Börnsen reist: Barcelona

Jan-Peter Börnsen war wieder unterwegs. Nach seiner Reise in die Vereinigten Staaten im Sommer 2011, besuchte der Physiker, der seit einem Unfall vom Hals abwärts gelähmt ist, im vergangenen Herbst die katalanische Hauptstadt Barcelona im nordöstlichen Zipfel Spaniens.

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Wenn Jan-Peter Börnsen von Urlaub spricht, spricht er über Kultur, Architektur, Kunst und Politik und über die Menschen, denen er begegnet ist. In Barcelona packten ihn besonders die kunstvollen sakralen Bauten. „Ohne großes Vorwissen bogen wir um die Ecke und standen staunend vor dieser riesigen Kirche“, sagt er, kichert leicht heiser und verfällt sogleich in eine Schwärmerei, die der Basilika de la Sagrada Família gilt, der Basilika der Heiligen Familie.

Ende des 19. Jahrhunderts und ein Jahr nach Baubeginn wurde der Künstler Antoni Gaudí mit ihrer Vollendung beauftragt, was er bis zu seinem Tod 1926 leidenschaftlich verfolgte. „Das ist ein ganz eigener Stil, wirklich enorm!“, begeistert sich Börnsen. „Die Basilika steckt voller Mathematik. Überall findet man Maße im Verhältnis 1: 2/3 : 1/2.“ Ähm, ja, das glaubt die Redaktion jetzt einfach mal … „Zusätzlich verzweigen sich die Säulen im oberen Teil, was sie besonders tragfähig macht. Dadurch müssen die Außenwände nicht so viel tragen und man konnte riesige Fenster einsetzen. Und die Kanäle in den Türmen leiten den Klang der Glocken direkt nach unten zu den Menschen, das ist doll!“

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Basilika de la Sagrada Família

Wenn auch nicht den Glockenklang, so hat Börnsen doch Fotografien des Bauwerks von seiner Reise mitgebracht, die die reiche Verzierung im Inneren eindrucksvoll dokumentieren. „Gaudí hat viele Modelle für diesen Bau entworfen und sich zu etlichen Details Gedanken gemacht. Leider ist ein Großteil der Pläne im Bürgerkrieg 1936 verbrannt,  aber zum Glück sind zahlreiche Gipsmodelle erhalten geblieben. Er selbst wurde von einer Straßenbahn überfahren, da war er wohl so in Gedanken …“ Jan-Peter Börnsen klingt, als habe er vollstes Verständnis für die verhängnisvolle mentale Abwesenheit des Architekten angesichts dessen offenkundiger Fülle an genialen Geistesblitzen.

Zu dessen 100. Todestag im Jahr 2026 soll die Basilika endgültig fertiggestellt werden und „wenn ich bis dahin nicht Gaudí sozusagen ‚persönlich kennengelernt‘ habe, würde ich mir gerne das vollendete Werk anschauen“.

 

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Der Rhythmus des Südens

Fünf Tage lang wiegten der Physiker und seine Familie plus drei persönliche Assistenten sich im Rhythmus südländischer Lebensart. „Obwohl das eine Millionenstadt ist, geht es erst gegen 17 Uhr richtig los“, so Börnsen. Zu Fuß, mit der U-Bahn und dem Bus sowie einer Seilbahn gelangte die Truppe unkompliziert von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten. Überall habe es abgesenkte Bordsteine gegeben. „Eine zentrale U-Bahn-Linie war sogar komplett behindertengerecht.“ Börnsen hat angesichts der erstaunlichen Barrierefreiheit Barcelonas die Olympischen Sommerspiele 1992 in Verdacht: „Dafür ist sicher viel gemacht worden. Es ging alles wirklich gut, nur der Aufzug im Gaudí-Haus Casa Batlló war für mich zu klein.“ Das Haus aber sei bereits 100 Jahre alt. Zur Olympiade entdeckten die Spanier dann auch die touristischen Möglichkeiten der Küste und bauten mehrere längst überfällige Strandpromenaden, die seither nicht nur die Touristen anziehen und mit dem Rollstuhl gut befahrbar sind.

