Inklusive Wohnprojekte

Die Idee vom gemeinschaftlichen Wohnen mit sozialem und ökologischem Anspruch ist nicht neu, erlebt aber insbesondere im Hinblick auf die Vorsorge im Alter einen neuen Aufschwung. Für Menschen mit Unterstützungsbedarf könnte das Wohnen mit Projektcharakter eine Alternative zum klassischen Wohnen in der eigenen Wohnung oder auch zum Heimplatz sein.

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Nahezu täglich erscheinen auf der Plattform „Forum Gemeinschaftliches Wohnen e. V.“ (FGW) neue Projektbeschreibungen für besondere Wohnprojekte. Ella sucht „Wahlverwandtschaft“ für das Wohnen auf dem Land, eine Interessengemeinschaft 15 Familien mit behinderten Angehörigen für gemeinschaftlich organisierte Lebensführung, und in einer Ausschreibung für einen Hof in Thüringen heißt es: „Es sollten keine Berührungsängste gegenüber behinderten Menschen vorhanden sein, da mindestens ein behinderter Mensch den Hof mit bewohnen wird“. Die Projekte verteilen sich auf das gesamte Bundesgebiet.

Nachbarschaftshilfe gehört zum Konzept

Insbesondere Menschen, die nur gelegentlich Unterstützung brauchen, könnten in einem inklusiven Wohnprojekt ein neues Zuhause finden. Initiatoren und Bewohner verbindet häufig ein Bewusstsein für den verantwortlichen Umgang mit sozialer Vielfalt, man wünscht sich nachbarschaftliche Hilfen und eine solidarische Gemeinschaft. In vielen Fällen bleibt es jedoch nicht dabei. Die typische Wohngemeinschaft ist – überspitzt zusammengefasst – ein inklusiver Mehrgenerationenhof auf dem Land mit basisdemokratischer Selbstverwaltung, Car-Sharing, kollektivem Gemüseanbau und artgerechter Tierhaltung in der Nähe einer Waldorfschule. Es braucht manchmal Offenheit für solche ideellen Konzepte; die meisten Projektbeschreibungen auf www.fgw-ev.de  lesen sich allerdings durchaus auch bodenständig. Es geht um Kapital, Stimmrecht oder Wohnungsgrößen, um Verwaltung oder Mietpreise.

Die Stärkung der Gemeinschaft

Viele solcher Wohnvisionen gibt es schon – einige seit Jahren, z. B. das „Generationen-Wohnen Amaryllis“ in Bonn. Hier wohnen seit 2007 rund 70 Leute mit „ökologisch-nachhaltiger Lebensvision“ in 3 Häusern und 33 Wohnungen. Die eingetragene Genossenschaft hat ein Finanzierungskonzept, das es in ähnlicher Form häufig gibt unter den Wohnbauprojekten: Es baut auf die Bereitschaft der Mitglieder zur „Übernahme freiwilliger Einlagen zur Stärkung des Eigenkapitals der Genossenschaft im Rahmen der persönlichen Möglichkeiten“. Konkret sind das in Bonn bestimmte Pflichtanteile, die Bewohner vor Einzug und innerhalb der ersten drei Monate erwerben. Weil sie dadurch quasi schon Eigentümer werden, heißt die Miete hier „Nutzungsgebühr“, unterscheidet sich aber nicht wesentlich von einer normalen Miete. Einige Wohnungen sind gefördert; hier sind die Genossenschaftsanteile günstiger als bei den anderen Wohneinheiten. Scheidet ein Mitglied aus der Genossenschaft wieder aus, bekommt es seinen Genossenschaftsanteil zurück.

Wie viele gemeinschaftliche Wohnprojekte lädt auch Amaryllis regelmäßig zu Informationsveranstaltungen ein, um Interessenten über das Konzept zu informieren, individuelle Fragen zu beantworten und ein erstes Beschnuppern zu ermöglichen.

SH-90308611-Oktava-kleinRollstuhlfahrer können Nachbarn im Umgang mit Ämtern helfen

Auch in Darmstadt leben in der Genossenschaft „WohnSinn“ seit 2003 junge Familien, Ältere, Alleinerziehende, Singles, Menschen mit Behinderung oder/und Migrationshintergrund in Passivhäusern und demokratischer Selbstverwaltung zusammen. 160 Bewohner bewohnen 73 Miet-, Sozial- oder eigentumsähnliche Wohnungen und entscheiden gemeinsam, wie das vonstatten gehen soll. Sozialer Anspruch und Nachbarschaftshilfe gehören zum Konzept, ebenso wie monatliche Treffen aller BewohnerInnen und eine Aufgabenteilung, die die Verwaltung, Pflege der Häuser, Außenanlagen und Gemeinschaftsräume oder z. B. die Organisation des Car-Sharing betrifft. In Fragen der Nachbarschaftshilfe wird das schriftlich festgehaltene Wohnsinn-Konzept sehr konkret: Einkaufen, Essen kochen im Krankheitsfall, handwerkliche Hilfe aller Art, Kinderbetreuung und mehr heißt das im Alltag – als aktive Leistung zu erbringen oder zu erhalten. Rollstuhlfahrer z. B. könnten ihren Nachbarn im Umgang mit Ämtern helfen, Verwaltungsaufgaben übernehmen oder gemeinschaftliche Aktivitäten unterstützen.

