Alternative Strategien gegen den Schmerz

Lachen, essen, schlafen, fluchen… Was sich zunächst wie eine Beschreibung des gängigen Studentendaseins anhört, ist tatsächlich Teil einer ganzheitlichen Strategienkombination gegen chronische Schmerzzustände. Nebenwirkungen? Keine!

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Chronische neuropathische Schmerzen gehören zu den häufigsten Folge- und Begleiterkrankungen bei Querschnittlähmung und können wie kein anderer Aspekt die Lebensqualität Betroffener vermindern (siehe: Schmerzempfinden bei Querschnittlähmung). Es stehen eine Reihe von nicht medikamentösen, nicht invasiven Ansätzen zur Verfügung, die Schmerzen entgegenwirken können (siehe: Schmerztherapie bei Querschnittlähmung), z. B. physiotherapeutische Maßnahmen zur Muskelkräftigung und zum Abbau muskulärer Dysbalancen, physikalische Therapien (wie Massagen oder Thermo- und Elektrotherapien), um zu verhindern, dass neuropathische Schmerzen chronisch werden, bis hin zu psychologischen Ansätzen, die helfen können, Schmerzen zu reduzieren oder Schmerzzustände besser zu verarbeiten (Zäch/Koch, 2006).

Neben diesen Methoden gibt es aber auch alternative Strategien, die langfristig dazu beitragen sollen, dass man weniger Schmerzen empfindet und die mehr oder weniger einfach in den Alltag integriert werden können. Das Besondere daran: Sie sind 100% natürlich und haben garantiert keine unerwünschten Nebenwirkungen.

Bewegung

Wenn man einen akuten Schub chronischer Schmerzen hinnehmen muss, scheint jede unnötige Bewegung die Situation noch zu verschlimmern; dem widerspricht eine aktuelle Studie, laut der die beim Sport freigesetzten Endorphine schmerzlindernd wirken. Und auch prophylaktisch kann Bewegung in Form regelmäßiger Ausdauersportarten, möglichst an der frischen Luft, Wunder wirken, da so der Körper verlässlich mit diesen Wohlfühl-Neuropeptiden versorgt wird. Tetraplegiker könnten sich z. B. für das Handbiking interessieren (siehe: Das TetraTeam – Mehr als ein Handbike-Team).

Ein weiterer Grund, weshalb Bewegung zu einer Schmerzlinderung führen kann, ist die Produktion bestimmter Substanzen, den Zytokinen, die entzündliche Prozesse im Körper regulieren.

Ernährung

Entzündliche Prozesse im Körper können auch über die Nahrung beeinflusst werden. Um den Körper in seinem Kampf gegen chronischen Schmerz zu unterstützen, hält man am besten eine Ernährungsform ein, die reich ist an gesunden Fettsäuren und langkettigen (komplexen) Kohlehydraten, schlechte Fette und einfache Kohlehydrate aber meidet. Empfohlen wird oft, sich an der Mittelmeer-Diät zu orientieren, bei der viel Obst, Gemüse und Vollkornprodukte sowie an Omega 3-Fettsäuren reichhaltiger Fisch und Olivenöl verwendet wird. Meiden sollte man hingegen Auszugsmehle, Zucker, Alkohol und tierisches Fett.

Auf diese Weise wird die Aufnahme von Produkten, die den Aufbau von schmerz- und entzündungsfördernden Stoffen im Körper fördern, reduziert. Siehe hierzu: Die Rolle der Ernährung in der Schmerztherapie.

Fluchen

Fluchen wie ein Bierkutscher ist eine Strategie, die vor allem bei akuten Schmerzen zu funktionieren scheint. In einer US-amerikanischen Studie wurden Versuchspersonen gebeten, ihre Hand in einen Eimer mit Eiswasser zu stecken und erst wieder herauszunehmen, wenn sie den Schmerz nicht mehr ertragen konnten. Der Teil dieser Gruppe, dem es erlaubt war währenddessen nach Herzenslust zu fluchen, hielt es im Durchschnitt 40 Sekunden länger aus als der Rest. Fazit der Forscher: Fluchen schafft Erleichterung.

Zwei Dinge sollte man allerdings beachten:

  • Man sollte ausschließlich in der Muttersprache fluchen. Das allseits beliebte amerikanische F-Wort, bringt Menschen, die in einem anderen Sprachraum aufgewachsen sind, nicht viel, wenn die gedankliche (unbewusste) Verknüpfung mit Kindheitssituationen fehlt.
  • Man sollte wirklich nur zu ausgewählten Gelegenheiten fluchen und keinen Dauerzustand daraus machen (d. h. fluchen, wenn es nicht wirklich nötig ist), da sonst ein Gewöhnungseffekt eintritt und die schmerzlindernde Wirkung nachlässt.

Lachen

Regelmäßiges lautes, herzliches Lachen trägt zu einem guten Gesundheitszustand bei und stimuliert zudem die Endorphinausschüttung im Nervensystem. Endorphine sind nicht nur für den Abbau von Stress verantwortlich, sondern sind hochwirksame Schmerzstiller, da sie die Rezeptoren der Nerven besetzen, die für die Weiterleitung der Schmerzsignale verantwortlich sind. Dabei ist anzumerken, dass die Wirkung des Lachens unabhängig von seinem Grund ist. Diesen Umstand machen sich die Verfechter des Lach-Yogas zunutze, indem sie motorisch zum Lachen animieren wollen; ein anfangs künstliches Lachen soll in echtes Lachen übergehen. Die Lachyogaübungen sind eine Kombination aus Klatsch-, Dehn- und Atemübungen, verbunden mit pantomimischen Übungen. Das Lachen kann damit gezielt herbeigeführt werden und seine positive Wirkung entfalten.

