ASBH-Broschüre: Erfahrungen in Ausbildung und Beruf mit Handicap

Die Broschüre „Auf geht`s – Fit für Ausbildung und Beruf“ der Arbeitsgemeinschaft Spina Bifida und Hydrocephalus e.V. (ASBH) erzählt von den Erfahrungen einzelner Mitglieder in der Arbeitswelt und macht eins deutlich: Wer mit einer gesundheitlichen Einschränkung Probleme bei der Jobsuche hat, ist damit nicht allein.

Bild 86607808 Copyright wong yu liang, 2013. Mit Genehmigung von Shutterstock.com

 

„Behinderung ist für die Suche und den Erhalt des Arbeitsplatzes ein Wettbewerbsnachteil. So ehrlich muss man sein“, schreiben die ASBH-Vorsitzende Anne Göhring und Geschäftsführerin Ilona Schlegel im Vorwort der Broschüre. Leider fällt den beiden dazu nichts Besseres ein, als Betroffenen unbezahlte Tätigkeiten als „einen kleinen Beitrag“ vonseiten der ASBH anzubieten. Hilfe bei Tagungen oder das Erstellen eines Flyers oder Berichtes zum Beispiel. Das Signal: Nicht wer arbeitet (in diesem Fall auch noch unbezahlt) hilft, sondern wer „bereit“ ist, diese Arbeit anzunehmen. Eine Selbsthilfegruppe lebt vom Engagement ihrer Mitglieder, so viel ist klar – aber sich als Verein kostenlos Flyer von arbeitslosen Mitgliedern gestalten zu lassen und das als soziales Projekt zu deklarieren, dürfte der Sache nicht gerade dienlich sein.

Wer über das Editorial hinauskommt, findet auf den folgenden Seiten zwei Beiträge zum Umgang mit Sozialen Medien im Hinblick auf die Jobsuche („…Das lustige Foto von der  Karaoke-Show wirkt auf Personalchefs ganz anders als auf Freunde.“) und zum Thema Beruf im Internet: Foren, Ratgeber und Infoseiten.

Danach erzählen ASBH-Mitglieder in sieben Erfahrungsberichten von ihren persönlichen Erlebnissen und Begegnungen auf dem Weg von der Schule ins Arbeitsleben. Nicht bei allen kommen Spina bifida und Hydrocephalus zusammen vor, manchmal ist es entweder das eine oder das andere. Beide Beeinträchtigungen können besondere Bedürfnisse im Job mit sich bringen.

Ausgetretene Pfade verlassen

Was auffällt: Mehrere Autoren der Broschüre wurden im Laufe ihrer Suche nach einer geeigneten Arbeit an Berufsbildungs- oder Berufsförderungswerke verwiesen. Berufsbildungswerke (BBW) bilden junge Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen in vielen staatlich anerkannten Ausbildungsberufen aus. Berufsförderungswerke (BFWs) sind Angebote zur beruflichen Neuorientierung für Personen, die z. B. wegen einer Behinderung ihren Beruf nicht mehr ausüben können. Aber beide richten sich ausschließlich an Personen mit Einschränkungen: ein Sonderweg, der naheliegt und nahezu keine Kreativität und Offenheit von Berufsberatern und Gesellschaft verlangt.

Sabrina Fecke kennt sich in diversen Berufsbildungswerken bestens aus. Mehrfach wurde sie dorthin geschickt. Eine vierwöchige Arbeitserprobung als Mediengestalterin in einem Berufsbildungswerk bescheinigte ihr zu wenig räumliches Vorstellungsvermögen, mathematisches und geometrisches Wissen. Stattdessen ist sie heute Bürokauffrau. Sie spricht von wenig Unterstützung bei der Arbeitssuche durch Bundesagentur und Integrationsamt und hegt immer noch den Wunsch, beim Radio zu arbeiten.  Nebenbei habe sie beobachtet, wie Gleichgesinnte in den „Werkstätten für angepasste Arbeit“ (Werkstätten für Menschen mit Behinderung, WfMB) regelrecht versauert seien. „Viele hätten durchaus die Chance verdient, auf dem 1. Arbeitsmarkt integriert zu werden. Dies geht allerdings nur dann, wenn mit Arbeitgebern und Arbeitnehmern offen über jede einzelnen Punkte gesprochen und die Blockaden mehr und mehr abgebaut werden“ (Fricke, 2014).

Gegenseitiges Kennenlernen sieht sie als Schlüssel zu mehr Chancen auf inklusive Arbeitsverhältnisse und bestätigt damit die Ergebnisse einer Forschungsarbeit aus der Schweiz (Deuchert/Liebert, 2012). Die Autoren beschreiben darin insbesondere Projekte der verzahnten Ausbildung, bei der Arbeitgeber, Kollegen und behinderte Auszubildende einander im realistischen Arbeitsumfeld erleben, und beide Seiten die Hilfe eines Coaches in Anspruch nehmen können, als eine der raren effektiven Maßnahmen der beruflichen Inklusion.

