Segways für Rollstuhlfahrer

Für den Städtetrip am Wochenende sind sie ideal. Für den Ausflug in die Natur ebenfalls, denn unebene Untergründe und Gefälle sind für sie ein Klacks. Und dann sehen sie auch noch so wahnsinnig schick aus – die Segways für Rollstuhlfahrer.

Bild nino_3798 Copyright Nino Robotics, 2016 Mit freundlicher Genehmigung von Siegfried Acker, MaxMobility

Ein Segway Personal Transporter oder kurz Segway ist ein elektrisch angetriebenes Ein-Personen-Transportmittel. Wie ein Elektro-Rollstuhl eigentlich, mit dem entscheidenden Unterschied, dass es auf nur zwei auf derselben Achse liegenden Rädern fährt, zwischen denen der Fahrer sitzt oder steht.  Ein speziell entwickeltes, computergestütztes Gleichgewichtssystem mit Sensoren sorgt dabei automatisch für eine Ausbalancierung, so dass das Gefährt nicht umkippen kann.

Für Fußgänger geeignete Segways, auf denen man steht, gibt es seit 2001; die für Rollstuhlfahrer geeigneten Modelle kamen später. Was einer gewissen Ironie nicht entbehrt, denn das Balancesystem mit dynamischer Stabilisierung, mit dem Segways funktionieren, wurde von dem  US-amerikanischen Ingenieur Dean Kamen ursprünglich für den stufenüberwindenden und geländegängigen Elektro-Rollstuhl iBOT entwickelt. Dieser Rollstuhl wird inzwischen nicht mehr hergestellt, doch sein Erbe haben die Segways angetreten und eröffnen Gehbehinderten ganz neue Dimensionen der Mobilität auf Rädern. 2016 wurde bekannt, dass Kamen und Toyota eine Neuauflage des iBOT planen (siehe: Das Comeback des treppensteigenden iBOT).

Segway fahren – Ein Balanceakt

Der Segway für Rollstuhlfahrer erinnert optisch zunächst an einen Mini-Kühlschrank auf Rädern. Wenn man Platz nimmt und das Gefährt einschaltet, entfällt der Kühlschrank-Vergleich und wird ersetzt durch den Eindruck auf einer quadratischen Stereo-Box zu sitzen. Diese Box befindet sich zwischen zwei fast sitzflächenhohen, breiten Reifen mit ordentlichem Profil und schnurrt wie ein Kätzchen. Ein Kätzchen, das gleich mit bis zu 25 km/h lossausen wird.

Jedes Rad wird per Einzelradantrieb von einem separaten Elektromotor angetrieben, der innerhalb von sechs bis acht Stunden am Netz voll aufgeladen ist. Mit dieser Aufladung kommen die Rolli-Segways je nach Untergrund und Durchschnittsgeschwindigkeit bis zu 38 Kilometer weit.

Vorne am Segway ist eine Lenkstange, deren Griffe auf Unterbrusthöhe reichen, hinten eine individuell verstellbare Rückenlehne; die Füße ruhen auf einer ebenfalls verstellbaren Fußstütze.

Nach dem Drücken des Startknopfes sorgen integrierte Neigungssensoren dafür, dass es losgeht. Nach vorne fährt der Rolli-Segway, sobald sich der Fahrer nach vorne lehnt, umso weiter nach vorne, desto schneller. Wenn sich der Fahrer nach hinten lehnt, wird der Segway langsamer und stoppt. Wenn sich der Fahrer noch weiter nach hinten lehnt, fährt er rückwärts. Andere Bedienungselemente zum Beschleunigen und Bremsen gibt es nicht.  Das Fahren ist also ein intuitives Ganzkörpererlebnis, das man erstmal üben muss. Zudem wird klar: Ein Segway ist nicht für jede Lähmungshöhe geeignet. Die Oberkörperkontrolle muss gegeben sein, da sonst die Bedienung nicht möglich ist.

