Online-Beratung für pflegende Angehörige

Das Portal pflegen-und-leben.de richtet sich vor allem an Personen, die ältere Familienmitglieder pflegen. Wer aber über die Bilder von ausnahmslos betagten Pflegebedürftigen und entsprechende Formulierungen hinwegsieht, findet viele Tipps und Informationen, die bei der Assistenz von Angehörigen gleich welchen Alters hilfreich sein können. 

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Pflege findet häufig im privaten Rahmen statt. – Eine Herausforderung, die Familienmitglieder oder Lebenspartner an ihre Grenze bringen kann. Unabhängig von der Konstellation der Pflegsituation spielen persönliche Ressourcen, der Umgang mit Stress und seelischer Belastung, Fragen von Nähe und Distanz und vieles mehr in dieser Situation eine Rolle.

Die Diplom-Psychologen von pflegen-und-leben.de nehmen in der Beschreibung von Belastungssituationen kein Blatt vor den Mund und treffen wohlmöglich eben damit den Nerv ihrer Zielgruppe. Unverblümt sprechen sie von Widerwillen, Gereiztheit und drohendem Kontrollverlust: „Was kann man tun, um die Beherrschung nicht zu verlieren?“ Das klingt drastisch. Die Situationen, von denen vielfach die Rede ist, sind es auch:  Die Pflege eines demenzkranken Elternteils zum Beispiel, dessen Selbstständigkeit stetig abnimmt bzw. eines sich immer weiter verschlechternden Zustands, der schließlich zum Tod führt.

Eine extreme Belastungssituation

Ängste, Aggressionen oder Überforderung drohen jedoch auch, wenn nach einem Unfall mit der Folge einer Querschnittlähmung der körperlich starke Partner Hilfe leistet, etwa damit keine fremde Person ins Haus kommen muss. Die Situation nach einer traumatischen Querschnittlähmung stellt per se insbesondere für den Betroffenen selbst, aber auch für Familie und Freunde eine extreme Stresssituation dar. „Eine Querschnittlähmung bewirkt einen rücksichtslosen, gewaltsamen und unbarmherzigen Einschnitt in sämtliche Bereiche des körperlichen, intimen, persönlichen und sozialen Lebens eines Betroffenen, seiner Angehörigen und seiner Umgebung“ (Zäch/Koch, 2006).

Anders als Angehörige, die Menschen mit einer Demenzerkrankung pflegen, besteht im Kontext einer hohen Querschnittlähmung zwar in der Regel die Option zum Austausch auf Augenhöhe. Angehörige und Freunde, die Pflegeleistungen übernehmen, müssen nicht allein entscheiden, sondern mit dem behinderten Partner oder Familienmitglied gemeinsam. Nach einer relativ frisch erworbenen Querschnittlähmung gewinnt der Betroffene im Normalfall auch noch stetig an Selbstständigkeit. Dennoch erfordert die Situation eine komplette Neuorganisation, die das Leben der Angehörigen ebenfalls aus den Fugen reißt. „Auch die Angehörigen brauchen einen geschützten Raum, in dem sie über ihre Ängste, Sorgen, Belastungen und persönliche Veränderungen ihrer Lebenssituation sprechen können“ (Zäch/Koch, 2006).

Je nach Umfang einer Lähmung wird Hilfe immer notwendig bleiben. Das bedeutet nicht, dass sie immer von Angehörigen übernommen wird oder werden kann. Vielmehr müssen sich Betroffene und pflegende Lebenspartner oder Familienmitglieder darüber austauschen, welche Situation für sie die beste auch auf lange Sicht ist. Beide sollten Warnsignale für ein Ungleichgewicht wahrnehmen und Alternativen im Blick haben.

Online-Beratung

„Liebe pflegende Angehörige“, heißt es auf pflegen-und-leben.de erst einmal ganz pauschal, „wir möchten Sie dabei unterstützen, den seelischen Druck besser zu bewältigen, der durch häusliche Pflege entsteht. Schreiben Sie uns, was Sie beschäftigt, beunruhigt oder belastet. Wir nehmen uns Zeit für Ihre Sorgen und Nöte.“ In Form einer passwortgeschützten Online-Beratung können gesetzlich Versicherte hier die Beratung von Diplom-Psychologinnen und -Psychologen in Anspruch nehmen. Die Mitgliedschaft in einer gesetzlichen Krankenkasse wird vorausgesetzt, da die drei Pflegekassen Barmer GEK Pflegekasse, die DAK-Gesundheit-Pflegekasse und die Pflegeversicherung der Techniker Krankenkasse die Nutzung der persönlichen Online-Beratung auf Grundlage des § 45 SGB XI ermöglichen.

Für privat versicherte pflegende Angehörige hält das Portal eine Liste telefonischer Pflegeberatungsstellen parat, die allerdings fast ausnahmslos den Bezug zur Altenpflege im Namen tragen. Eine kostenfreie Hotline bietet die private Pflegeberatung COMPASS vom Verband der privaten Krankenversicherung (PKV), dem Paritätischen Gesamtverband, dem Medizinischen Dienst der privaten Krankenversicherung, dem Verein Gesundheitsregion Köln/Bonn und dem Zentrum für Qualität in der Pflege.

