Inklusion vs. Integration

Was früher „Integration“ hieß, heißt heute „Inklusion“, könnte man meinen. Aber Inklusion hat sich als neuer Begriff behauptet, weil mit ihm ein Umdenken gefordert ist. Und das bedeutet mehr als bunte Punkte auf dem Papier neu zu gliedern.

 

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„In der UN-Behindertenrechtskonvention ist das Recht auf Inklusion festgeschrieben. Die UN-Behindertenrechtskonvention ist ein Vertrag, den viele Länder unterschrieben haben. Auch Deutschland. Doch Deutschland und die anderen Länder müssen noch viel dafür tun, damit der Vertrag eingehalten wird.“ (www.aktion-mensch.de)

Das Konzept der Inklusion, wie es in der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen (UN-BRK) beschrieben ist, meint nicht nur die Öffnung der Gesellschaft für Menschen mit Behinderungen, sondern die Anpassung gesellschaftlicher Bedingungen an die Bedürfnisse aller Menschen. Damit einher geht auch ein verändertes Verständnis von Behinderung:

„Zu den Menschen mit Behinderungen zählen Menschen, die langfristige körperliche, seelische, geistige oder Sinnesbeeinträchtigungen haben, welche sie in Wechselwirkung mit verschiedenen Barrieren an der vollen, wirksamen und gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft hindern können“ (UN-Behindertenrechtskonvention).

Nicht die Beeinträchtigungen allein behindern nach diesem Konzept die Teilhabe; sie stehen in Wechselwirkung mit in der Gesellschaft vorhandenen Barrieren. „Ein Gebirge können Sie natürlich nicht verrücken, damit ein Rollstuhlfahrer weiterkommt. Es geht aber um die Dinge, die man ändern kann: zu allererst Einstellungen, Bilder in den Köpfen, Zutrauen …“, erklärte Svantje Köbsell, Professorin an der Alice Salomon Hochschule Berlin, in einem Gespräch mit Der-Querschnitt.de im Mai 2014. Wie „behindert“ jemand ist, hängt demnach auch davon ab, in welcher Gesellschaft er sich bewegt.

„Menschen mit Behinderungen müssen sich nicht mehr integrieren und an die Umwelt anpassen, sondern diese ist von vornherein so ausgestattet, dass alle Menschen gleichberechtigt leben können – egal wie unterschiedlich sie sind. Das Ideal der Inklusion ist, dass die Unterscheidung „behindert / nicht behindert“ keine Relevanz mehr hat.“ (www.leidmedien.de)

Vor 100 Jahren stellte die Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft und am Arbeitsleben Menschen mit körperlichen, seelischen, geistigen oder Sinnesbehinderungen noch vor ungleich größere Herausforderungen als heute, und vielleicht sehen das die Menschen in 100 Jahren im Rückblick wieder genauso. Weil sie die Barrieren, die heute noch den Zugang zu gleichberechtigter Teilhabe erschweren, abgebaut haben.

„Sicher ist wirkliche Inklusion noch ein weit entferntes Ideal. Doch wenn man die letzten Jahrhunderte betrachtet, ist es erstaunlich, wie viele der einstigen Ideale Realität wurden – weil sie gesellschaftlich gewünscht waren und alle daran mitgearbeitet haben“, schreibt Lilian Masuhr auf www.leidmedien.de. Zum Beispiel die Gleichberechtigung der Geschlechter: Frau und Mann stehen heute nicht nur in Deutschland trotz aller Unterschiede dieselben Rechte zu. Ob eine Frau oder ein Mann die Möglichkeit nutzt, Maschinenbau zu studieren oder lieber drei Kinder bekommt bzw. großzieht oder beides, ist ihre/seine Entscheidung. Das ist für uns heute (fast) selbstverständlich. Aber eine Person im E-Rollstuhl kann nicht einmal frei entscheiden, wo sie ein Brötchen kauft.

„Entwicklung gesellschaftlicher Veränderungsstrategien hin zu einer Gesellschaft von Gleichen → Inklusion.“ Inklusion aus Sicht der Disability Studies (Prof. Swantje Köbsell)

Aus diesem Verständnis heraus gilt der Begriff der Integration heute als überholt. Er steht zwar in seiner Wortbedeutung für eine Erneuerung (lat. integrare = erneuern), wurde aber lange mit einem Konzept der Eingliederung in bestehende Systeme verbunden. Menschen mit Beeinträchtigungen waren gefordert, sich anzupassen und so gut es ging, mit den bestehenden Hürden zu leben. Damit will die Inklusion endgültig brechen und baut auf neue Systeme, die sich in ihrer Struktur den individuellen Bedürfnissen anpassen.

Leider fehlt es häufig an konkreten Plänen zur Umsetzung dieser Idee. Am ehesten wird sie mit der schulischen Inklusion verbunden, aber plötzlich stehen Pädagogen vor Problemen, auf die sie keine Antwort haben und die nach einem differenzierten Konzept zur gemeinsamen Beschulung von behinderten und nichtbehinderten Kindern verlangen. Dieses liefert die UN-BRK nicht, sie fordert nicht einmal, dass jedes Kind inklusiv beschult werden muss. Aber Kindern mit Behinderungen stehen mit ihr grundsätzlich alle Rechte und Wege offen, die auch Kinder ohne Behinderung nehmen können. Welcher Weg im Einzelfall der geeignete ist, kann nur sehr individuell beantwortet werden. – Und das gilt in jedem Alter für jede Person, ob mit oder ohne anerkannte Behinderung.

Zu Vertragstext und Schattenübersetzung der UN-BRK auf der Internetseite des Deutschen Instituts für Menschenrechte

 

 

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