TEK RMD – Der Stehrollstuhl für den Innenraum

Das Tek Robotic Mobilization Device (RMD) ist ein frontgesteuerter Stehrollstuhl, mit dem man ohne großen Aufwand eine stehende, sitzende oder hockende Position einnehmen und auf allerengstem Raum mobil sein kann. Seit dem Frühjahr 2015 ist er auf dem Markt.

Bild TEK+RMD2 Copyright Derek Jones & istockphoto, 2015

Ein türkisches Entwicklerteam steckt hinter dem Tek Robotic Mobilization Device (RMD), dessen Prototyp seit 2012 immer wieder für Aufsehen gesorgt hat. Ein Video, in dem ein querschnittgelähmter Nutzer zeigt, was der neuartige Stehrollstuhl alles kann, ging durch Presse und Foren. Seit dem Frühjahr 2015 können europäische Interessenten das TEK RMD kaufen. Eine Hilfsmittelnummer hat es in Deutschland derzeit noch nicht.

Was das TEK RMD ist:

Das TEK RMD sieht auf den ersten Blick aus wie ein Segway (siehe: Segways für Rollstuhlfahrer). Bei beiden Fahrzeugen steht der Fahrer hinter der Lenkkonsole auf einer Plattform. Das TEK RMD fährt im Gegensatz zum Segway allerdings auf vier kleineren Rädern und auch das Balance-System ist ein anderes, weshalb das TEK RMD nicht über Unebenheiten im Boden hinweghüpfen oder Gefälle bezwingen kann. Geeignet ist es ausschließlich für die Nutzung in Innenräumen, z. B. Privatwohnungen, dem Büro oder Schule, Hotels, Museen oder dem Einkaufszentrum. Während es im häuslichen Umfeld also durchaus seinen Nutzen hat, kann es den manuellen Rollstuhl also keinesfalls ersetzen, sondern höchstens ergänzen.

Von der Funktionalität her ist das TEK RMD also eher ein Stehrollstuhl. Im Vergleich zu seinen herkömmlichen Kollegen weist er aber einige Unterschiede auf.

  • Das TEK RMD ist kleiner und wendiger als Standard-Stehrollstühle und braucht deutlich weniger Platz.
  • Man kann im TEK RMD stehen, sitzen und in die Hocke gehen.
  • Die Lenkeinheit ist nicht an der Seite, sondern vor dem Fahrer. Man zieht sich im TEK RMD aus einer sitzenden Position nach vorne und oben in eine stehende Position, eine Fixierung an Oberkörper, Hüfte, Knien und Füßen sorgt für die nötige Stabilität.
  • Per Fernbedienung kann das TEK RMD gesteuert werden, auch wenn man selbst gerade nicht am Steuer ist (nützlich beim Verladen oder aus dem Weg räumen).

 

Das TEK RMD fährt rein elektronisch. Wenn der Akku geladen ist, hält er laut Hersteller ein bis zwei Tage. Innerhalb von vier bis fünf Stunden am Netz lädt die Batterie wieder auf.

Kosten und Bezugsquellen

In Europa kann man das TEK RMD über Händler in Großbritannien, Dänemark und der Türkei beziehen. Ebenso ist eine Bestellung über den Hersteller möglich.

Die Preisempfehlung des Herstellers liegt derzeit (Juni 2017) bei ca. 18.000 US$ (ca. 16.570 €) excl. MwSt. und Versandkosten.

Achtung: Eine Anpassung an den Nutzer und eine Einweisung in die Handhabung findet durch das Verkaufsteam nach Auslieferung beim Käufer zu Hause statt. Ähnliches gilt für die Wartung des TEK RMD. Darüber, wie dieser Service bei Kunden aus Ländern ohne Vertragshändler aussehen soll, macht der Hersteller keine Angaben, vermutlich ist aber eine Anreise (auf eigene Kosten) notwendig. Alleine deshalb ist es empfehlenswert darauf zu warten, bis der Hersteller sein Händlerteam in Europa ausgeweitet hat und Repräsentanten für Deutschland, Österreich und die Schweiz nennen kann. Laut Matia Robotics soll die Händler-Liste entsprechend erweitert werden; derzeit müssen Interessenten, die nicht aus Irland oder Großbritannien sind, sich für eine Anfrage noch direkt an den Hersteller wenden.

Was für das TEK RMD spricht:

Die stehende Position, die man im TEK RMD einnehmen kann, bringt die Vorteile eines täglichen Stehtrainings mit sich (siehe: Stehtraining bei Querschnittlähmung). Die sehr kompakten Maße von ca. 40 cm Breite auf 75 cm Länge gewähren dem Nutzer Zugang zu sehr engen Durchgängen (z. B. Regalreihen im Supermarkt oder Bücherregale in Bibliotheken). Zudem erreicht man problemlos Gegenstände, die in Schränken und Regalen ganz oben oder ganz unten eingeräumt sind. Letzteres, weil das Gerät so eingestellt werden kann, dass es den Nutzer in eine sitzende oder (tief) hockende Position bringt.