Musik hören

Ablenkung durch das Hören der Lieblingsmusik kann bei der Behandlung chronischer Schmerzen gute Erfolge erzielen. Die Intensität des Schmerzes lässt signifikant nach, besser als bei anderen Ablenkungsstrategien (wie Fernsehen oder Computerspiele); in einer Studie der Case Western Universität erreichten Schmerzpatienten, die täglich eine Stunde Musik hörten, eine zwölf- bis einundzwanzigprozentige Senkung des empfundenen Schmerzes im Vergleich mit Studienteilnehmern, die eine andere Ablenkungsstrategie gewählt hatten. In der Musiktherapie wird die schmerzlindernde Wirkung von Klängen und Melodien seit langem gezielt eingesetzt (siehe: Musiktherapie – Der Klang des Unaussprechlichen).

Schlafen

Ausreichend erholsamer Schlaf ist für die körperliche, geistige und seelische Gesundheit des Menschen unabdingbar. Neben einer Reihe von Vorteilen für den Allgemeinzustand (siehe: Siesta – Wozu der Mittagsschlaf gut sein kann und Schlafstörungen bei Querschnittlähmung) kann Schlaf auch eine positive Wirkung auf die Schmerztoleranzgrenze haben. Unglücklicherweise ist es aber oft genau der Schmerz, der Betroffene vom erholsamen Schlaf abhält. Die Deutsche Schmerzgesellschaft e. V. sagt hierzu: „Auf welche Art und Weise Schmerzen Einfluss auf das Schlafgeschehen nehmen, wurde erst in den letzten Jahren verstärkt untersucht. Besonders in der Einschlafphase wird der Mensch davon beeinflusst, mit welchen Empfindungen, Gedanken und Stimmungen er ins Bett geht. So können starke Schmerzen, aber auch sorgenvolle Gedanken und belastende Gefühle, wie Angst, Trauer oder Wut, so „aufwühlen“, dass man erst mit erheblicher Verzögerung in den Schlaf findet.“ Verschiedene Entspannungsmethoden können helfen, leichter in den Schlaf zu finden (siehe: Entspannungsmethoden).

Stress meiden

Schmerz und Stress bedingen sich gegenseitig so sehr, dass bei vielen alternativen Heilmethoden die Behandlungen von Stress und Schmerz ähnlich bzw. identisch sind. Tatsächlich ist die Reaktion des Körpers auf Schmerz von der Reaktion auf Stress kaum zu unterscheiden: In beiden Fällen beschleunigt der Herzschlag, der Atem wird flacher und schneller, die Muskeln spannen sich an. Zudem wird in stressigen Situationen das Hormon Kortisol ausgeschüttet, das wiederum die Schmerztoleranzgrenze senkt. Das erklärte Ziel muss demnach das Vermeiden von Stress bzw. Stressbewältigung sein, wobei verschiedene Methoden zur Verfügung stehen (siehe: Stressbewältigung – Wie kann ich Stress entgegenwirken?).

Talente nutzen

Die eigenen Stärken und Talente zu kennen und zu nutzen – das zu tun, was man am besten beherrscht – kann entscheidend dazu beitragen, ob man glücklich und erfolgreich ist und sich mit sich selbst und der Welt wohl fühlt. Laut einer US-amerikanischen Studie hat das Nutzen der eigenen Stärken aber auch einen direkten Einfluss darauf, ob bzw. wie heftig man Schmerz wahrnimmt.

Im Rahmen der Studie wurden Menschen mit chronischen Gesundheitsproblemen zu verschiedenen Lebensbereichen befragt. Auffällig war, dass nur die Hälfte jener, die ihre Stärken mindestens zehn Stunden am Tag einsetzten, d. h. einer Beschäftigung nachgingen, die ihren Talenten und Neigungen entsprach, angab, Schmerzen zu empfinden. Im Vergleich dazu gaben fast 70 % der Menschen an, die ihre Stärken deutlich weniger (drei Stunden täglich oder weniger) nutzten, Schmerz zu empfinden.

Dieser Zusammenhang wurde auch bei Menschen ohne gesundheitliche Vorbelastungen festgestellt, allerdings zu einem geringeren Ausmaß.

Der Grund dafür ist nicht ganz klar. Möglich ist eine positivere Grundeinstellung der Menschen, die ihre Stärken nutzen. Vielleicht erfahren sie aber auch einfach mehr Ablenkung als andere.

Nach einer traumatischen Rückenmarksverletzung kann es passieren, dass die Ausübung dessen, was man für sein persönliches Talent hielt, nicht mehr möglich ist. Dann ist es wichtig, neue Interessen und Talente zu finden, die bis dahin unentdeckt geblieben waren. Die Kunst– und/oder Gestaltungstherapie können dabei helfen, oder auch die Gartentherapie.

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