Erfahrungsbericht: Studieren mit Handicap

Christiane Stöckler hat in Bremen Psychologie studiert. Seit einem Unfall kurz nach dem Abi ist sie Tetraplegikerin. Wie das Studieren mit Handicap geklappt hat, hat sie der Der-Querschnitt-Redaktion erzählt.

Bild 37039990 Copyright Iconcept, 2013. Mit Genehmigung von Shutterstock.com

 

 

Frau Stöckler, wann haben Sie beschlossen, Psychologie zu studieren?

Nach meinem Abi hatte ich diesen Unfall, der meinen ursprünglichen Berufswunsch zunichte gemacht hat. Eigentlich wollte ich Grundschullehrerin werden. Aber dann kam erstmal ein längerer Krankenhausaufenthalt. Und danach wollte ich gar nichts so richtig. In der Situation hat sich mein Vater, der selbst an der Uni arbeitet, für mich dort umgesehen. Er hat mir das Vorlesungsverzeichnis mitgebracht, und ich habe einen seiner Vorschläge ­– Jura und Psychologie waren dabei – dann einfach ausprobiert, weil ich das auch interessant fand.

Wie war der Einstieg als „Ersti“?

Am Anfang wollte ich möglichst genauso studieren wie alle anderen auch. Aber die ganze Pflege nimmt echt viel Zeit in Anspruch. Das hab ich einfach unterschätzt. Ich hatte so viele Seminare und die Zeit war so stressig, dass ich richtig krank geworden bin. Ich musste erst lernen, wie viel ich mir zumuten kann und habe irgendwann mein Tempo gefunden. Dass das Studium letztlich doppelt so lang gedauert hat wie die vorgesehene Regelzeit, war für mich dann total in Ordnung. Ich wollte schließlich auch noch etwas Freizeit haben.

Ließen sich Ihre privaten Abläufe im Alltag mit den Vorgaben des Vorlesungsverzeichnisses vereinbaren?

Meistens ja. Einmal wollte ich ein Seminar besuchen, das ganz früh morgens losging. Ich wusste, dass ich das nicht schaffen kann. Aber ich konnte mich mit dem Dozenten darauf einigen, dass ich die entsprechende Literatur zuhause lese und dann bei ihm die Prüfung mache. Überhaupt ist meine Erfahrung aus dem Studium, dass für fast alles eine Lösung gefunden werden konnte, wenn man das Problem schilderte – am besten immer persönlich.

Haben Sie dennoch auch Grenzen erlebt?

Einmal hatte ich mich um ein Praktikum beworben und wurde mit der Begründung abgelehnt, die Tatsache, dass ich im Rollstuhl sitze, würde die Klienten ablenken. – Man würde schließlich auch niemanden mit grünen Haaren anstellen. Ich habe das damals an den Behindertenbeauftragen weitergeleitet, der sich mit der Organisation in Verbindung gesetzt hat. Danach wären sie zwar bereit gewesen, mich zu nehmen, aber da wollte ich dann nicht mehr.

Wie war das mit den baulichen Barrieren?

Die Uni Bremen ist, gemessen an den Bedürfnissen, die ich habe, rollstuhlgerecht. In besonderen Fällen halfen mir auch meine Assistenzkräfte. – Einmal fehlte eine Rampe, aber nachdem ich das gemeldet hatte, war sie eine Woche später da. Die Aufzüge könnten für bestimmte Rollstühle vielleicht eng werden – für mich hat es gepasst.

Sie haben gerade Ihre Assistenten erwähnt. Was waren deren Aufgaben? 

Meine Assistenten haben mich in die Uni begleitet, ja. Sie haben mich hingefahren und mir z. B. Bücher in der Bibliothek ausgeliehen, in der Sprechstunde bei Dozenten haben sie mitgeschrieben oder auch bei schriftlichen Prüfungen, wenn ich ihnen – z. B. vor der Tür – diktiert habe, was sie schreiben sollten. In den Seminaren selbst mussten sie nicht mitschreiben, das haben die anderen Studierenden ja ohnehin gemacht, und von denen hab ich dann Mitschriften bekommen.

War es leicht, Kontakte zu knüpfen?

Die anderen hatten schon Interesse, haben sich aber manchmal nicht so getraut, den ersten Schritt zu machen. Wenn man dann aber auf Leute zugeht, verfliegen die Hemmungen ganz schnell.

Gab es außer Ihnen noch andere Studenten mit Handicap?

So vier bis sechs Leute mit körperlichen Handicaps hab ich schon ab und zu mal in der Mensa gesehen. Manchmal sind es aber auch Einschränkungen, die man nicht sieht. Ich glaube, es haben auch viele mit psychischen Handicaps studiert.

Wurde für behinderte Studierende eine spezielle Beratung angeboten?

An der Uni Bremen gibt es die „Interessengemeinschaft Handicap“ (IGH) von und für Studierende mit Behinderung. Dort steht z. B. auch eine Art Rückzugsraum zur Verfügung, den ich öfters genutzt habe, um zwischen den Veranstaltungen ein bisschen Ruhe zu haben. Man kann sich bei der IGH aber auch zu möglichen Hilfen im Studium beraten lassen oder Unterstützung beim Ausfüllen von Anträgen bekommen.

 

 

Stoeckler_InterviewChristiane Stöckler ist vom Hals abwärts gelähmt (C3). Wenn sie im Alltag nach ihrer Lähmung gefragt wird, ergänzt sie manchmal: „So wie Samuel Koch oder der Typ von ‚Ziemlich beste Freunde‘.“ Gerade ist sie dabei, ihre Diplomarbeit für eine Veröffentlichung aufzubereiten. Außerdem muss sie sich entscheiden: Sie könnte eine Therapie-Ausbildung an ihr Studium anschließen, um später als Psychotherapeutin arbeiten zu können oder gleich eine Stelle als Diplom-Psychologin suchen. „Wenn ich Letzteres mache, möchte ich am liebsten in die Beratung. Zum Beispiel als Ansprechpartnerin für Angehörige im Krankenhaus.“

 

 

Siehe auch: Barrierefrei studieren: Online-Portal für Studenten mit Handicap

Fragen & Kommentare

Fragen & Kommentare zu diesem Artikel


Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu hinterlassen.

Zur Registrierung geht es hier lang.