Rowheel Rev1 – Anders am Rad drehen

Den Rollstuhl treibt man an, indem man das Rad nach vorne und unten schiebt. Rückwärts fährt man, indem man zieht. So weit, so gut. Mit dem neuen Rowheel Rev1 verkehrt man diese Bewegungsabläufe buchstäblich ins Gegenteil – und entlastet damit Handgelenke, Schultern und Rücken.

Bild Copyright Rowheel.com, 2015 Mit freundlicher Genehmigung von Brad Reinke

Neben verschiedenen Faktoren, wie eine schlechte Sitzhaltung und damit schlechte muskuläre Anbindung der Schultern an den Rumpf, das Heben von Lasten über die Brustmitte hinaus und das Gewicht des eigenen Körpers bei Transfers, ist es das Antreiben eines manuellen Rollstuhls, das die Schultern von Rollstuhlfahrern besonders stark belastet (siehe: Die Schulterproblematik bei Querschnittlähmung).  Die repetitive Bewegung kann auch das Entstehen eines Karpaltunnelsyndroms begünstigen (siehe: Karpaltunnelsyndrom bei Rollstuhlfahrern) und zu Verspannungen und Rückenschmerzen führen (siehe: Rückentraining für Rollstuhlfahrer). Im ungünstigsten Fall können diese Komplikationen dazu führen, dass ein Querschnittgelähmter von einem manuellen Rollstuhl auf einen elektrischen umsteigen muss, was die körperliche Aktivität einschränkt und einen negativen Einfluss auf Gewicht und den allgemeinen Gesundheitszustand haben kann.

Die US-amerikanische Firma Rowheel liefert mit dem neu entwickelten Rev1 ein Produkt, das helfen soll, all diese Langzeitfolgen zu verhindern oder zumindest abzumildern. Die Antriebsbewegung erfolgt nicht wie bei herkömmlichen manuellen Rollstühlen durch das Schieben nach vorne und unten, sondern durch ein Ziehen nach hinten und oben.

Für ein Video mit alternativer Antriebsbewegung siehe: Rowheels auf Youtube

Antreiben wie beim Rudern durch Umlaufrädergetriebe

Verantwortlich für die Entwicklung des Rev1 ist das Team um NASA-Ingenieur Salim Nasser, der die Überlastungsgefahr beim Antreiben aus eigener Erfahrung kennt. Für die Nutzung am Rollstuhl adaptierte Nasser das sogenannte Umlaufrädergetriebe (auch: Planetengetriebe), dessen Antriebswellen parallel zu den gestellfesten Wellen laufen. In der Praxis heißt das: Wenn das Rad nach hinten gezogen wird, bewegt sich der Rollstuhl nach vorne. Diese Bewegung ist mit der, die beim Rudern ausgeführt wird, vergleichbar und soll laut Hersteller eine Reihe positiver Auswirkungen auf die Gesundheit haben. Wahlweise kann die Antriebsbewegung abwechselnd durchgeführt werden, wenn eine entsprechende Einstellung am Rad vorgenommen wird.

Für ein Video mit abwechselnder Antriebsbewegung siehe:

Vorteile des Rowheel

  • Verbesserte Haltung

Ein Vorteil, der sich quasi sofort zeigt, ist die verbesserte Haltung, die man im Rollstuhl einnimmt, wenn man die Zugbewegung beim Antreiben vollführt. Diese führt zu einem automatischen Aufrichten des Rückens und einer vorteilhaften Positionierung der Schulter, wodurch ein „Rundrücken“ vermieden und die Atmung erleichtert werden soll.

  • Verbesserte Biomechanik / Einbindung mehrerer Muskelgruppen

Die Ruderbewegung verteilt die Belastung über mehrere Muskeln im Rücken und im Schulterapparat. So wird die Beanspruchung einzelner Muskeln reduziert. Zudem werden jene Muskeln trainiert, die beim Fahren mit herkömmlich angetriebenen Rollstühlen vernachlässigt werden. Muskeln, die beim Antreiben mit Rowheel gekräftigt werden, sind die Delta- und  Trapezmuskeln, die Rautenmuskeln, der große Rückenmuskel und der Untergrätenmuskel in der Schulter.

Außerdem verringert die Ruderbewegung Zahl und Kraft der wiederholten Schläge des Handballens gegen den Greifreifen und die Belastung der Hand und des Handgelenks in starker Streck- und Beugehaltung beim Antreiben des Rollstuhls. Dadurch kann das Risiko, ein Karpaltunnelsyndrom zu entwickeln, reduziert werden.

  • Verringerte Wiederholung / verringerte Belastung

Im Durchschnitt vollführt ein Rollstuhlfahrer die Antriebsbewegung zum Fortbewegen des Rollstuhls eine Million Mal pro Jahr, was eine erhebliche Belastung darstellt und u. U. zu Verletzungen führen kann.

