Tipps für das „große Geschäft“ bei Querschnittlähmung

Letztendlich sind es viele Faktoren, die unsere Stuhlausscheidung beeinflussen. Was verbirgt sich hinter dem gastrokolischen Reflex? Wieso sollte der Stuhldrang nicht ignoriert werden? Was ist bei der Analhygiene zu beachten? Der folgende Beitrag erklärt, warum es Sinn macht, einzelne Dinge beim Toilettengang zu berücksichtigen.

Bild 88910023 copyright Lisa-S-, 2013 Mit Genehmigung von Shutterstock.com

  • Normaler Stuhlgang 

Der Darminhalt wird über Darmbewegungen durch die verschiedenen Abschnitte des Darms befördert, die Bewegung wird als sog. Darmperistaltik bezeichnet. Wenn der Stuhlgang im Enddarm ankommt, wird der Entleerungsreflex ausgelöst und ein Dranggefühl entsteht. Entweder wird diesem nachgegeben oder der Stuhldrang wird zurückgehalten. Die Stuhlausscheidung von drei Mal täglich bis alle drei Tage wird als physiologisch bzw. normal betrachtet. Wird mehr als drei Mal täglich und dazu flüssiger Stuhl ausgeschieden, spricht man von Durchfall. Kommt es zu weniger als drei Ausscheidungen in der Woche, liegt wahrscheinlich eine Verstopfung vor.

Ein Rhythmus ist für den Darm wichtig und kann ihm auch regelrecht angewöhnt werden, so geschieht das schon bei Kleinkindern. Nicht nur der Toilettengang zur gleichen Zeit, sondern auch regelmäßiges Essen ist wichtig, damit der Körper regelmäßig verdaut. Wenn das Dranggefühl auftritt, sollte die Toilette umgehend aufgesucht und der Drang nicht unterdrückt werden. Bei inkomplett gelähmten Menschen kann der Stuhldrang auch durch sogenannte Körperersatzzeichen angezeigt werden.  Das können beispielsweise Kribbeln oder Rötungen an einer Körperstelle oder Gänsehaut sein.

Kommt es nach Einsetzen des Entleerungsreflexes zu keiner Stuhlentleerung, wird der Enddarm übermäßig gefüllt und kann Schmerzen oder Beschwerden, in Falle von Querschnittlähmung auch bspw. Autonome Dysreflexien auslösen. Bis das Drangefühl wieder entsteht, kann ein halber Tag bis zu zwei Tagen vergehen. Gleichzeitig wird der Stuhlgang in dieser Zeit härter, da ihm weiter Wasser entzogen wird. Dies erschwert wiederum die weitere Ausscheidung und fördert Blähungen.

  • Den gastrokolischen Reflex nutzen

Bei der Gewöhnung des Darms an die Entleerung empfiehlt sich die Zeit 20 bis 30 Minuten nach einer Mahlzeit, da der Darm seine Bewegungen nach dem Essen über den sog. gastrokolischen Reflex steigert. Morgens  nach oder kurz vor dem Frühstück ist er ausgeprägter, da der Parasympathikus als Teil unseres Nervensystems in der Nacht aktiv war. Bei den weiteren Mahlzeiten erscheint der gastrokolische Reflex in abgeschwächter Form.

Auch hier ist entscheidend, dass  eine seltene oder unregelmäßige Nahrungsaufnahme den gastrokolischen Reflex erschwert, während eine regelmäßige Einnahme der Mahlzeiten die Entleerung unterstützt. Für den Querschnittgelähmten ist es sinnvoll, den gastrokolischen Reflex zu nutzen, um  die Ausscheidung einzuleiten, bspw. durch digitale Stimulation oder Zäpfchengabe.

  • Die Sitzhaltung auf der Toilette

Auf der Toilette zu sitzen ist für uns selbstverständlich. Dabei hat die Sitzhaltung einen entscheidenden Einfluss auf die Ausscheidung. Ein Blick auf die Anatomie erläutert den Zusammenhang: Der letzte Abschnitt des Dickdarms, das Sigma, geht s-förmig in den Enddarm über. Durch den Tonus der Beckenbodenmuskulatur umschlingt der M. puborectalis den Enddarm und bildet einen Zug nach vorne, sodass zwischen Rektum und Analkanal ein Winkel von ca. 90° entsteht. Dieser hat die Funktion, die Kontinenz aufrechtzuerhalten.

