Durch künstliche Befruchtung zum Wunschkind

Wenn das Zeugen eines Kindes trotz aller Bemühungen nicht klappt, muss querschnittgelähmten Männern der Wunsch Vater zu werden nicht unbedingt versagt bleiben. Eine künstliche Befruchtung kann die Lösung sein.Bild 49999736 copyright CLIPAREA-l-Custom-media, 2013 Mit Genehmigung von Shutterstock.com

Wie im Beitrag Vater werden trotz Querschnittlähmung beschrieben, kann es nach einer Rückenmarksverletzung zu einer verminderten Zeugungsfähigkeit kommen; zum einen durch eine evtl. verringerte Spermienqualität und zum anderen durch die möglicherwiese verminderte oder fehlende Fähigkeit zur Erektion und/oder Ejakulation (siehe: Sexualität bei Querschnittlähmung). In beiden Fällen können Methoden der künstlichen Befruchtung zum Wunschkind verhelfen.

Methoden der künstlichen Befruchtung

SH-123056011-GRei-klein2Die Methode der künstlichen Befruchtung, die am bekanntesten ist, jedoch eher selten zum Einsatz kommt, wenn es darum geht, querschnittgelähmten Männern eine Vaterschaft zu ermöglichen, ist die In-Vitro-Fertilisation (IVF). Die Hormonbehandlung der Frau fördert das Heranreifen möglichst vieler Eizellen, die dann durch die Scheide abgesaugt werden. In einer Glasschale mit Nährlösung werden die Eizellen und die Spermien zusammengefügt, sodass dort eine Befruchtung stattfinden kann. Teilen sich die Zellen und entwickeln sich zu Embryonen, werden hiervon bis zu drei befruchtete Eizellen durch die Scheide in die Gebärmutter der Frau eingesetzt. Eine weitere Hormonbehandlung soll das Einnisten von wenigstens einer Eizelle und die weitere Schwangerschaft unterstützen. Weitaus üblichere Methoden der künstlichen Befruchtung zur Erfüllung des Kinderwunsches querschnittgelähmter Männer sind die intrauterine Insemination (IUI) und die intracytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI). Welche davon angewendet wird, hängt davon ab, ob eine Ejakulation überhaupt möglich und eine ausreichende Menge beweglicher Spermien im Ejakulat vorhanden ist oder nicht.

  • Intrauterine Insemination (IUI)

Nach vorangegangener Masturbation oder assistierter Ejakulation erfolgt die Samenübertragung in den Körper der Frau. Dazu kann der Samen des Partners oder eines Spenders verwendet werden. Die Spermien werden mit einem Schlauch entweder in die Gebärmutter oder in die Eierstöcke gespritzt.

  • Intracytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI)

Im Fall der intracytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) wird nach vorangegangener testikulärer Spermienextraktion (TESE) bzw. perkutane Punktion ein einzelnes Spermium des Mannes ausgewählt und direkt in das Zytoplasma einer entnommenen Eizelle gespritzt. Nach erfolgreicher Zellteilung wird der Embryo mittels eines kleinen Schlauches durch die Scheide in die Gebärmutter der Frau eingesetzt. Vor und nach dem Eingriff ist die Einnahme von Hormonen notwendig, um ein Einnisten des Embryos zu begünstigen. Sollten gar keine mobilen Spermien vorhanden sein, könnte das Paar mit Kinderwunsch eine künstliche Befruchtung mittels Spendersamen in Betracht ziehen. Allerdings ist bei Fremdsamenspenden eine (auch anteilige) Kostenübernahmedurch die gesetzlichen Krankenkassen ausgeschlossen. Dies bezieht sich nicht nur auf den Ankauf des Samen an sich sondern auf die gesamte Behandlung. Bei Eizellenspenden sieht es noch finsterer aus; diese sind in Deutschland nämlich verboten

Was man wissen sollte

Die künstliche Befruchtung stellt zwar eine realistische Möglichkeit aber keine Garantie bei der Erfüllung eines Kinderwunsches dar. An diesen oft letzten Ausweg sind so viele Hoffnungen und Erwartungen geknüpft, dass der psychische Druck, dem ein Paar sich aussetzt nicht unterschätzt werden darf. Neben der medizinischen Betreuung könnte ggf. eine psychologische bzw. seelsorgerische Begleitung in Erwägung gezogen werden. Weitere Risiken und Nachteile sind neben der mitunter hohen finanziellen Belastung:

  • Schmerzen bei der assistierten Spermaentnahme
  • Mögliche Infektionen bei den Eingriffen
  • Die Gefahr von Mehrlingsschwangerschaften
  • Die gesundheitliche Belastung für die Frau im Falle von Hormonbehandlungen, z. B. schmerzhaften Überstimulation der Eierstöcke, Gerinnungsstörungen, etc.

