Assistierte Sexualität in Deutschland, Österreich und der Schweiz

Begriffe wie Sexualtherapie, Sexualberatung, Sexualassistenz, Sexualbegleitung und Surrogatpartnerschaften, fallen häufig, wenn es um Sexualität und Behinderung geht.  Aber was genau verbirgt sich hinter diesen Termini und wie sinnvoll kann eine Inanspruchnahme dieser Leistungen für Querschnittgelähmte sein?

Bild 120402727 copyright Andrey-Popov, 2013 Mit Genehmigung von Shutterstock.com

Da es sich bei der Sexualbegleitung und Surrogatpartnerschaften (und bedingt auch bei der aktiven Sexualassistenz) um sexuelle Dienstleistungen handelt, drängt sich der Vergleich mit Prostitution auf und in der Tat scheinen die Grenzen fließend zu sein. Laut den Praktizierenden selbst (die durchaus aber nicht unbedingt Prostituierte sein können) gibt es aber einen wesentlichen Unterschied: Es gehe nicht darum, möglichst schnell einen Job zu erledigen, sondern dem Klienten eine individuelle Erlebbarkeit der eigenen Sexualität und Sinnlichkeit zu ermöglichen. Ein weiteres Ziel seien Empowerment im therapeutischen Sinne, sowie  das Überkommen von sexuellen Schwierigkeiten, z. B. aufgrund eines negativen Körperimages oder geringem Selbstwertgefühl. Zudem sind vor allem Sexualbegleiter bzw. Surrogaten sich im Klaren darüber, dass Klienten sich in sie verlieben könnten, und legen daher von vorne herein eine Höchstzahl an Treffen fest.

Sexualberaterin Maike König erklärt die Möglichkeiten der assistierten Sexualität und deren Abgrenzung und gibt einleitend folgendes zu bedenken: „Begrifflichkeiten wie Sexualberater, Sexualbegleiter, usw. sind in Deutschland rechtlich nicht geschützt. Ratsuchende sollten deshalb im Vorfeld auf einen seriösen Ausbildungshintergrund und entsprechende Referenzen achten. Alle aufgeführten Professionen unterliegen – insofern sie professionell angesiedelt sind – der Schweigepflicht. Darüber hinaus sollten Empathie, Kompetenz, Individualität, Neutralität, Zielorientiertheit und Respekt selbstverständlich sein.“

Passive und aktive Sexualassistenz

Sexualassistenz umfasst alle Maßnahmen, die in Anspruch genommen werden, um Sexualität leben zu können, wenn die Betroffenen auf Grund ihrer Einschränkung (körperlich und/oder geistig) auf Hilfe Außenstehender angewiesen sind. Es wird dabei in passive und aktive Sexualassistenz unterschieden, wobei es fließende Grenzen gibt.

Dem Bereich der passiven Sexualassistenz wird auch bedingt die Sexualberatung zugeordnet. Vordergründig zählen hier jedoch die Beschaffung von Medien, Hilfs- und/oder Verhütungsmitteln (siehe: Hilfsmittel für Männer und Frauen) Kontaktvermittlung zu Sexualbegleitern, Entkleiden für den sexuellen Akt u. ä. dazu. Es sind also alle Aktivitäten, die Betroffenen eine selbstbestimmte Sexualität ermöglichen.

Bei der aktiven Sexualassistenz wird der Assistent aktiv in sexuelle Handlungen einbezogen, sie zählt zu den „heißen Eisen“. Sinnliche Erfahrung während der Körperpflege, aktive praktische Unterstützung bei körperlicher Selbstbefriedigung,  Hilfestellungen bei der Durchführung von Geschlechtsverkehr bei behinderten Paaren sind hier z. B. mögliche Tätigkeitsbereiche.

Sexualbegleitung

Sexualbegleitung als professionelle aktive Sexualassistenz ist eine kostenpflichtige sexuelle Dienstleistung. Die praktischen Inhalte der Sexualbegleitung werden bedürfnisorientiert zwischen Assistenznehmer und Assistenzgeber individuell ausgehandelt, Geschlechtsverkehr ist möglich. Sexualbegleitung sollte als temporäre Hilfestellung gesehen werden. Bei ihr handelt es sich niemals um eine gleichwertige Sexualität wie in einer Partnerschaft, denn befriedigende, erfüllende Sexualität auf Dauer kann man nicht kaufen. Eine Möglichkeit, Sexualbegleitung zu erfahren, ist die Teilnahme an den Erotikworkshops im Institut zur Selbstbestimmung Behinderter (ISBB) in Trebel.

Surrogatpartnerschaften

Als Surrogatpartnerschaften werden (oft zeitlich begrenzte) Behelfs-/Ersatzpartnerschaften bezeichnet, in deren Rahmen es auch zu sexuellen Handlungen und Geschlechtsverkehr im engen Sinne kommen kann. Mitunter findet man auch die Bezeichnung „professionelle Liebeslehrer“. Surrogatpartner arbeiten i. d. R. im therapeutischen Rahmen mit einem Sexualtherapeuten zusammen, allerdings ist die Surrogatmethode in Deutschland kaum verbreitet.

Sexualtherapie

Ein Sexualtherapeut behandelt Menschen mit Beschwerden, Störungen bzw. Problemen im sexuellen Erleben oder Verhalten. Nach ausführlicher Diagnosestellung wird eine professionelle, individuelle Therapieform eingeleitet. Sexualtherapie findet in Einzel- und/oder Paartherapie statt.

