Serotoninüberschuss verursacht Spastik

Wissenschaftler der Universität Kopenhagen haben die Ursache für unkontrollierbare Muskelkontrakturen bei Querschnittgelähmten untersucht. Ihre Erkenntnisse könnten die Grundlage für neue, verbesserte Behandlungsmöglichkeiten bei Spastik als Folge von Rückenmarksverletzungen sein.

Bild 105328079 copyright lightspring, 2013 Mit Genehmigung von Shutterstock.com

Spastik bzw. Spastizität (siehe: Spastik als Folge einer Querschnittlähmung) gehört zu den häufigsten Komplikationen und Folgekrankheiten, die bei einer Rückenmarksverletzung auftreten können. Ausgelöst werden die unfreiwilligen Muskelkontrakturen durch den Neurotransmitter Serotonin. Unter normalen Umständen spielt die Serotoninausschüttung eine wichtige Rolle, wenn die Aktivität in den Motorneuronen zur willentlichen Muskelsteuerung gesteigert werden soll, z. B. wenn Muskeln kurzzeitig Höchstleistungen erbringen müssen. Studien zeigen nun, dass eine Zellgruppe im Rückenmark unkontrolliert Serotonin ausschüttet, wenn eine Querschnittlähmung vorliegt. Die Steuerung des motorischen Systems wird damit außer Gefecht gesetzt.

„Es scheint nun recht deutlich, weshalb die Serotoninausschüttung so außer Kontrolle gerät, und wir haben gezeigt, dass ein bestimmtes serotoninbildendes Enzym hierbei eine Schlüsselrolle spielt“, sagt Neurologe Prof. Jacob Wienecke von der Universität Kopenhagen. “Indem wir uns auf dieses Enzym konzentrieren, werden wir langfristig Behandlungsmöglichkeiten finden, die das Nervensystems beeinflussen können.“

Aromatische-L-Aminosäure-Decarboxylase (AADC)

Das Enzym Aromatische-L-Aminosäure-Decarboxylase (AADC) spielt eine wichtige Rolle bei der Serotoninproduktion:

“Während der ersten paar Tage nach Eintritt einer Rückenmarksverletzung lässt sich eine sehr schnelle Regulation von AADC feststellen, was zu der unkontrollierten Produktion von Serotonin führt. Wir gehen davon aus, dass dies eine Art Notfallprogramm des Rückenmarks ist: Es versucht die AADC-Kapazität zu erhöhen“, sagt Wienecke. Die Wissenschaftler vermuten, dass eben dieses Notfallprogramm auch die unwillentlichen Bewegungen (Dyskinesia) von Parkinson Patienten verursacht. “Wir hoffen, dass unsere Ergebnisse dazu beitragen werden Medikamente zu entwickeln, die speziell an den AADC Zellen ansetzen. Vielleicht werden wir so in Zukunft in der Lage sein, unerwünschte neurale Aktivitäten zu regulieren, sodass der Patient keine störenden Spastiken mehr erlebt.“

Gewöhnlich wird Spastik mit Medikamenten aus der Gruppe der Muskelrelaxantien behandelt, die die Neuronenaktivität unterdrücken und damit die Motorneuronen außer Gefecht setzten, die die Spastik auslösen. Man vermutet allerdings, dass mit derartigen Medikamenten die Rehabilitation des Betroffenen verlangsamt wird. Zudem können Muskelrelaxantien, wie z. B. Baclofen, auch andere Prozesse im Zentralen Nervensystem (ZNS) hemmen, wodurch es u. U. zu erhebliche Nebenwirkungen kommen kann, z. B. Müdigkeit und Schlafstörungen, Auswirkungen auf Psyche und Verdauung und Einschränkungen der Sexualfunktion (DocCheck, 2014).

Ein Medikament zu entwickeln, das das AADC Enzym daran hindert, in Rückenmarkszellen einen Überschuss an Serotonin zu produzieren, statt bereits vorhandenes Serotonin in seiner Wirkung zu dämpfen, würde laut Wienecke großen Sinn machen, doch dies ist ein langer Weg. Von der Idee zur zugelassenen Arznei können bis zu zwölf Jahre vergehen. Bis dahin wird Baclofen weiterhin das erste Mittel der Wahl bleiben müssen.

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  1. Rainer Krauthan 18.02.2016, 10:40 Uhr

    Ist denn nun schon damit angefangen ein Medikament zu entwickeln. Ich leide nämlich sehr unter meinen Spastiken und meine Baclofen Pumpe kann nicht mehr höher eingestellt werden, was kann man denn zu Baclofen dazu nehmen. Habe gehört das es etwas über Marihuana geben soll, stimmt das? Würde mich über eine Antwort sehr freuen
    MfG
    Rainer

    • Tanja Konrad 18.02.2016, 11:57 Uhr

      Guten Tag Rainer,

      ein für den Endverbraucher verfügbares Medikament, das gezielt an den AADC Zellen ansetzt, wird es soweit wir wissen in absehbarer Zeit nicht geben. Von dem Finden einer neuen behandelbaren Komponente bis zur Entwicklung und Zulassung eines entsprechenden Medikamentes können bis zu 15 Jahre vergehen.

      Was den Einsatz von Marihuana angeht, sind die Informationen zwiespältig. Zwar wirkt sich Cannabis nachweislich positiv auf Schmerzen aus, was die Spastik angeht gibt es mehrere Studien mit unterschiedlichen Ergebnissen. Auf das zugelassene Medikament Sativex sprachen in Studien immerhin ca. 40% der Testpersonen mit Spastik an. Im Hinblick auf die dänische Studie ist aber zu bedenken, dass Cannabis u. a. wirkt indem es Serotonin aus Speichern freisetzt und Blockaden seiner Wiederaufnahme löst.

      Eine Beratung, wie Sie in Ihrem persönlichen Fall weiter vorgehen sollten, dürfen wir als Informationsportal nicht vornehmen. Wir empfehlen, dass Sie sich an Ihren behandelnden Arzt oder einen Neurologen oder auch Schmerztherapeuten wenden und mit ihm die Einsatzmöglichkeiten von Stativex oder der anderen im Beitrag Cannabis als Arzneimittel genannten, in Deutschland zugelassenen Medikamente in Ihrem Fall besprechen.

      Viele Grüße und alles Gute!
      Tanja Konrad