Manfred Sauer: Gedanken zur Inklusion in Schulen und am Arbeitsplatz

Ich bin nun 70 Jahre alt, seit 51 Jahren querschnittgelähmter Tetraplegiker, war immer berufstätig und bin Geschäftsführer eines Unternehmens mit 340 Mitarbeitern. Insofern habe ich mit den gesetzlichen Grundlagen am Arbeitsmarkt zu tun und mit der Behinderung, die mir meine Querschnittlähmung auferlegt, trotz aller technischen Kompensationsmöglichkeiten.

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Vorausschicken möchte ich, dass es gut und überfällig ist, körperlich Behinderte, die beschulbar sind, in den normalen Schulbetrieb zu integrieren. Der Umgang mit diesen Körperbehinderten ist sicherlich für Nichtkörperbehinderte förderlich in der Entwicklung der sozialen Kompetenz. Hier besteht noch Nachholbedarf, was die Barrierefreiheit der Schulen angeht. Das kann mit Augenmaß und relativ geringem finanziellen Aufwand geschehen, wenn sich beide Teile auf den Kompromiss einlassen, dass z.B. der sonst in den oberen Stockwerken übliche Unterricht im Parterre stattfindet und dass deswegen nicht gleich der Begriff Diskriminierung bemüht wird. Hier Kompromisse einzugehen ist auch für den behinderten Menschen lehrreich, denn sie oder er wird später im täglichen Leben nicht erwarten können, dass sich die Umwelt als barrierefrei anbietet. Das ist Integration und gut so.

Als das Wort Inklusion zumindest verbal ins Bewusstsein der Bevölkerung kam, habe ich mich gefragt, was das soll, denn ich empfand die Integration als noch nicht abgeschlossen und dann das Bemühen zu toppen mit der Inklusion, schien mir ein frommer Wunsch aber leider an der Realität vorbei.

Befürchtungen von Eltern, Lehrern und Kommunen

Ich habe Artikel im „Stern“, in der „FAZ“, in der „Zeit“ und in der regionalen Presse – soweit sie mir in die Hände fielen – gesammelt, mich mit Lehrern und Ärzten unterhalten und niemanden gefunden, der Positives in dieser Bewegung sieht. Im Gegenteil: Lehrer fürchten sich vor der praktischen Umsetzung, sind unvorbereitet und fühlen sich überfordert. Sie befürchten auch, dass das jetzt schon gesunkene Niveau an Gymnasien weiter fällt, die Benotung deswegen angehoben wird und die Universitäten sich gegen Überflutung nur durch Anhebung des Numerus Clausus schützen können. Eine Behinderung öffentlich als besondere Befähigung oder Begabung zu bezeichnen ist Zynismus pur!

Kommunen befürchten den finanziellen Aufwand zur Gestaltung barrierefreier Schulen. Schulen im Parterrebereich barrierefrei zu machen ist ein vernünftiges Ziel und es ist meiner Ansicht nach nicht diskriminierend, wenn aufgrund der Klassenkonstellation der Unterricht mit Rücksicht auf den Rollstuhlfahrer ins Parterre gelegt wird, weil kein Aufzug vorhanden ist. Das ließe sich mit einfachen Mitteln gestalten und zeitnah umsetzen. Der Streit um die Kosten für den Aufzug entfiele und vor allen Dingen auch die Folgekosten, denn im Schulbetrieb wird ein Aufzug sicherlich weit mehr strapaziert als beispielsweise in einem Hotel. Und welch eine Zumutung, wenn ein Aufzug ausfällt! Müssen deshalb gleich zwei installiert werden? Gleiches gilt für die Toilettenanlagen. Vernünftige Kompromisse stoßen sicherlich auf breites Verständnis in der Bevölkerung. Übertriebene Maßnahmen – und das steht zu befürchten – bewirken hingegen das Gegenteil. Landratsämter wissen nicht, wie sie logistisch all die Kinder in die Schule befördern sollen, die ihren Anspruch durchsetzen.

Welch ein Unsinn und welch eine Verschwendung von Haushaltsmitteln! Wir legen das bewährte Prinzip der Sonderschulen ad acta und stellen noch dazu die erst recht späte Einsicht in Frage, dass sich das Schulsystem auch hochbegabten Schülern besonders widmen muss, denn sie sind das Kapital eines jeden Landes, besonders dann, wenn es sich, wie hier in Deutschland, um ein Veredelungsland handelt mit hohen technischen Anforderungen und nicht um einen Agrarstaat. Es ist schwer, dem Inklusionsgedanken eine ökonomische Komponente abzugewinnen, denn es entstehen zwangsläufig durch den Tourismus der Sonderschullehrer zusätzliche Kosten, ganz zu schweigen, ob dann dieser Beruf überhaupt noch attraktiv für Nachwuchs ist.

Eltern hörgeschädigter Kinder befürchten, dass ihre Kinder untergehen oder sich unwohl fühlen, weil sie die verbale Ebene nicht verstehen. Sie werden misstrauisch, wenn gelacht wird, denn sie wissen nicht, ob sie selbst der Anlass sind. Andere Eltern befürchten wiederum, dass ihre Kinder zu wenig lernen und deshalb später im Beruf weniger Chancen haben. Das sind nur wenige von vielen Praxisbeispielen.