Abgrenzung

Alle genannten Modelle arbeiten mit dem gleichen Ziel: die Ermöglichung einer befriedigenden und erfüllten Sexualität. Dabei arbeiten Sexualberater und Sexualtherapeuten ausschließlich mittels ihres Wissens im beratenden bzw. therapeutischen Kontext. Sexualbegleiter und Surrogatpartner bieten körperliche Dienstleistungen an, die Beratern und Therapeuten strengstens untersagt sind.

Kosten

Von den oben genannten Leistungen wird von den gesetzlichen und privaten Krankenkassen u. U. lediglich die Sexualtherapie nach vorheriger Antragstellung bezahlt.

Kosten für sexuelle Leistungen belaufen sich je nach Anbieter auf ca. 70 Euro pro Stunde aufwärts (Stand Nov. 2014).

Vergleichbare Situation in Österreich und der Schweiz

Wie die Situation bei unseren südöstlichen Nachbarn aussieht, beschreibt der österreichische Sexualberater Richard Schaefer.

„Sexualberater beraten, wie Name schon sagt, die Leute bei Fragen hinsichtlich ihrer evtl. neuen Sexualität. Also, wie der Körper funktioniert, welche Hilfsmittel und welche Möglichkeiten es gibt (z.B. Sexualbegleitung/Sexualassistenz) und wir versorgen die Personen mit Daten und Kontakt-Informationen. Bei Paaren bin ich oft auch der Übersetzer zwischen den Sprachebenen der Betroffenen und ihren Partnern, die all zu oft an einander vorbei reden.

Ich mache also mehr oder weniger den theoretischen Teil; während Sexualassistenz, Sexualbegleitung (oder Berührerinnen) und Surrogatpartnerschaften in medias res, also aktiv, an die Sache rangehen. Vor allem den Surrogatpartnern kommt hierbei eine therapeutische Aufgabe zu: Es handelt sich dabei um das Heranziehen einer zweiten oder dritten Person außerhalb des therapeutischen Settings. Sie soll innerhalb eines Übungskontextes zur Überwindung unangemessener sexueller Ängste und Hemmungen beitragen. Es kann auch mit Hilfe bestimmter Rollenspiele gearbeitet werden, z. B. zum Ergründen von Scham, Angst oder Schuldgefühlen. Da die mir bekannten Sexualassistentinnen in Österreich ihre Arbeit als Berührfrauen ansehen und auch oft planen, ist eine gewisse meditative Tätigkeit hierbei  oft der Fall.

Alle drei Varianten (Sexualassistenz, Sexualbegleitung und Surrogatpartnerschaften) betrachte ich als gute Möglichkeiten für den Einzelnen sich professionelle Unterstützung auf dem Weg zu einer eigenen neuen Sexualität zu holen. Sicherlich ist es aber auch eine Kopfsache und kann eine gewisse Überwindung mit sich bringen, wenn ich eine dritte Person zur Hilfe brauche um mit meiner Partnerin intim zu werden; auch wenn diese Person während des eigentlichen sexuellen Akts das Zimmer natürlich verlässt.

Auch wenn das Thema Sexualität und Behinderung vielen politischen und vor allem katholischen Einrichtungen in Österreich ein Dorn im Auge ist, gibt es seit April 2009 unter der Leitung von LIBIDA-SEXUALBEGLEITUNG®  offiziell Sexualassistenz bzw. Sexualbegleitung. Nur wurde im Österreichischen Prostitutionsgesetz für die „Aktive Sexual-Assistenz“ ganz klar festgelegt, dass Küsse, Zungenküsse, orale Intimkontakte und Geschlechtsverkehr komplett ausgenommen werden. Alles was davon abweicht, überschreitet die Grenze zur Prostitution.“

In der Schweiz ist die Initiative Sexualbegleitung aktiv, die hier die sexuelle Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen unterstützt. Die Macher setzen hierbei auf länderübergreifende Vernetzung von Sexualbegleitern, eine geregelte Ausbildung von Sexualbegleitern, Workshops und Beratungsangebote und die Vermittlung von Informationen und Ansprechpartnern auf der Partnerseite www.sexualbegleitung.com bzw. www.sexualassistenz.ch.

Neu seit 2014 ist www.sexcare.ch wo entsprechend geschulte Prostituierte ihre Dienstleistung speziell für Männer mit Behinderung anbieten.

Adressen und Links

Folgende Organisationen und Angebote können bei der Suche nach einer Sexualberatung-, assistenz oder -begleitung hilfreich sein*:

Das Institut zur Selbstbestimmung Behinderter (ISBB) in Trebel, Deutschland, oder in Basel, Schweiz, bietet eine Ausbildung zum Sexualbegleiter an. In dieser erwerben die Sexualbegleiter u. a. psychologische, pädagogische und pflegerische Grundkompetenzen. Zudem werden Ansprechpartner auf der Partnerseite www.sexualbegleitung.com vermittel.

Gesundheitsgesamtverzeichnis: Sexualberatung

Liste der Sexualberatungsstellen in Österreich

Nicht Sexualassistenz im eigentlichen Sinn, aber themenverwandte Leistungen, bietet die österreichische Fach- und Beratungsstelle Senia. Unter dem Motto Enthinderung der Sexualität wollen die Macher Menschen mit Beeinträchtigungen helfen ihre sexuellen Möglichkeiten zu erweitern. Dies geschieht über u. a. Workshops und die Vermittlung von Kontakten zu entsprechenden Experten und Dienstleistern. Für weitere Informationen siehe: Senia – Enthinderung der Sexualität

 

Für einen Einblick was die Inanspruchnahme sexueller Dienstleistungen im therapeutischen Bereich individuell bewirken können, siehe: Mark O’Brien über die Treffen mit einer Sexualbegleiterin

*Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit; Hinweise zu weiteren Anbietern nimmt die Redaktion gerne entgegen.

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