Bilder AddMovement_JonasKullman Copyright AddMovement, 2015 Quelle: Pressedownload http://addmovement.se/en/press-2/

Gelenkt wird aber immer noch mit einem vertrauten Steuerungselement: der Lenkstange. Ein Schwenken der Lenkstange nach rechts oder links bewirkt die dementsprechende Kurvenfahrt. Sobald sich der Fahrer mit der Lenkstange zur Seite neigt, wird das von den Neigungssensoren wahrgenommen und das jeweilige Rad dreht sich langsamer und verursacht dadurch die Kurvenfahrt. Technisch realisiert wird dies über die unterschiedlichen Drehzahlen der Räder.

Der entscheidende Vorteil der Rollstuhl-Segways ist ihre Geländegängigkeit. Sie kommen auf so ziemlich jedem Untergrund klar und bringen ihren Fahrer so durch jedes Gelände: Strand, Wald, Berge … sogar für das Fahren auf Eis und Schnee sind viele geeignet. Und dann ist da natürlich noch der Spaß-Faktor. Ein Segway kann so vieles sein: klein, flink, wendig oder aufgemotzt und laut … Man kann (mit etwas Übung) über Stufen hüpfen, auf der Stelle rotieren, Böschungen hinauf- oder hinuntersausen und Biker so richtig alt aussehen lassen. Für mehr geländetaugliche Elektrorollstühle siehe: Outdoor-Elektrorollstühle für den Trip ins Abenteuer.

Und ob man nun den verchromten Lenker mit dem Fuchsschwanz dran wählt oder nicht, eins ist klar: Mit einem Segway wird man Blicke auf sich ziehen. Neidische Blicke. Zum Glück kann man ihn kaum unter dem Hintern weggeklaut kriegen.

Mobility Cube und Co.

Segways für Gehbehinderte gibt es von verschiedenen Herstellern. Die Modelle unterscheiden sich weder optisch noch in ihrer Leistung signifikant – preislich allerdings könnten die paar tausend Euro Unterschied, die es bei den Anbietern gibt, eine eventuelle Kaufentscheidung durchaus beeinflussen, denn ein eingetragenes Hilfsmittel sind Rollstuhl-Segways derzeit nicht.

 

Freee Mobility GmbH

Freee Mobility bietet das Model Freee F2 in verschiedenen Ausführungen:

  • Freee F2
    • Geschwindigkeit: bis zu 10 km/h bzw. bis zu 20 km/h
    • Reichweite: bis zu 38 Kilometer je nach befahrenem Untergrund
    • Ladezeit: ca. acht Stunden
    • Kosten für das Standardmodell ohne Extras derzeit (Mai 2015): ca. 16.000 Euro für das langsamere (bis zu 10 km/h schnelle) bzw. ca. 18.000 Euro für das schnellere (bis zu 20 km/h schnelle) Modell


 

Genny Mobility

Das Modell des Herstellers Genny Mobility kommt mit umklappbaren Seitenbügeln, die als Rutschbrett dienen und so den Transfer erleichtern können.

  • Genny
    • Geschwindigkeit: je nach Ausführung zwischen 12 und 20 km/h
    • Reichweite: bis zu 38 Kilometer je nach befahrenem Untergrund
    • Ladezeit: ca. fünf bis sechs Stunden
    • Kosten für das Standardmodell ohne Extras derzeit (Januar 2016): ca. 16.000 Euro


 

Joyy Mobility

Der Joyy PT One von Joyy Mobility wurde Ende 2016 und soll Segways für Rollstuhlfahrer erschwinglicher machen. Neben dem neuen Fahrgefühl, das alle Segways mit sich bringen, zeichnet sich der Joyy PT One duch einen verschiebbaren Sitz, bewegliche Rückenlehne und wegklappbare Lenksäule, Armlehne und Fußstütze aus, was einen einfacheren Transfer ermöglicht.

