Richard Schaefer: Paarberatung für Querschnittgelähmte in Österreich

Richard Schaefer berät Männer und Frauen mit Rückenmarksverletzungen und deren Angehörige zu verschiedenen Themen, u. a. zum Umgang mit der neuen Sexualität. Die Probleme, mit denen Ratsuchende zu ihm kommen sind vielschichtig – und zur Lösung gibt es kein Patentrezept.

Bild 2010-08-05_138 copyright Richard-Schaefer,2010 Mit freundlicher Genehmigung von Richard Schaefer

Herr Schaefer, Sie bieten – neben einer Vielzahl weiterer Leistungen – in Österreich (Linz) Sexualberatung bei Behinderung an. Wen beraten Sie bzw. wer konsultiert Sie?

In erster Linie berate ich betroffene Personen, die durch einen Unfall (Trauma) eine Querschnitt-Symptomatik erlangt haben und deren Partnerinnen bzw. Partner.

In manchen Fällen berate und unterstütze ich auch Personen mit anderen Formen von Behinderung. Jedoch besteht einfach die Problematik, dass es innerhalb eines Behinderungsbildes unzählig viele Varianten bzw. Variablen geben kann. Dann kommt der Unterschied zwischen den Bedürfnissen von Frau und Mann dazu. Darum liegt mein Schwerpunkt bei der Querschnittlähmung; unter anderem einfach auch deshalb, weil ich mich als selbst Betroffener am ehesten mit dieser Materie auskenne.

Bei der Beratung selbst gibt es dann zwei unterschiedliche Arbeitsansätze: Bei einer alleinstehenden Person geht es primär um die Frage, was nach dem Trauma noch alles möglich ist? Bei einem Paar geht es darum, wie sie miteinander mit dem Thema umgehen lernen.

Mit welchen (sexuellen) Problemen kämpfen Querschnittgelähmte bzw. Paare in denen mindestens ein Partner querschnittgelähmt ist Ihrer Erfahrung nach am häufigsten?

Ein immer wieder auftretendes Problem ist, dass der Mann seine ganze Sexualität rein auf seine Erektion reduziert!

Ich erlebe es immer wieder, dass es neben dem Thema Inkontinenz nahezu ein Trauma ist, wenn der „kleine Prinzregent“ nicht mehr standhaft ist! Das ist einmal trotz allem DAS was wahrgenommen wird, obwohl in der Akutphase eigentlich noch ganz andere Probleme im Vordergrund stehen! Da ist einmal das möglich Harnsackerl (Anm. der Redaktion: Harnsackerl = Urinbeutel) am Ende vom Dauerkatheter oder ein suprapubischer Katheter, der aus der Bauchdecke schaut! Klar, ist natürlich nicht unbedingt sexy-like! Aber im Großen und Ganzen muss Man(n) überhaupt erst einmal vorrangig mit seinem Trauma, den ganzen Veränderungen in und mit seinem Körper klar kommen! Erst wenn ich mich mit meiner Behinderung arrangiert habe, kann ich mich selber lieben! Erst wenn ich mich selber liebe, kann ich Liebe und Sexualität wieder selber genießen, geben und annehmen!

Sicher gibt es viele Männer, die Stress bekommen, ein Mittel oder Weg zu finden wieder zu einer Erektion zu kommen; damit sie sich wieder ganz als Mann fühlen können! Sofern aber die Veränderungen des Körpers – und damit meine ich nicht nur die Mobilität und Inkontinenz – sich noch nicht eingespielt haben, wird es immer wieder Rückschläge und Enttäuschungen geben.

Bei dem Thema Erektion ist dann noch die Art der Betroffenheit – ob Para- oder Tetraplegiker – ein Thema! Bild 124324642 copyright Artem-Furman, 2013 Mit Genehmigung von Shutterstock.com

Beim Tetraplegiker kann sehr oft eine Erektion durch einen mechanischen Reiz, z. B. durch Handstimulation, ausgelöst werden, und Erektion und Ejakulation sind kein Problem! Paraplegiker benötigen oft Hilfsmittel oder Medikamente. Hier kommt es dann wieder auf das Krankheitsbild und die Krankenkasse an, was bei wem, warum, ob überhaupt und wie viel bezahlt wird. Eine SCAT-Spritze, z. B., muss ich mir vom Facharzt verordnen lassen; aber die Krankenkasse zahlt nichts dazu! Und eine Packung mit zwei Spritzen kostet um die 50 Euro! Klingt momentan nicht viel; bedeutet aber für jemand, der nur eine Grundversorgung bzw. eine Mindestsicherung hat, sehr viel Geld. Viagra als Hilfsmittel zahlten bisher zumindest einige Krankenkassen!

