Stimme und Querschnittlähmung

Eine Querschnittlähmung kann die Stimmbildung massiv beeinflussen, bis hin zur Stimmlosigkeit. Dabei sind die Stimmbänder allerdings nicht gelähmt. Was passiert mit der Stimme bei einem querschnittgelähmten Menschen?

Bild 122636782 copyright Sergey-Nivens, 2013 Mit Genehmigung von Shutterstock.com

Wer einmal persönlich oder in den Medien einen hoch querschnittgelähmten Menschen sprechen hören und gesehen hat, ist vielleicht das ein oder andere aufgefallen. Die Stimme wirkte leise, nur gehaucht oder gepresst. Dabei sah die sprechende Person im Schulter- und Halsbereich sehr aktiv aus, eventuell wirkte sie auch angestrengt, da permanent beim Sprechen die Schultern angehoben wurden. Handelte es sich bei dem gelähmten Menschen um jemanden, der künstliche beatmet wird, so wurde vielleicht sogar nur eine lautlose Flüstersprache wahrgenommen und keine Stimme gehört. Oder helfende Hände mussten erst an der Trachealkanüle am Hals manipulieren oder vielleicht noch etwas an dem Beatmungsgerät einstellen. Plötzlich war dann die Stimme wieder da, welche eben noch trotz Lippenbewegungen weg war.

Es stellt sich die Frage: Was passiert mit der Stimme bei einer Querschnittlähmung? Ist sie auch gelähmt?

Physiologie der Stimmbildung

Zum lauten Phonieren, also dem Sprechen, ist es notwendig, dass eingeatmete Luft zwischen den im Kehlkopf (lat. Glottis) liegenden Stimmlippen (auch: Stimmbänder, lat. plica vocalis) gepresst wird. Das laute Sprechen erfolgt somit in der Ausatmung. Durch die Stellung der Stimmlippen und von Mund, Zunge und Lippen ändert sich der entstehende Ton in der Tonhöhe. Der Ton wird geformt. Die Lautstärke des Tones ist dabei von dem aufgebrachten Druck und der Menge der bewegten Luft abhängig. Letzteres kann selbst getestet werden, in dem erst ausgeatmet und dann versucht wird laut zu rufen, ohne vorher wieder einzuatmen.

Beeinträchtigung der Stimme durch eine Querschnittlähmung

Eine Querschnittlähmung, egal welcher Höhe, beeinträchtigt nicht ursächlich die Funktion der Stimmbänder. Diese werden durch die Hirnnerven gesteuert und sind somit nicht von einer Schädigung des Rückenmarkes betroffen.

Trotzdem ist der Einfluss einer Querschnittlähmung auf die Stimmbildung je stärker, desto höher das Lähmungsniveau liegt. Denn mit steigender Lähmungshöhe wird immer weniger Atemmuskulatur nervlich angesprochen und fällt somit aus. Das ist primär ein Problem für die Atmung; aber eben auch für die Stimme. Zum einen sinkt das Atemzugvolumen, da weniger Luft eingeatmet werden kann. Zum anderen kann diese zum lauten Sprechen notwendige Luft nicht mehr mit der vollen Kraft aktiv ausgeatmet werden. Die Stimme wird also leiser, da es an Volumen und Muskulatur fehlt.

Um trotzdem laut sprechen zu können, wird von Tetraplegikern hierzu die obere Atemhilfsmuskulatur aktiv eingesetzt. Dies macht sich optisch bemerkbar, da die sprechende Person für jeden Atemzug die Schultern hoch zieht. Im Ergebnis ist die Stimme lauter, aber das Sprechen wirkt und ist angestrengter. Zu sehen ist dieser Einsatz der Atemhilfsmuskulatur zur Phonation bei Querschnittlähmungen im oberen Brustmark und Halsmarkbereich. Hier ist ein Großteil der Atemmuskulatur ausgefallen und die Atemhilfsmuskulatur wird zur Kompensation eingesetzt. (Siehe auch: Logopädie – Sich mitteilen können.)