    • Geschwindigkeit: bis zu 20 km/h
    • Reichweite: bis zu 35 Kilometer auf ebenem Untergrund
    • Ladezeit: keine Angaben
    • Kosten für das Standardmodell ohne Extras derzeit (Januar 2017): ca. 10.000 Euro

My Frankie

My Frankie gibt es als Apache oder Sitting Bull (was Bilder einer Wagenburg heraufbeschwört, die von pfeileschießenden Segway-Fahrer umkreist werden), die sich hinsichtlich ihren Maßen (der Apache ist etwas schmaler) und ihrer Reichweite unterscheiden. Es handelt sich hierbei nicht um straßenfertige Modelle, sondern um Umbaukits für bereits vorhandene Segways.

  • Sitting Bull
    • Geschwindigkeit: bis zu 20 km/h
    • Reichweite: ca. 25 Kilometer je nach befahrenem Untergrund
    • Ladezeit: sechs Stunden
  • Apache
    • Geschwindigkeit: bis zu 20 km/h
    • Reichweite: ca. 38 Kilometer je nach befahrenem Untergrund
    • Ladezeit: sechs Stunden
  • Kosten für Umbaukit und Montage derzeit (Mai 2015): ab ca. 10.000 Euro. Die Anschaffungskosten für das Segway selbst müssen hinzugerechnet werden. Auch gebraucht sind sie selten unter 5.000 Euro zu haben.

 

Beide Ausführungen können mit neckischen Extras wie Sportfelgen, Sonderlackierung oder Schneeketten aufgerüstet werden.

Mobility Cube

Der Mobility Cube wird als V2A Edelstahl Umbaukit für den Segway I2 oder als Yeti angeboten. Der Yeti ist für die Nutzung in der Natur – und wie sein Name vermuten lässt – für Eis und Schnee gedacht. Er fährt auf extrabreiten Reifen und ist damit mit 84 cm auch etwas breiter als die V2A Variante mit 80 cm. Abgesehen von den Maßen unterscheiden sich beide Modelle hinsichtlich ihrer technischen Daten kaum.

  • Yeti
    • Geschwindigkeit: bis zu 20 km/h
    • Reichweite: bis zu 38 Kilometer je nach befahrenem Untergrund
    • Ladezeit: ca. sechs Stunden
    • Kosten für das Standardmodell ohne Extras derzeit (Mai 2015): ca. 15.000 Euro


Für alle Segways ist optional eine Straßenverkehrszulassung möglich.

Mobility Cube baut nicht nur Segways sondern auch E-Scooter. Und zwar nicht irgendwelche, sondern solche, die sich auf Knopfdruck alleine zusammen- und auseinanderfalten und sogar selber im Kofferraum verstauen…. Siehe hierzu: Elektromobile.

Nino von Nino Robotics

Der Nino ist der Segway des französischen Herstellers Nino Robotics, der seit 2016 in auch Deutschland angeboten wird. Die abnehmbare Steuereinheit mit dem Instrumentenboard und die optional erhältlichen, klappbaren Seitenteile, ermöglichen einen einfachen Transfer.

  • Nino
    • Geschwindigkeit: je nach Ausführung zwischen 6 km/h (zulassungsfrei) und 15 km/h (Zulassung erforderlich)
    • Reichweite: bis zu 38 Kilometer je nach befahrenem Untergrund
    • Maximalgewicht des Fahrers: 110 kg
    • Kosten für das Standardmodell ohne Extras derzeit (Mai 2016): ca. 9.800 Euro

Nino kommt mit einer kostenfreien App, mit der sich das Fahrzeug individuell konfigurieren lässt. Das eigene Smartphone kann mit einem Halter an der Steuereinheit befestigt und über einen integrierten USB-Anschluss mit Strom versorgt werden. So lassen sich während der Fahrt Daten wie aktuelle Geschwindigkeit, Reichweite, Energieverbrauch abrufen.