Alle beratenden Psychologinnen und Psychologen, die für pflegen-und-leben.de tätig werden, verfügen über eine beraterische Zusatzausbildung und sind zur Verschwiegenheit verpflichtet. Sie stellen eine Antwort per Mail innerhalb von 5 Arbeitstagen in Aussicht. Zuvor haben Ratsuchende die Gelegenheit, ihre Situation in einem Fragebogen, der ihnen zugesandt wird, näher zu beschreiben. In der Beratung können keine konkreten Hilfen zu pflegepraktischen, medizinischen, finanziellen oder rechtlichen Fragestellungen angeboten werden, aber jede Antwort soll ganz individuelle Lösungsmöglichkeiten aufzeigen, um Entlastung in den Pflegalltag zu bringen.

Was sind seelische Belastungen im Pflegealltag?

Neben diesem individuellen Angebot informiert das Portal über seelische Belastungen und gesundheitliche Gefahren, wie Schlafstörungen, Depression oder Ängste, und stellt einen Test der persönlichen Belastung zur Verfügung. Es thematisiert den Umgang mit Ekel und Scham oder mit einem schlechten Gewissen, wenn Angehörige sich z. B. mehr Zeit für sich selbst wünschen. Leider bleibt der Leitfaden auch hier konsequent auf die Pflege von älteren Personen bezogen. So geht es unter dem Stichwort „Umgang mit Sexualität“ z. B. allein um sexuelle Bedürfnisse im Alter.

… Und wie kann man damit umgehen?

Gut übertragbar sind die Tipps und Hinweise, die im Portalbereich „Stärken Sie sich!“ zu neuer Energie und Erholung beitragen sollen:

Besser schlafen: Wenn Grübeleien und quälende Gedanken Sie abends im Bett wach halten, sagen Sie sich selbst: „Stopp! – Jetzt im Bett ist nicht die richtige Zeit dafür.“ Im Bett haben Grübeleien nichts zu suchen. Nehmen Sie sich einen festen Zeitpunkt vor, zu dem Sie mit dem Thema am nächsten Tag mit klarem Kopf weitermachen werden. Sagen Sie sich zum Beispiel: „Ich werde mich morgen Vormittag um 10 Uhr in die Küche setzen und weiter darüber nachdenken. Aber nicht mehr heute Nacht.“ (pflegen-und-leben.de)

Weitere Tipps beschäftigen sich damit, was zu tun ist, wenn Pflege den Schlaf unterbricht, wie erholsamer Schlaf unterstützt werden kann und welche Wirkung Wärme und Entspannung auf den Schlaf haben können.

Sich etwas Gutes tun Sport und Bewegung, Entspannung, Musik, gutes Essen, das eigene Hobby nicht vergessen oder sich ein Mittagsschläfchen gönnen – welche Lichtblicke individuell stärken und umsetzbar sind, muss jeder selbst entscheiden. Das kann auch bedeuten, sich regelmäßig aus der Assistenz auszuschalten und notwendige Unterstützungsleistungen mithilfe Dritter zu gewährleisten.

Hören und Entspannen Atemübungen, Methoden der Körperwahrnehmung, Achtsamkeitsübungen oder Fantasiereisen werden hier vorgestellt und als mögliche Oasen im Alltag empfohlen. Die sechs Fantasiereisen in den Wald, in die Berge oder ans Meer gibt`s als Audio-Track, und auch die Tiefenentspannung nach Jacobson kann mithilfe der Audio-Datei direkt praktisch ausprobiert werden. Die Methode muss allerdings erst erlernt werden, sodass eine Wirkung meist erst nach wiederholten Übungen eintritt.

Miteinander Reden Hier geht’s um die guten alten Ich-Botschaften und andere Regeln, die Missverstehen vermeiden sollen. Schließlich thematisieren die Autoren auch die Körpersprache als Kommunikationsmittel, dessen Signale nicht erst dann wertvoll werden können, wenn das verbale Ausdrucksvermögen gestört ist.

Rollenwechsel   „In belastenden Situationen sind wir stark mit uns selbst beschäftigt und es fällt uns schwer, uns in einen anderen Menschen hineinzuversetzen. Wir stehen uns quasi selbst im Weg. Dies führt häufig zu Streit. Wenn wir es schaffen, einen Schritt zurück zu gehen, können solche belastenden Situationen wieder bewältigt werden ohne sich gegenseitig zu verletzen.“ (pflegen-und-leben.de)

Der „Notfallkoffer“ schließlich steckt voller Vorschläge, wie Situationen bewältigt werden können, die aus dem Ruder zu laufen drohen, in denen für einen Moment gar nichts mehr geht: Die reichen vom Zählen von 10 bis 0 über den Anruf bei der Telefonseelsorge bis hin zu einer Auszeit mit räumlichem Abstand. Und natürlich gilt besonders in Krisenzeiten das Beratungsangebot der Autoren: „Schreiben Sie sich in einer Nachricht an pflegen-und-leben.de Ihren Ärger und Frust von der Seele“ (pflegen-und-leben.de).

 

Die Redaktion hat die Online-Beratung nicht ausprobiert. Daher lässt sich schlecht sagen, wie hilfreich die Antworten des pflegen-und-leben-Teams ausfallen, wenn die Pflege im Kontext einer Querschnittlähmung zu Belastungssituationen führt. Erfahrungen von Nutzerinnen und Nutzern dieses Forums können gern als Kommentar  (s. u.) ergänzt werden.

www.pflegen-und-leben.de

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