während des Sexualkontakts häufig zu einer Autonomen Dysreflexie kommt, könnte das Paar in Betracht ziehen, von einer (länger andauernden) Penetration abzusehen und andere Praktiken für sich entdecken.

Es kann durchaus sein, dass Stellungen, die ausprobiert werden, zu keiner lustvollen Erfahrung führen. Wichtig ist es, mit dem Partner über evtl. Sorgen und Wünsche – und über das was klappt und was nicht klappt – zu reden, und dabei Scheu und Scham über Bord zu werfen (siehe: Über Sexualität sprechen – Eine Anleitung). Über Sexualität und deren Auslebung kann und soll gesprochen werden, wie sonst kann sie erfüllend und befriedigend sein? Sich die Zeit zu nehmen über ihre körperliche Intimität zu sprechen, kann Paaren nicht nur die Bestätigung geben in ihrem Streben nach einem erfüllten Sexualleben auf dem richtigen Weg zu sein – es kann auch erheblich zu einer verbesserten emotionalen Intimität beitragen (Fulbright, 2014).

Sexualberaterin Maike König rät: „Gegebenenfalls können auch mit qualifizierten und aufgeschlossenen Physiotherapeuten geeignete Stellungen als „Trockenübung“ ausgetestet werden.“

 

Siehe auch: Sexualität bei Querschnittlähmung

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