Studien, die die beiden Räderarten vergleichen, zeigen, dass beim Rowheel weniger Antriebsbewegungen ausgeführt werden müssen, um dieselbe Strecke zurückzulegen.

Hinzu kommt, dass die Nabe des Rowheel so konzipiert ist, dass bei jeder Umdrehung des Greifreifens das Rad eine eineinviertel Umdrehung vollführt. Theoretisch bedeutet dies eine Entlastung von 30%.

Die Kombination dieser beiden Effekte sollte die Häufigkeit der Antriebsbewegung erheblich reduzieren und Handgelenke und Schultern damit signifikant entlasten.

Wirklich eine Revolution?

So einleuchtend die Vorteile, die der Hersteller nennt, und die (teilweise im Auftrag des Herstellers durchgeführten) Studien auch klingen mögen – einiges macht stutzig. Zum einen ist jedes Rowheel je nach Durchmesser bis zu einem Kilogramm schwerer als ein Standardrad. Das wahlweise verfügbare Hill Assistent System (dt.: Hügel-Befahr-Assistent), das beim Befahren von Steigungen unterstützen soll, bedeutet zusätzliches Gewicht. Von einer Entlastung kann hier kaum die Rede sein, auch wenn der Hersteller verspricht, dass aufgrund des verbesserten Muskeleinsatzes das Zusatzgewicht keine große Rolle spielen sollte. Zum anderen findet unbestreitbar eine Wiederholung des Bewegungsablaufes statt, wenn auch in die andere Richtung.

Und auch Physiotherapeuten haben ihre Zweifel an dem neu erfundenen Rad. „Das Gewicht von Rollstuhl und Fahrer muss auch bei den Rowheels mit der Antriebsbewegung über die Schultern bewegt werden. Solche Belastungen strapazieren die Schulter auf Dauer, egal in welche Richtung sie ausgeführt werden“, erklärt Physiotherapeutin Jessica Schweitzer. „Außerdem ist man als Rollstuhlfahrer mit den Rowheels sicherlich inaktiver unterwegs. Bei Steigungen z. B. kippt man, wenn man den Rollstuhl so antreibt – oder man verwendet das Hill Assistent System, was bedeutet, dass man sich nicht groß anstrengen muss. Das generiert Bequemlichkeit, würd ich sagen.“ Ähnliches gilt, laut Schweitzer, für die aufrechte Körperhaltung beim Antreiben.  „Wenn die Lähmungshöhe es zulässt, kann man auch mit normalen Rädern aufrecht sitzen. Das erfordert nur etwas Disziplin.“

Ob die Rowheels den Markt revolutionieren werden, bleibt abzuwarten.

Die Rowheels sind mit verschiedenfarbigen Naben erhältlich.

Die Rowheels sind mit verschiedenfarbigen Naben erhältlich.

Kosten und Verkaufsstart

Ein Set Rev1 ist in verschiedenen Durchmessern und Farben erhältlich und kostet ab ca. 3.000 US$ (ca. 2.800 Euro) zzgl. Versandkosten nach Europa. In den USA werden die Räder von den Krankenkassen aufgrund ihrer gesundheitspräventiven Eigenschaften bezuschusst. Inwieweit dies auch hierzulande möglich sein wird, ist unklar. Erhältlich ist das Rowheel z. b. hier.

Weitere Informationen

Für weitere Informationen (in englischer Sprache) siehe: www.rowheels.com

 

Andere Neuerfindungen des Rades

Auch andere Entwickler haben das Rad neu erfunden. Räder mit stoßdämpfender Federung gibt es von den Herstellern Loopwheel in Großbritannien (siehe: Loopwheels: Rollstuhlrad mit integriertem Stoßdämpfer) und dem israelischen Unternehmen SoftWheel (siehe: Acrobat Wheel – Rollstuhlrad mit stoßdämpfender Federung).

Eine weitere Option bietet der britische Designer Duncan Fitzsimon, der eine faltbare Version entwickelte. Siehe: Das Rad neu erfinden mit Morph Wheels

 

Fragen & Kommentare

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  1. rollipeter 11.05.2018, 15:45 Uhr

    Hallo,
    vermutlich bin ich mit der Idee nicht allein. Aber wenn mir ein Berg mit
    dem Handdrolli zu steil wird, wende ich die Fuhre, und fahre rückwärts
    im ‚pull-Modus‘.
    Dabei immer über die Schulter geschaut. Handschuhe und Silikongreif-
    reifenüberzüge sind Standard. So habe ich schon manche üble, meist
    kurze Steigungen bewältigt. Ciao, Peter