Ein weiterer Vorzug ist das Entfallen von Transfers und den eventuellen Schäden, die entstehen können, wenn man sie nicht korrekt durchführt (vgl.: Transfertechniken bei Para- und Tetraplegie), da man sich statt überzusetzen aus einer sitzenden Position, z. B. auf dem Bett oder dem normalen Rollstuhl, hochzieht.

Und dann ist da noch der kleine technische Vorteil, dass der TEK RMD per Fernbedienung gesteuert werden kann, wenn man ihn gerade nicht benutzt. D. h. wenn man auf dem Sofa sitzt oder zu Bett gegangen ist, kann das Gerät per Knopfdruck in die Ecke gestellt oder wieder herangerufen werden, wenn man es wieder fahren möchte.

Für wen das TEK RMD geeignet ist:

Das TEK RMD ist ausschließlich für Lähmungshöhen geeignet, bei denen eine gewisse Arm- und Schulterkraft gegeben ist, da das Ziehen in die stehende Position aus eigener Kraft erfolgen muss. Zudem muss ausreichend Rumpfstabilität gegeben sein, mit der sich der Nutzer in der aufrechten Position halten kann, ohne dafür die Hände zu benutzen. Für die Nutzung des TEK RMD gilt außerdem:

  • Die Körpergröße des Nutzers muss zwischen 1,40 und 1,90 m liegen.
  • Das Körpergewicht darf 40 kg nicht unter- und 120 kg nicht überschreiten.
  • Die Fußlänge muss zwischen 23 und 35 cm liegen.
  • Die Handfunktion muss voll gegeben sein, um das TEK RMD steuern zu können.

Weitere Ausschlusskriterien ergeben sich aus den Einschränkungen, denen ein Stehtraining unterworfen ist, z. B. vorhandene Osteoporose, Kontrakturen, Kreislaufprobleme, Frakturen oder offene Wunden (siehe: Stehtraining bei Querschnittlähmung und „Ratgeber Stehen„). Zudem wird von einer Nutzung abgeraten, wenn eine Schwangerschaft, Epilepsie, Sehstörungen oder kognitiven Einschränkungen vorliegen.

Wieso das TEK RMD den Rollstuhl nicht ersetzen kann:

Das größte Manko am TEK RMD sind seine kleinen Räder, die ihn für eine Nutzung auf der Straße ungeeignet machen. Mit einem Rollstuhl kann man schon mal die eine oder andere Stufe überwinden (siehe: Rollstuhlhandhabung). Mit dem TEK RMD nicht. Darüber, wie es sich auf Gefällen verhält, macht der Hersteller keine Angaben. Im Klartext heißt das: Das TEK RMD ist zwar wunderbar geeignet, sich in engen Räumen zu bewegen, neben dem eigenen Zuhause wären das z. B. Cafés, Supermärkte oder Bibliotheken, und dort an die obersten oder untersten Regale heranreichen zu können – aber man muss da erst einmal hinkommen. Mit dem TEK RMD einfach mal die Straße entlangfahren bis zum nächsten Einkaufszentrum oder zur Uni, geht nicht.

Stichwort hinkommen: Man könnte ja mit dem Auto hinfahren und das TEK RMD vor Ort auspacken und benutzen. Wenn man auf dem Weg vom Parkplatz zum Zielort keine Hindernisse zu überqueren hat, geht das. Allerdings funktioniert auch der Transport des TEK RMD nicht ganz so einfach wie der eines manuellen Rollstuhls. Man braucht viel Platz, um es unterzubekommen (der Hersteller schlägt ein Fahrzeug in SUV-Größe vor) und Hilfe beim Ein- und Ausladen. Oder man hat eine Rampe, über die man das TEK RMD per Fernbedienung rein- und rausfahren lassen kann. Also, wehe allen Kleinwagenfahrern.

Mal ganz abgesehen davon, dass das TEK RMD nicht die Mobilität gewährleistet, für die ein Rollstuhl sorgt, spricht folgendes gegen eine permanente Nutzung: Der Trainingseffekt entfällt. Das TEK RMD ist elektrisch betrieben, d. h. der Nutzer muss keinerlei Muskelkraft einsetzen, um sich fortzubewegen. Bei dem ohnehin reduzierten Grundumsatz bei Querschnittlähmung wäre es der Kalorienbilanz wenig zuträglich auch noch auf das Herz-/Kreislauf- und Muskeltraining, das beim Antreiben eines manuellen Rollstuhls stattfindet, zu verzichten.

Fragen & Kommentare

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  1. Carina Kellner 16.09.2017, 14:23 Uhr

    Hallo, wie und wo kann Mann dieses Gerät ausprobieren, es würde mich für meinen Sohn sehr interessieren. Mit freundlichen Grüßen Kellner

    • Tanja Konrad 18.09.2017, 08:33 Uhr

      Guten Tag Frau Kellner,

      für Anfrage bzgl. Probefahrten müssten Sie sich direkt an den Hersteller: http://www.matiarobotics.com wenden. Eine Vertretung in Deutschland hat Matia Robotics derzeit unseres Wissens nach noch nicht.

      Viele Grüße
      Tanja Konrad