Die in der Presse bisher als gelungene Inklusion geschilderten Beispiele bezogen sich fast alle auf Kinder mit Down-Syndrom und da ging es in der Regel darum, Kinder, die zusammen die Grundschule besucht haben, nicht zu trennen. Auch das ist wirklichkeitsfremd, denn spätestens bei der Berufswahl findet eine Trennung statt. Es ist also besser, in der prägenden Jugendphase Kinder darauf vorzubereiten, soziale Kontakte neu zu knüpfen als später. Die jetzt bereits bekannt gewordenen „negativen“ Fälle, dass nämlich behinderte Schüler unter der Schmach der Nichtversetzung anders als normale Schüler leiden bzw. einen psychischen Knacks bekommen und behandelt werden müssen, werden nicht berücksichtigt.

Der angestrebte Ehrgeiz bzw. Wettbewerb kann sich nur in Gruppen mit vergleichbaren Voraussetzungen entwickeln. Eigentlich eine Binsenweisheit. Im Leistungssport tut man sich schwer, weil beispielsweise mental Behinderte keinen Bezug zur Leistung haben. Ich halte die Inklusion deshalb für kontraproduktiv, weil ich glaube, dass sich dadurch die Einstellung zu behinderten Menschen verschlechtert, wenn es in der Bildungspolitik dazu führt, dass schlichtweg weniger Wissen vermittelt wird. Dass die Behinderten also den Nichtbehinderten aufhalten! Ich befürchte auch, dass dadurch den privaten Schulen Tür und Tor geöffnet wird und Eltern, die es sich finanziell leisten können, Kinder auf diese Schulen schicken anstatt auf Staatsschulen. Eine weitere Kaste wird geboren.

Behindertengesetze am Arbeitsplatz

Ähnlich verhält es sich ja jetzt schon bei den Behindertengesetzen am Arbeitsplatz. Selbst wenn der Kündigungsschutz durch die durchlässigere Haltung des Integrationsamtes etwas gemildert ist, bleiben noch immer die fünf zusätzlichen Urlaubstage als Hemmnis, und zwar nicht so sehr für die Unternehmensleitung als vielmehr für die Kollegen, die während der Zeit die Arbeit des behinderten Kollegen übernehmen müssen. Diese Gesetze gehören abgeschafft, denn sie sind das Gegenteil von Integration!

„Menschen mit Behinderung sind für jede Firma eine Bereicherung“, sagt Verena Bentele, Behindertenbeauftragte der Bundesregierung. Ich wüsste gerne, wie sie diese Behauptung belegt. Ein Behinderter ist nun mal behindert und schafft zwangsläufig gegenüber gleichqualifizierten Nichtbehinderten seine Arbeit nur mit höherem Zeitaufwand, sei es, weil er mehr Zeit für Entfernungen braucht aufgrund der Gehbehinderung, er benachteiligt ist durch mangelndes Sehvermögen oder durch Hörbehinderung.

Wir haben vor Jahren einen Maschinenarbeitsplatz auf einen gehörlosen Mitarbeiter umgestellt und alle Funktionen auf Sichtsignale umgestellt. Zugegeben, das Arbeitsamt hat das bei einer Maschine unterstützt. Bei der neuen Maschinengeneration dann nicht mehr und der Mitarbeiter hatte zudem den Nachteil, nicht auf andere Plätze wechseln zu können, was heutzutage in der Industrie Gang und Gäbe ist, denn sie können sich gerade im Mittelstand nicht dauerhaft auf dieselbe Produktion verlassen. Die geforderte Flexibilität ist also eingeschränkt.

Schaffen wir diese Privilegien ab, werden sich Betriebe viel unvoreingenommener der Bewerbung eines Behinderten zuwenden, denn sie können genauso ungehindert wie beim Fußgänger die Probezeit oder den Zeitarbeitsvertrag nutzen, um sich einer langfristigen Bindung sicher zu werden. Wenn man dann noch die Löhne der Leistung anpassen dürfte, das Arbeitsamt seinerseits die Differenz zum Mindestlohn oder Normallohn übernehmen würde, könnten viel mehr Betriebe Behinderte einstellen und hätten auch nicht das Problem innerhalb der Belegschaft, dass immer wieder Unmut darüber geäußert wird, dass weniger Leistung genauso vergütet wird wie normale Leistung.

Ich bin mir sicher, dadurch würden mehr Behinderte Zugang zum Arbeitsmarkt finden, die Arbeitsämter, Sozialämter und Rentenversicherer hätten weniger Ausgaben in diesem Bereich. Dieses Geld könnte für die Lohnkompensation verwendet werden. Ich erwarte nicht, dass so ein Modell bei uns eingeführt oder hierüber nachgedacht wird, denn dagegen spricht das sogenannte „Töpfchendenken“. Es stört nämlich den Rentenversicher nicht, wenn beispielsweise das Sozialamt zur Kasse gebeten wird. Langfristig werden wir aber umdenken müssen zu Gunsten einer gesamtvolkswirtschaftlichen Betrachtung.

Dieser Text erschien zuerst in Ausgabe 4/2014 des Magazins Rehatreff.

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