Man kann aber auch hier keine Pauschalregeln nennen! Abhängig von der Lähmungshöhe und davon ob sie komplett oder inkomplett ist, gibt so viele verschiedene Variation der Problematik. Schwierig wird es für die Personen, die nichts mehr spüren können und ihr Memory-Gefühl im Kopf abrufen müssen. Manche können das gut, andere gar nicht! Aber es ist durchaus möglich einen seelischen Orgasmus zu erleben; im wahrsten Sinn des Wortes.

Und bei Frauen?

Bei den Frauen ist die Problematik etwas anders gelagert! Ein Mann kann mit einer Frau die eine Querschnitt-Symptomatik aufweist schlafen! Eine Frau kann auch schwanger werden! Das heißt, ihr Grundbedürfnis „sich als Frau zu fühlen“ ist rein körperlich meist wenig beeinträchtigt!

Was beim Mann die fehlende Erektion ist, die zum Einsturz des Selbstwertgefühls führt, ist für die Frau die Angst des Verlustes der Attraktivität! Je jünger Frauen sind, desto größer ist die Angst nicht mehr Frau zu sein. Das geht so weit, dass ich miterlebt habe, wie sich eine 21-jährige Frau in ihrer Erst-Reha quer durch das ganze Reha-Zentrum geschlafen hat, um immer wieder bestätigt zu bekommen, dass sie als Frau vollwertig wahrgenommen wird und an ihrer Attraktivität nichts eingebüßt hat.

Wie können Sie den Menschen, die zu Ihnen kommen, helfen?

Bei einer Einzelperson geht es darum, einmal zu sensibilisieren und zu schauen, wo die Person steht: Ist der Prozess der ersten großen Veränderungen im Körper abgeschlossen? Wie schaut es mit der eigenen Körperwahrnehmung aus? Hatte die Person überhaupt eine eigene Körperwahrnehmung und welche Veränderung erlebt sie nun selbst? Wie haben sich zum Beispiel erogene Zonen verschoben?

Personen, die das bzw. ihren Körper in diese Richtung neu erkunden wollen und in keiner Partnerschaft leben, vermittle ich an die sog. Sexualassistenz. Das sind Sexualbegleiter bzw. Sexualbegleiterinnen oder, wie´s in Deutschland manchmal auch heißt, Berührfrauen. Es gibt zwar inzwischen in Deutschland und der Schweiz spezielle Schulungen für Sexarbeiterinnen im Umgang mit Menschen mit Behinderung; aber um sich wieder neu zu entdecken, empfehle ich für meinen Teil eher die Sexualassistenz!

Ich habe beides ausprobiert und bin der Überzeugung, dass Personen mit frisch erworbener Querschnittlähmung, die auch noch auf der Neu-Entdeckungsreise ihres Körpers sind, zumindest bei den österreichischen Sexualassistentinnen besser aufgehoben sind! Meine Aufgabe bei solchen Einzel-Klienten liegt einmal bei der Aufklärung was bedeutet z.B. Inkontinenz im Einfluss auf Sexualität, welche Hilfsmittel gibt es und eben ggf. der Kontaktvermittlung zu Sexualassistentinnen.

Wie beraten Sie Paare, die zu Ihnen kommen?

Bei einer Person, die in einer Partnerschaft lebt, ist mein Ansatz etwas anders! Die betroffene Person braucht erst einmal genug Zeit mit ihrer neu erworbenen Behinderung, ihrer Einschränkung im täglichen Leben zurechtzukommen. Auch das Harn- und Darmmanagement muss sich erst einmal richtig einpendeln! Natürlich kommen auch Themen wie veränderte Körperwahrnehmung und Verschiebung der erogenen Zonen zur Sprache!

