Resilienz

Ein Gummiball nimmt nach Belastung wieder seine alte Form an; das Material ist resilient (lat. resilire = zurückspringen). Dieses Begriffes aus der Werkstoffkunde bedient sich inzwischen auch die Psychologie. Hier beschreibt er die menschliche Fähigkeit, sich nach schweren Belastungen wieder zu erholen. 

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Was vielleicht überraschen mag: Der Psychotherapeut Peter Lude und der Diplom-Psychologe Jörg Eisenhuth, Autoren des Kapitels „Gesund – was ist das?“ in dem Buch „Klinische Psychologie bei Querschnittlähmung – Psychologische und psychotherapeutische Interventionen bei psychischen, somatischen und psychosozialen Folgen“ (2015), messen dieser Fähigkeit keinen außergewöhnlichen Stellenwert bei. Vielmehr sei sie eine ganz gewöhnliche Reaktion: „Dass Menschen traumatische Erfahrungen, Trauer oder auch eine Querschnittlähmung gut verarbeiten können und psychisch gesund reagieren und handeln, ist der Normalzustand“ (Eisenhuth/Lude, 2015).

Was diese Bewältigungskompetenz ausmacht, beschreiben Eisenhuth und Lude in Anlehnung an die American Psychological Association (APA, 2009) in zehn Säulen – wobei eine so wichtig sein kann wie die andere. Einzig das soziale Netzwerken überragt die anderen Strategien in seiner regenerierenden Wirkung und wird als besonders wesentlich erachtet.

 

1. Das soziale Netzwerk

Kontakt zu Familie und Freunden, sozialen oder religiösen Institutionen, scheint der wichtigste Pfeiler für eine tragfähige Widerstandskraft zu sein. Die Autoren betonen dabei die Bereitschaft, selbst Kontakt herzustellen, Hilfe anzunehmen und das soziale Netzwerk auf- bzw. auszubauen. Es gehöre zu den bedeutendsten Interventionen von professioneller Seite, diese Aktivitäten zu unterstützen und Betroffene dazu zu motivieren. Auch für das Umfeld sei die Erfahrung wichtig, dass Unterstützung angenommen werde: „Dies stärkt deren eigene Selbstwirksamkeit“ (Eisenhuth/Lude 2015).

 

2. Lösungsorientierung

Die Einstellung, dass Probleme gelöst werden können, kann sich im Laufe einer Rehabilitation und darüber hinaus (weiter)entwickeln. Hier liegt auch die Chance der physio-, ergo- oder psychotherapeutischen Angebote einer Rehabilitationsklinik. Experten sind gefordert, Informationen zur Verfügung zu stellen und Lösungsangebote zu vermitteln. Mit der unterstützten Aneignung von individuellen Strategien hin zu mehr Selbständigkeit können Betroffene anfängliche Gefühle von Ohnmacht und Aussichtslosigkeit abbauen.

 

3. Akzeptanz

Akzeptanz meint gemäß Eisenhuth und Lude die Einsicht in die Unveränderbarkeit bestimmter Tatsachen. Auch wenn diese weiterhin als ungewollt und unerwünscht empfunden werden, macht erst die Anerkennung ihres höchstwahrscheinlich langfristigen bzw. immerwährenden Bestehens den Weg frei für weitere Schritte. Z. B. für den Umgang mit Problemen, die auf die eine oder andere Weise doch beeinflussbar sind. Es macht wenig Sinn, einen Rollstuhl zu beantragen, wenn man davon ausgeht, ihn bald nicht mehr zu brauchen. Betrachtet man den Ausfall der Beine aber als langfristige Gegebenheit, kann der Rollstuhl den Rang eines der wichtigsten Hilfsmittel bekommen – bei dessen Anschaffung man gerne mitentscheiden möchte, um das Beste für sich zu erreichen.

Frischverletzte müssen in der Rehabilitation erst herausfinden, welche Dinge wie verändert werden können und den besten Weg für sich erschließen.

 

4. Realistische Ziele anpeilen

Auch kleine Erfolge stärken die eigene Kompetenz. Außerdem geben tägliche, kurzfristige Ziele dem Alltag eine Struktur. Sie sollten nicht zu hoch gegriffen, sondern umsetzbar sein, damit sie Sicherheit geben können und nicht entmutigen.