Kostenübernahme bei künstlicher Befruchtung

Jeder Versuch einer künstlichen Befruchtung kostet je nach Methode zwischen 2.000 und 4.000 Euro. Nach dem Sozialgesetzbuch haben gesetzlich Versicherte einen Anspruch auf die Kostenübernahme von 50% der ersten drei Versuche. Einige gesetzliche Krankenkassen übernehmen die Kosten anteilig über dieses gesetzlich vorgegebene Maß hinaus (z. B. für bis zu fünf Versuchen).  Im Fall von Privatversicherten hängt eine Kostenübernahme von der Vertragsart ab. Vor der Behandlung muss diese von der zuständigen Krankenkasse genehmigt werden – und eine Genehmigung unterliegt bestimmten Voraussetzungen. Neben medizinischen Voraussetzungen und einer realistischen medizinisch bestätigten Erfolgs-Chance, sind diese:

  • Alter
    Keiner der Partner darf jünger als 25 Jahre sein, der Mann nicht älter als 50 Jahre und die Frau nicht älter als 40 Jahre sein. (Auch hier gehen verschiedene Kassen unterschiedlich vor.)
  • Stabilität der Beziehung
    Das Paar muss entweder verheiratet sein, oder (diese Option ist kassenabhängig) in einer stabilen Beziehung leben, in der keiner von beiden mit einem anderen Partner verheiratet ist.
  • Behandlungsplan
    Ein Behandlungsplan des zuständigen Arztes muss bei Antragstellung vorliegen.

Kosten aus dem Eigenanteil lassen sich als „außergewöhnliche Belastung“ von der Steuer absetzen. Voraussetzung ist, dass die „zumutbare Eigenbelastung“ überschritten ist, welche sich nach der Einkommenssituation des Paares richtet. Eine Ausnahme bildet hier die Behandlung mit Fremdsamen: Hier wird eine steuerliche Geltendmachung genauso ausgeschlossen wie die Kostenübernahme an sich (s. o.). Hat man bereits ein Kind z.B. durch In-Vitro-Fertilisation bekommen, übernimmt die gesetzliche Kasse auch erneut die Kosten für ein weiteres Kind unter den  jeweiligen Voraussetzungen.

Urteil zur Kostenübernahme bei unfallbedingter Querschnittlähmung

Aus dem Jahr 2011 stammt ein Präzedenzurteil, das die Kostenübernahme einer künstlichen Befruchtung durch die Versicherung des Unfallgegners bei unfallbedingter Querschnittlähmung vorsieht. Ein nach einem unverschuldeten Verkehrsunfall querschnittgelähmter Mann, klagte auf Kostenübernahme der testikulären Spermienextraktion (TESE) und der intracytoplasmatischen Spermieninjektion (ICSI) zur Erfüllung des Kinderwunsches mit seiner Lebensgefährtin.  Die Versicherung der Unfallverursacherin hatte ihre Schadensersatzpflicht aus dem Unfall grundsätzlich anerkannt, wollte aber nicht für Kosten einer künstlichen Befruchtung aufkommen. Das Oberlandesgericht Stuttgart verurteilte die Versicherung des Unfallverursachers zur Bezahlung der Behandlung. Der unfallbedingte Verlust der Zeugungsfähigkeit und eine Heilbehandlung, die diese Folge ausgleichen könne, gehören zum ersatzpflichtigen Schaden. Und zwar zu 100%, d. h. der Eigenanteil von 50%, den Paar eigentlich tragen müssen, entfiel. Denn, so die Richter, der unfallrechtliche Schadensbegriff sei nicht auf den kassenrechtlichen Leistungsumfang begrenzt und davon getrennt zu sehen (Modl, 2014).

Wo werden künstliche Befruchtungen durchgeführt?

Querschnittzentren (siehe: Kliniken zur Behandlung von Querschnittlähmungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz) sollten grundsätzlich mit den Möglichkeiten, Methoden und Eventualitäten bei künstlicher Befruchtung mit Querschnittlähmung vertraut sein. Sexualberaterin Maike König rät: „Paare mit Kinderwunsch sollten sich in den lokalen bzw. regionalen Querschnittzentren beraten lassen, an wen sie sich am besten wenden können.“

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