Hinzu kommt der psychische Druck der Partnerin/dem Partner auch weiterhin zu gefallen und sie oder ihn befriedigen zu können – und natürlich auch auf seine eigenen Kosten zu kommen. Während die sexuellen Bedürfnisse des nicht behinderten Partners ganz normal weiter bestehen und befriedigt werden wollen, braucht die von der Querschnittlähmung betroffene Person erst einmal Zeit, wieder in die Spur zu kommen. Hier entstehen natürlich auch Ängste, verlassen zu werden. Manchmal fühlt sich der Betroffene der Situation nicht gewachsen und glaubt, dass der Partner nicht die nötige Geduld aufbringen könne.

Meine Aufgabe ist, das Paar – jeden aber individuell für sich – da abzuholen, wo sie gerade stehen! Die verständliche gegenseitige Vermittlung der momentanen Bedürfnisse des Anderen als Mediator darzustellen. Gerade in dieser Phase habe ich viele Männer erlebt, die hier jedes Wort der Partnerin auf die Waagschale und immer zu ihrem Nachteil ausgelegt haben.

Oft kommt es dann dazu, dass der Mann die Frau hinausekelt und er sich in seiner „Opfer-Rolle“ bestätigt lassen möchte. Ich versuche dem entgegen zu wirken, indem ich beide Seiten für den jeweiligen Entwicklungsschritt des Anderen sensibilisiere und jeden auch so lange stützend begleite, bis beide an dem Punkt angelangt sind, ihre gemeinsame neue Sexualität zu erforschen , erleben und genießen zu können!

Was ist der Schlüssel zu einer befriedigenden Sexualität bei Querschnittlähmung?

Ich denke, eine befriedigende Sexualität ist dann gegeben, wenn es der betroffenen Person gut tut und gut geht wenn sie ihre neue Sexualität praktizieren kann! Oder eben beiden Partnern, wenn man in einer Beziehung ist. Das ist eine Betrachtungsweise, die bei jedem für sich eine eigene Definition bedeutet! Dieselbe Frage wäre: Was ist guter Sex? Ich persönlich gehöre zu denen, die das Gefühl eines Orgasmus im Kopf abrufen können, wenn ich eine Partnerin zum Höhepunkt stimuliert habe, und während sie ihren Höhepunkt durchlebt, kann ich den meinen im Kopf abrufen. Das bedeutet für mich ist es eine erfüllte und befriedigende Sexualität, wenn ich anschließend ein anhaltendes Glücksgefühl erlebe und es meiner Stimmung gut tut beziehungsweise sie ins Positive anhebt. Du, es muss ja nicht immer mit Orgasmus einhergehen!

Wie können sich Interessierte an Sie wenden und welche Kosten entstehen?

Gerne kann man mich über folgende Daten direkt kontaktieren! Kosten entstehen keine; ich mache meine Arbeit bei dem von mir gegründeten Netzwerk Quer-schnitt (alle Bereiche; außer das Unterrichten) ehrenamtlich.

Netzwerk Quer-schnitt*

DGKP Richard J. Schaefer Bild Logo Quer-schnitt.at copyright Richard Schaefer, 2010 Mit freundlicher Genehmigung von Richard Schaefer

Aktivierungs- und Pflegetherapeut

Dipl. Sexualberater/-pädagoge

IG-Pflege Regionalkoordinator des ÖRK

Lebens- und Sozialberater (Schwerpunkt Menschen mit besonderen Bedürfnissen & ihre Angehörige)

Scharitzerstrasse 2-4

A-4020 Linz/Donau

Tel.: 00 43 (0) 676 9356144

Email:              netzwerk.quer-schnitt@liwest.at 

Homepage  :   www.quer-schnitt.net 

 

Richard Schaefer ist diplomierte (examinierter) Fachpflegekraft für Neurologie & Psychiatrie und Psychosomatik. Bis 2004 absolvierte er eine Reihe von Aus- und Weiterbildungen mit der Spezialisierung auf Psycho-Traumatologie, Psychosomatik, Menschen in Lebenskrisen, Menschen nach traumatischen Erlebnissen und Pflegemanagement. Er berät Rückenmarksverletzte und deren Angehörig zum Thema Leben mit Querschnittlähmung.

 

 

*Die Namensähnlichkeit ist themenbedingt und zufällig.

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