Liegt eine komplette Atemlähmung vor, so hat der maschinell beatmete Mensch selbst erst einmal gar keine Möglichkeit aktiv Luft an den Stimmbändern vorbeizupressen. Die Luft gelangt dann über eine, im Regelfall blockbare, Trachealkanüle vom Beatmungsgerät in die Lunge. Blockbar bedeutet dabei, dass die Trachealkanüle einen kleinen Ballon besitzt, welcher die Luftröhre abdichtet. Somit wird sichergestellt, dass die lebensnotwendige Luft in die Lunge gelangt und sich nicht andere Wege sucht. Dieser Ballon wird Cuff genannt. Ist der Cuff mit Luft gefüllt, dichtet er ab und man spricht von einer geblockten Trachealkanüle.

Somit ist die lebenserhaltende Beatmung gesichert, aber die Luft wird komplett am Kehlkopf vorbeigeleitet. In dieser Situation können die Stimmbänder und die Lippen zwar genutzt werden, sie können Töne und Worte formen. Aber die Worte bleiben tonlos, da die Stimmbänder nicht zum Schwingen gebracht werden. Die Kommunikation erfolgt vom Atemgelähmtem zum ‚Ansprechpartner‘ hier über Lippenablesen. Aber auch diese Menschen können wieder laut sprechen, wofür die Beatmung manipuliert werden muss. Wird dazu die Trachealkanüle entblockt, also die Luft aus dem Cuff-Ballon gezogen, so gelangt weiterhin Luft in die Lunge, aber es strömt auch Luft in Richtung Kehlkopf. Ein lautes Sprechen wird so wieder möglich. Dabei handelt es sich um eine sogenannte Leckagebeatmung (Leckage von Leck, also eine Öffnung im System: hier im an sich geschlossenen System der künstlichen und natürlichen Atemwege), welche einen elementaren Eingriff in die Beatmung darstellt. Ob dies überhaupt möglich ist und der Atemgelähmte dabei stabil beatmet bleibt, ist in der Klinik unter angemessener Überwachung zu erproben.

In einigen Fällen ist keine Anpassung der Beatmung weiter notwendig und die Stimme ist gleich laut und deutlich. In anderen Fällen muss z. B. der Inspirationsdruck angehoben werden, damit die Stimme laut genug ist und die Beatmung weiterhin effektiv. Bei einigen Patienten ist das Sprechen unter Beatmung nur kurz möglich, bei anderen den ganzen Tag über. Die Gründe dafür sind neben technischen-medizinischen häufig auch subjektiv, da es auch als störend empfunden werden kann, wenn regelmäßig die Luft der Beatmung in den Mundraum zischt. Eben auch, wenn man gar nicht sprechen will.

Das Ausprobieren einer Leckagebeatmung im häuslichen Bereich ohne Erfahrung und entsprechendes Monitoring kann für den beatmeten Menschen gefährlich, sogar lebensbedrohlich, sein.

Keine Folge einer Querschnittlähmung: die Stimmbandlähmung

Bei einer Stimmbandlähmung wurde der die Stimmlippen innervierende Recurrensnerv geschädigt. Die Ursachen hierfür können vielfältig sein und reichen von Tumoren und Virusinfektionen bis zu Schäden durch Operationen. Ist nur eine Stimmlippe gelähmt, so ist das Hauptsymptom die Heiserkeit. Bei einer beidseitigen Stimmbandlähmung ist die Atmung betroffen, da die schlaffen Stimmlippen den Luftstrom behindern. Einen guten Überblick zum Thema Stimmbandlähmung gibt der Beitrag „Zentrale Stimmlippenparese“ von Sabine Hammer in der 2012 erschienenen Publikation „Stimmtherapie mit Erwachsenen: Was Stimmtherapeuten wissen sollten“ von den Herausgebern Thiel und Frauer.

Erleidet ein querschnittgelähmter Mensch eine Stimmbandlähmung, kann dies natürlich immense Folgen haben. Diese Kombination wird das Sprechen, die Atmung und damit die Lebensqualität mit hoher Wahrscheinlichkeit erheblich einschränken.

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