Auch Autor Stefan Götze hofft nach seinen unentgeltlichen Praktika in einem ortsansässigen Berufsförderungswerk noch auf Arbeit, von der er leben kann. Für die Initiierung der Praktika sei er noch heute sehr dankbar. Der Titel des Beitrags: „50% GdB – 100% Absagen“.

Testergebnisse vor Selbstbestimmung?

Die Erfahrungsberichte zeigen, dass die Wünsche der Betroffenen und die Vorstellungen der Behörden sich häufig nicht decken. Während hier individuelle Berufswünsche mit der Empfehlung einer kaufmännischen Ausbildung in einem Berufsbildungswerk abgeschmettert werden, heißt es in anderen Fällen: nach Testergebnis zu fit für eine WfMB, auch wenn Betroffene in ihr die letzte Chance auf eine Beschäftigung sehen und nicht länger in endlosen „Maßnahmen“ verwahrt werden wollen. „Es darf nicht Sinn der Sache sein, dass wir Betroffene von einer Maßnahme in die nächste geschickt werden (und somit aus der Arbeitslosen-Statistik raus sind!), sich für uns aber nichts ändert!“, kritisiert Autor Christian (Christian, 2014).

Kreative, individuelle Lösungsansätze durch Fallmanager in den Reha-Teams der Bundesagentur für Arbeit beschreibt keiner der Autoren, obwohl es sie in der Praxis hoffentlich auch gibt. Die schmale Broschüre liefert Erfahrungsstichproben. Diese signalisieren: Es braucht persönliche Ziele und Ansprüche, um sich durch ein System zu beißen, das offenbar noch immer lieber separiert als inkludiert. Dankbarkeit allein hilft hier nicht weiter.

Es geht auch anders

Andreas Jörg kündigt entschlossen seinen Job in der Vertriebsabteilung eines Unternehmens, weil ihn die immer lauter werdende Kritik an seinem Arbeitstempo belastet. „Da ich noch bei meinen Eltern wohnte, war ich finanziell noch unabhängig“, erklärt der Industriekaufmann mit Hydrocephalus. Bald findet er eine neue Stelle und setzt auf Offenheit: „Mein Chef ist über meine Behinderung und meine Einschränkungen informiert. Er weiß, dass er mich auf Unterlagen auf meinem Schreibtisch eventuell noch mal hinweisen muss, da ich sie übersehe. Er gestattet mir Bildschirmpausen, wenn ich sie benötige. Wenn ich – gerade was meine Augen angeht – an Grenzen stoße, kann ich dies offen äußern, ohne Angst vor Konsequenzen zu haben“ (Jörg, 2014).

Auch Maria Rützel gibt nicht auf: Auf Umwegen macht sie Fachabitur und eine Ausbildung als Kauffrau für Bürokommunikation und studiert schließlich Soziale Arbeit. Ihre Erfahrung: „Es sind die Barrieren in den Köpfen, die behindern.“ Der sture Anspruch, sich nicht behindern zu lassen, bringt sie weiter. Auch kleinere bauliche Barrieren würden nicht länger vorgeschoben, wenn erst mal die mentalen Schranken gefallen seien, so Rützel.

Den Abschluss macht ein merkwürdig glattes Interview mit der Leistungssportlerin Anna Schaffelhuber, das zunächst bei REHACARE.de erschienen ist. Die mehrfache Medaillengewinnerin bei den Paralympics ist die erfolgreichste deutsche Monoskifahrerin. Ihre Antworten in dem Gespräch bleiben vorsichtig und knapp. Sie sei ungeduldig und es gehe ihr oft zu langsam, sie höre Musik aus dem Radio und ihr falle spontan keine Frage ein, auf die sie gern eine Antwort hätte. Ängste nehme sie als Herausforderungen und freue sich auf jeden neuen Tag. Eigentlich geht`s in dem Gespräch nicht direkt um den Beruf. Parlympisches Gold wolle sie im Leben noch erreichen, sagte Schaffelhuber damals schlicht über ihre Lebensziele. Einen Monat nach Erscheinen des Heftes gelang ihr das: bei den Winterparalympics in Sotchi.

Auf geht`s – Ausgewählte Texte von Mitgliedern der ASBH. Fit für Ausbildung und Beruf, Arbeitsgemeinschaft Spina Bifida und Hydrocephalus e.V. (ASBH), Dortmund 2014.

 

 

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