 

5. Aktives Handeln

Aktiv tätig zu werden, gehört dazu, wenn man die „Opferrolle“ – ein passives Über-sich-ergehen-lassen – überwinden will. Am Anfang steht der Entschluss zum Handeln – sei es Informationsbeschaffung oder die Anbahnung von sozialen Kontakten und mehr. Wer selbst etwas tut, erlebt sich weniger fremdkontrolliert und übernimmt Verantwortung für seine Gesundheit und sein Leben.

 

6. Verbesserungen wahrnehmen

Jörg Eisenhuth untersuchte 2012 die subjektiv empfundene Qualität in verschiedenen Lebensbereichen bei Menschen vor und nach einer Querschnittlähmung. Dabei berichteten ihm Teilnehmer mit mehrjährig bestehender Querschnittlähmung z. B. von verbesserten Beziehungsqualitäten und Verbesserungen im Familienleben (Eisenhuth, 2012). Mit Achtsamkeit für solche veränderten Chancen kann persönliches Wachstum entstehen und die Bewältigung unterstützen. (Siehe auch: Posttraumatisches Wachstum bei Menschen mit Querschnittlähmung)

 

7. Auf sich selbst vertrauen

Jedes erreichte Ziel kann den Aufbau eines positiven Selbstbildes voranbringen. Das Bewusstsein, effektiv etwas bewirken zu können (Selbstwirksamkeit), ist ein wichtiger Faktor für die seelische Gesundheit. Selbstwirksamkeit erleben Betroffene auch, wenn sie selbst Probleme lösen und eigene Fähigkeiten (wieder)entdecken.

 

8. Perspektiven entwickeln und bewahren

Keine Frage: Je umfassender eine Person von einer Lähmung betroffen ist, umso drastischer ist der Einschnitt in ihr Leben. Bisherige Ziele und Aussichten werden u.U. unmöglich oder rücken in weite Ferne. Erst nach und nach eröffnen sich neue Aussichten: „Perspektiven, die auch eine gewisse Kraft für den betroffenen Menschen und seine Angehörigen beinhalten, entwickeln sich in aller Regel nur langsam und mit fortschreitender Stabilisierung und Erholung“ (Eisenhuth/Lude, 2015). Aber gerade in ihnen sehen die Autoren das Potenzial, über die belastende Gegenwart hinwegzuhelfen. Eine aktive Zukunftsplanung mit weiter entfernt liegenden Zielen ist demnach von zentraler Bedeutung für den Umgang mit der Krise.

 

9. Optimismus

Die Begegnung mit Menschen, die positive Erfahrungen in einer ähnlichen Situation gemacht haben, kann die Bewältigung unterstützen. Deshalb ist die Beratung von Betroffenen durch Betroffene (Peers) so wichtig. Auch sie eröffnet Perspektiven, die optimistisch stimmen können und die Zuversicht auf eine Besserung der Lage stützen.

 

10. Für sich sorgen

Dieser Baustein bedeutet die Kunst, zu genießen, wo es etwas zu genießen gibt: die eigenen Bedürfnisse erkennen und jede Gelegenheit zur Freude zu nutzen. Sich selbst etwas Gutes zu tun, trägt bei zu Erholung und Regeneration.

 

Strategien flexibel für sich einsetzen

„Resilienz bietet keine perfekte Strategie oder einen Algorithmus für die optimale Bewältigung“, so Eisenhuth und Lude. Flexibilität sei wichtig und dazu ein großes Repertoire an Strategien, die es „kontextsensitiv“ einzusetzen gelte. Wen es fertig macht, an die Zukunft zu denken, der braucht in dieser Situation vielleicht vorerst einen anderen Anker. Ein anderer zieht möglicherweise gerade daraus viel Motivation.

Aber in der Regel gilt: „Auch bei einer Querschnittlähmung ist unser Organismus darauf ausgerichtet zu überleben, ein hohes Maß an Gesundheit zu erreichen und sich vom Gegenpol Krankheit zu entfernen“ (Eisenhuth/Lude, 2015).

 

 

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