Zu beziehen ist der in acht verschiedenen Farbkombinationen erhältliche Nino in Deutschland über den Anbieter MaxMobility. Hier geht es zur Anbieterwebsite: http://www.maxmobility.de/

Bild IMG_3954 Copyright Nino Robotics, 2016 Mit freundlicher Genehmigung von Siegfried Acker, MaxMobility

Ogo Segway aus Neuseeland

Der grasgrüne Segway des neuseeländischen Produktentwicklers Kevin Halsal, der im Herbst 2015 als Prototyp für Aufsehen sorgte, soll im Frühjahr 2016 via Crowdfounding auf indiegogo finanziert werden. 240 000 Dollar möchte das Ogo Team sammeln um weitere fünf Prototypen zu bauen. Dies hat folgenden Grund: Der Ogo ist derzeit für Paraplegiker mit tiefen Lähmungen gedacht. Veränderungen in relevanten Details könnten aber eine Anpasssung für Tetraplegiker ermöglichen. Zur Crowdfunding-Seite geht es hier: Ogo – Grab Life by the Wheels!

Das Besondere an diesem Modell:

Es lässt sich ganz ohne Lenkstange, nur durch die Verlagerung des Körpergewichts lenken. Dadurch sind beim Fahren die Rumpfmuskeln immer im Einsatz. Zudem lassen sich die Reifen schnell wechseln so dass man von breiten Stadt- und Innenraumreifen ruckzuck auf extrabreite Geländereifen umstellen kann.

Der Ogo fährt 20 km/h Spitze. Seine Reichweite und der genaue Preis des Endprodukts sind derzeit noch unklar. Ein Verkaufsstart ist für Herbst 2017 geplant.

Weitere Hersteller

Weltweit gibt es noch mehr Hersteller, die Rollstuhl-Segways oder Umbaukits für Segways anbieten. Da sie sich in ihrer Leistung nur unwesentlich unterscheiden, werden im Folgenden nur Anbieter und Preise genannt:

Der schwedische Hersteller Addmovement bietet das Modell Addseat für derzeit (Mai 2015) ca. 16.000 Euro.

Vom US-amerikanischen Hersteller Ally gibt es das Umbaukit Ally Chair für derzeit (Mai 2015) ca. 7.000 US Dollar (ca. 6.400 Euro).

Der US-amerikanische Hersteller Glidesaddle bietet einen vergleichsweise sehr preisgünstigen Sitz, mit dem ein bereits vorhandener Segway für derzeit (Mai 2015) ca. 1.450 US Dollar (ca. 1.325 Euro) plus Extra-Lenker für ca. 125 US Dollar (ca. 115 Euro) aufgerüstet werden kann. Hinzu kommen Steuern, Versand- und Umbaukosten. Aufgrund seiner Beschaffenheit ist der Glidesaddle Ranger allerdings nur für Nutzer mit sehr tiefen bzw. inkompletten Lähmungen geeignet, da ein Transfer wie auf die anderen Modelle nicht möglich ist. Der Erfinder selbst hat muskuläre Dystrophie.

Der griechische Hersteller SuiGenerisSeat bietet zwei Umbaukits, den Sui Generis Fun Seat (ohne Rückenlehne) und den Buddy Seat für derzeit (Mai 2015) ca. 2.450 Euro bzw. ca. 3.800 Euro. Hinzu kommen die Umbaukosten.

 

(Alle Preise Stand Juni 2016)

Weitere Segway-Varianten

Einen Freizeit-Elektrorollstuhl auf Segway-Basis, der schon für ca. 7.000 Euro zu haben ist, wird auch vom japanischen Hersteller Whill angeboten. Für einen ausführlichen Beitrag siehe: Ja, ich Whill…

  • Der Falt-Segway „Mobi“

Der australische Mobi funktioniert nach einem ähnlichen Prinzip, allerdings ohne dabei die Geländegängigkeit der hier aufgeführten Modelle zu haben. Gedacht ist er für Querschnittgelähmte, die kurzzeitig, z. B. wegen Krankheit oder Hand-, Arm- oder Schulterverletzungen, vom manuellen Rollstuhl auf einen elektronisch angetriebenen umsteigen möchten. Der Entwickler sucht derzeit nach einem Hersteller für den Mobi. Für einen ausführlichen Beitrag siehe: Visionen: “Mobi” zusatzangetriebener Falt-Rollstuhl

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