Eher nichts für Eigenbrötler

Viele Wohnkonzepte handeln von Geselligkeit, von gemeinsamen Kochabenden, Werken, Gärtnern oder Ausflügen der Hausgemeinschaft; andere wollen vor allem den Aufwand, den solch eine Hausverwaltung mit sich bringt, in Eigenregie abgedeckt wissen. Inklusive Wohnprojekte sind in der Regel nicht die erste Wahl für Menschen, die lieber für sich sind und nach der Arbeit niemanden mehr sehen wollen. Sie fordern Engagement von allen Bewohnern, damit das Konzept bezahlbar bleibt.

Auf der Suche

Auf dem Areal ehemaliger amerikanischer Baracken in Heidelberg sollen neue Wohnstrukturen entstehen, die „ gegenseitige Unterstützung, Kommunikation, Anregung und vielfältige Aktivitäten gewährleisten“. Projektziel der „Woge Mark Twain“ ist u. a. die soziale Integration von Menschen mit Assistenzbedarf. Nicht nur dieses Projekt sucht noch Mitstreiter. Das „Wohnprojekte-Portal“ zeigt rund 160 Ergebnisse unter dem Suchwort „Wohnangebote“.  Eine Suchmaske erlaubt auch die Detailsuche unter ganz bestimmten Kriterien wie Ort, inhaltliche Merkmale (gegenseitige Hilfe, Pflegemöglichkeiten, …), besondere Zielgruppe (Wohnen mit Kindern, Schwule/Lesben, interkulturell, behinderte Menschen) oder Projekttyp.

Vom Behindertenheim zu individuellen Wohnformen

Staatlich soll das Wohnen in Wohngruppen im Sinne der UN-Behindertenkonvention (UN-BRK) besser unterstützt werden. Menschen mit Behinderungen haben gemäß der Konvention zwar das Recht, ihren Wohnort selbst zu wählen, aber noch stehen ihnen einfach kaum Wahlmöglichkeiten zur Verfügung, wenn sie auf Hilfe angewiesen sind, aber nicht in einer „Sonderform“ mit ausschließlich behinderten Bewohnern oder in einem Seniorenheim leben wollen. Inklusive WGs bzw. Wohnprojekte könnten ein Weg sein, z. B. Assistenzbedarf zu bündeln – vorausgesetzt, dass Betroffene so leben möchten.

Die staatliche Förderung geschieht seit Inkrafttreten des Pflegestärkungsgesetzes am 1. Januar 2015 durch die Erhöhung des „Wohngruppenzuschlags“: Wenn mindestens drei Menschen mit einer anerkannten Pflegebedürftigkeit zusammen wohnen und gemeinsam eine Pflegekraft beschäftigen, können sie dafür einen Zuschlag von 205 Euro im Monat bekommen (Stand: Mai 2015). Dabei spielt es keine Rolle, ob auch Menschen ohne Behinderung mit in der Gemeinschaft leben. Es geht also weniger um Inklusion als um die Etablierung kleinerer Einheiten von Wohngruppen als Alternative zu klassischen Heimbauten.

Außerdem gibt es eine Anschubfinanzierung zur Gründung einer Wohngemeinschaft von bis zu 2.500 Euro pro pflegebedürftigem Bewohner. Eine Wohngemeinschaft kann maximal 10.000 Euro bekommen (Sozialgesetzbuch XI – Soziale Pflegeversicherung § 45e Anschubfinanzierung zur Gründung von ambulant betreuten Wohngruppen).

Weitere Informationen

Die Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderungen in Niedersachsen, Petra Wontorra, hat eine Broschüre zum selbstbestimmten Wohnen im Alter herausgegeben. Auch wenn es darin vor allem um Angebote für Menschen mit kognitiven Einschränkungen geht, könnte das eine oder andere der vorgestellten Wohnprojekte Anregungen für die Gestaltung des Wohnens mit zunehmendem Unterstützungsbedarf im Alter geben:

Selbstbestimmt Wohnen im Alter – auch für Menschen mit Behinderungen! (pdf)

 

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