Leben mit Querschnittlähmung: “Tut mir bitte einen Gefallen, ja? Tut mir keine Gefallen!”

Von allen Vorurteilen, mit denen Querschnittgelähmte konfrontiert werden können, ist die Unterstellung von Hilflosigkeit eines der häufigsten. Allzu oft wird Hilfe angeboten – oder sogar ungefragt erteilt – ob sie nun benötigt wird oder nicht. Im Leben von Geoffrey Matesky jedenfalls ist das ein immer wieder vorkommendes Phänomen.

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Oh nein. Er läuft über den Parkplatz zu mir herüber. Im Gesicht diesen „In meiner Welt ist etwas nicht in Ordnung“-Blick. Wir alle haben diesen Blick schon gesehen, nicht wahr? Wir Rollstuhlfahrer, die wir allen Unbilden zum Trotz so alltägliche Dinge wie ins Auto ein- und wieder aussteigen ganz gut unter Kontrolle haben. Es spielt keine Rolle, ob es ein Fahrzeug mit Einfahrrampe ist oder einem Lift, oder ob wir einfach eine praktikable Methode für uns entdeckt haben, wie wir den Rollstuhlrahmen über den Fahrersitz hieven und die Räder draufhauen, so wie ich es seit über einem viertel Jahrhundert tue: Wir wissen wie es geht. Wir erreichen das gewünschte Ergebnis, und wir sind stolz darauf. Aber manche Leute kann man einfach nicht aufhalten, wie etwa diesen Mann, der an parkenden und fahrenden Autos vorbei gerade auf mich zugestürzt kommt und sein Leben riskiert, um die Dinge zu richten.

Zum Glück habe ich in der Zeit, die er braucht um 20 Meter Asphalt zu überqueren, den Rollstuhl zusammengesetzt und transferiert und bin gerade dabei die Tür zu schließen, als er mich endlich erreicht. Ich finde meine Leistung ganz schön beeindruckend, bin aber leider alleine mit dieser Meinung…

“Brauchen Sie Hilfe?” fragt er, sichtlich außer Atem. Ich hatte gehofft, das Zurschaustellen meiner ausgefeilten Aufbau- und Transfertechnik hätte gereicht, um zu zeigen, dass keine Hilfe notwendig ist. Aber er hat eine Mission: Etwas ist immer noch nicht in Ordnung in seiner Welt.

“Nein, alles klar”, sage ich beschwingt. Doch so fröhlich wie ich klinge bin ich nicht. Im Gegenteil: Ich plane diesen Helden zur Strecke zu bringen und ihn das eine oder andere über uns zu lehren. Ich habe solche Situation schon zu oft erlebt! Ich repräsentiere! Ich spreche für meine Randgruppe! Ich darf keinen Zweifel daran lassen, wie gut wir wirklich klarkommen können! Wenn meine Demonstration von gerade eben nicht Beweis genug war, dann doch gewiss meine verbindliche Aussage und meine feste Stimme.

“Sicher…?” hakt er nach.

Jetzt reicht’s aber. Ob ich sicher bin? Denkt dieser Typ etwa, ich fahre zum Einkaufen und hoffe einfach mal darauf, dass jemand vorbeikommt und mir hilft? Ich habe gerade in weniger als 30 Sekunden meinen Rollstuhl aus dem Auto gehievt, ihn zusammengesetzt und den Transfer vorgenommen, und das ist immer noch nicht gut genug?

Wir sind nicht so hilflos, wie viele denken.

Aber genau das ist das Problem, oder? Ich hätte dies alles tun und gleichzeitig Schwerter jonglieren und Löwen bändigen können, und es hätte bei meinem Gegenüber trotzdem keinen Eindruck gemacht. Denn er glaubt nicht an das, was seine Augen sehen. Er glaubt an das, was seine vorgefertigte Meinung über uns Rollstuhlfahrer ihm sagt, und laut dieser sind wir alle vollkommen hilflos – wie unabhängig wir in Wirklichkeit sind, spielt keine Rolle.

“Ganz sicher!” Ich sehe ihn direkt an und jetzt sieht er verletzt aus, als hätte ich ihm ein Spielzeug weggenommen. Er wollte doch nur helfen, und ich hab ihn nicht gelassen. Bestimmt ist er ein guter Kerl, aber ich bin immer noch sauer und ich kann die finsteren Antworten nicht aufhalten, die mir in den Sinn kommen: „Also, jetzt da Sie es erwähnen: Hätten Sie einen riesigen Sack Knete für mich?“

Harhar, nimm das! Jetzt hab ich’s ihm aber gegeben! Allerdings nur in meiner Vorstellung. Was ich wirklich sage ist: “Trotzdem, danke!”

Ich lächle fröhlich, wenn auch durch zusammengebissene Zähne.

Aber eigentlich bin ich ein Arschloch, weil ich ihn einfach nur abwehre. Mein Verhalten wird an seiner Einstellung schließlich nichts ändern: Ich habe ihm nichts erklärt; ich habe ihm keine Gelegenheit gegeben zu lernen oder seine Meinung über uns zu ändern. Ich verhalte mich in seinen Augen wie der Prototyp eines „wütenden Behinderten“; einer von der Sorte, der schlecht integriert ist, alles für gegeben hinnimmt, als ob die Welt mir was schulden würde, bereit, mich an Bundestagstüren zu ketten, um meinem Anliegen Gehör zu verschaffen. Und dabei ist mein Anliegen doch ein so kleines: Fragt mich nicht ob ich Hilfe brauche, verdammt nochmal!

Wir bitten um Hilfe, wenn wir welche brauchen.

An einer Sache sollte es nicht den Hauch eines Zweifels geben: Wenn wir Hilfe brauchen, dann bitten wir darum. Und glaubt mir, ihr Fußgänger da draußen, wenn wir um Hilfe bitten, werdet ihr es merken. Wir sind nämlich richtig gut darin. Meine Rehabilitation fand in einem Vierbettzimmer statt. Unter meinen Zimmernachbarn war alles vertreten, von tiefgelähmten Paraplegikern bis zu beatmungspflichtigen Tetraplegikern. Ratet, zu wem die Pfleger zuerst kamen? Zu dem, der am lautesten brüllte.

Also lasst uns eine Vereinbarung treffen, ja? Wenn ihr uns seht, wie wir aus Autos aussteigen, Bordsteine hochfahren oder Türen öffnen, haltet einen Moment inne und lasst uns machen. Widersteht dem überwältigenden Impuls, dem Rollstuhlfahrer zu helfen und vielleicht wird er euch überraschen. Vielleicht hat er ja einen Trumpf im Ärmel, mit dem er es alleine hinkriegt. Nicht auf eure schnelle, elegante, fließende Weise, aber funktionell – und das ganz alleine.

Denn es ist so: Was des einen Verlegenheit, ist des anderen Triumph!

Wir brauchen diesen Triumph in unserem Leben.

 

Siehe auch: Den Uferstreifen bezwingen

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