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Casa Batlló

Glücklich machte Börnsen nicht zuletzt die mediterrane Küche: „Die Tapas-Bars sind auf jeden Fall zu empfehlen! Wussten Sie, dass ‚Tapas‘ so viel wie ‚Deckel‘ heißt? Man legte früher Brot auf ein Glas, um die Fliegen fern zu halten. Bis heute wurde das dann noch ein bisschen verfeinert …“

 

Teurer Flug, günstige Betten

Weniger begeistert war der Globetrotter von gewissen Reisemodalitäten. So berechnete ihm seine Fluglinie eine Gebühr von über 400 Euro für Übergepäck. In der Vergangenheit sei er meist mit der Lufthansa und ohne Zusatzkosten geflogen, doch leider würden inzwischen die Kurzstrecken innerhalb Europas überwiegend von Billigfliegern bedient. Und anders als die Kranichlinie bat deren Tochterunternehmen für den Transport von Atemgerät, Toilettenstuhl und anderen Hilfsmitteln zur Kasse.

10_Seilbahn_neuDafür habe die Unterkunft nicht so viel gekostet. Über die Online-Vermittlung Airbnb gebucht, lag sie mitten in der Stadt und erwies sich als weitgehend rollstuhlgerecht. „Mithilfe meiner Assistenten komme ich auch in Unterkünften zurecht, die nicht komplett barrierefrei sind.“

Börnsen empfiehlt, Eintrittskarten für die bekannten Touristenmagneten ebenfalls übers Internet zu buchen, um lange Schlangen zu vermeiden. Das Museu Picasso gehört in jedem Fall dazu, aber leider hatten Börnsens hierfür keine Karten organisiert. Stattdessen disponierten sie kurzerhand um und nahmen mitsamt Rollstuhl die Seilbahn „Teleférico de Montjuïc“, das Wahrzeichen der Stadt, um am Schloss von Montjuïc wieder auszusteigen und die schöne Aussicht zu genießen.

 

Katalanischer Stolz und bunte Andenken

Die Arbeitslosigkeit in Barcelona lag Ende 2014 bei etwa 16% und war damit immer noch weit niedriger als im Rest des Landes. Die rund 7,5 Millionen Katalanen erwirtschaften 20% des  Bruttoinlandproduktes und müssen daher hohe Transferzahlungen in die strukturschwachen Gebiete Spaniens leisten. Jan-Peter Börnsen berichtet von zahlreichen Demos und katalanischen Flaggen, es gebe einen starken nationalen Gedanken. Amtssprachen sind Katalanisch und Spanisch. „Katalonien ist also der wohlhabendere Teil Spaniens, was den Wunsch nach Autonomie wohl noch verstärkt“, vermutet er. Die Menschen seien sehr auf ihre eigene Kultur bedacht. „Sehr freundlich. – Nicht so überschwänglich wie die Italiener vielleicht, aber sehr freundlich!“

In Sachen Souveniers hat Börnsen wenig Originelles aus dem Hut zu zaubern. Eine bunte Tasse, Schokolade und ein paar T-Shirts hat er erstanden. Aber dafür lagern wieder Hunderte Fotos auf seinem Rechner. Die schönsten hat er Der-Querschnitt.de für diesen Artikel zur Verfügung gestellt. Die Redaktion dankt herzlich für die Einblicke und freut sich auf weitere Reiseberichte in 2015!

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Auf dem Weg zum Strand

 

JP Waterworld, Copyright: Jan-Peter Börnsen, HamburgJan-Peter Börnsen wurde 1962 in Hamburg geboren. Als Jugendlicher verletzte er sich während des Sportunterrichts bei einem Trampolinunfall schwer und behielt eine hohe Querschnittlähmung zurück. Er machte Abitur, studierte Physik und erhielt nach seiner Dissertation ein Forschungsstipendium am Hamburger Forschungszentrum Deutsches Elektronen-Synchrotron DESY.

Heute arbeitet er in der Physik nur noch auf privater Basis und hat das Projekt „Statement for peace“ ins Leben gerufen. Inspiriert von der Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen, denen er auf seinen Reisen begegnet ist – unabhängig von Herkunft oder Weltanschauung –, möchte er damit ein Zeichen setzen für Vielfalt, Toleranz und ein friedliches Miteinander.

 

 

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