Die Hockhaltung, das natürliche in die Hocke gehen, wäre physiologisch gesehen, die Haltung der Wahl, da der anorektale Winkel von 130° so optimal entsteht. Ist man bereit zur Ausscheidung und gibt dem Dranggefühl nach, wird der Entleerungsreflex durch eine willkürliche Entspannung der Beckenbodenmuskeln unter Pressdruck von Zwerchfell und Bauchmuskeln ausgelöst. Dieser Druck bewirkt eine Veränderung der Muskulatur, denn der Beckenboden wird nach unten gedrückt und somit vergrößert sich der oben beschriebene Winkel von 90° auf 130°. Der Stuhlgang kann nun unter Einsatz der Darmbewegungen und bei reflektorisch entspanntem  Beckenboden ausgeschieden werden. Ist der Stuhlgang passiert, kontrahieren die Muskeln wieder, bis sie ihren Grundtonus erreicht haben.

Um diesen Winkel positiv zu beeinflussen, ist die Sitzhockhaltung ratsam. Vor allem zur Vermeidung von Hämorrhoiden wird sie auch empfohlen. Während man beim Entleeren der Blase möglichst aufrecht sitzen sollte, damit diese restharnfrei entleert, empfiehlt sich beim Entleeren des Darms, das Becken nach hinten zu kippen und mit dem Steißbein tiefer in das WC zu sinken, so dass das Schambein höher liegt. Man kommt in diese Position, wenn man sich auf der Toilette mit dem Rücken an die Wand nach hinten anlehnt oder besser noch einen Hocker für die Füße benutzt. Die Abbildungen zeigen die unterschiedlichen Sitzwinkel.

Normale Sitzhaltung auf Toilette:

Hockposition_2198_kl

Die physiologische Sitzhockhaltung links und auf Toilette im Bild rechts.

Hockposition_2195_kl  Hockposition_2203_kl

Umgekehrt, wenn also das Becken nach vorne gekippt wird, verschiebt sich der anorektale Winkel nicht optimal und es kann nur mit starkem Pressen der Stuhlgang nach draußen befördert werden. Liegt das Steißbein tiefer, wird der Bauchinhalt so komprimiert,  dass es zu einer Erhöhung des Bauchdruckes kommt und die Ausscheidung funktioniert ohne bzw. mit weniger Pressen. Wichtig ist zudem, dass die Füße einen festen Stand haben und nicht in der Luft baumeln. Um in diese Sitzhockhaltung zu gelangen, kann man sich diese Vorrichtung entweder selber bauen oder kaufen, bspw. „Squatty potty“ oder „hoca – medizinischer Toilettenhocker“, „Prevento med. Toilettensitz“ für eine ergonomische Sitzposition. Auf eine ausreichende Rumpfsicherung ist dabei zu achten, um Stürze zu vermeiden. Ein Mensch mit Querschnittlähmung muss ausprobieren, welche Sitzposition ihm ein sicheres Sitzen ermöglicht.

  • Analhygiene

Eine unzureichende und auch übertriebene Hygiene im Analbereich kann zu Beschwerden führen. Wenn die Haut am After wund ist oder Hämorrhoiden nach außen getreten sind, kann auch das Reinigen der Analregion erschwert werden. Hier ist eine sorgfältige Durchführung der Reinigung sehr wichtig. Langes und starkes Reiben mit Toilettenpapier sollte vermieden werden.

Grundsätzlich reicht ein weiches Toilettenpapier zum Reinigen nach dem Stuhlgang. Farbiges und mit Duftstoffen versetztes Toilettenpapier kann zu Hautirritationen führen. Auch Feuchttücher können aufgrund von Duftstoffen oder Konservierungsstoffen Reizungen oder Allergien hervorrufen. Am geeignetsten ist das Reinigen mit lauwarmem Wasser ohne Seifenzusätze oder Waschlotionen.

Vielerorts ist ein Bidet, eine Dusche oder Einsatzschale verfügbar, so dass fließendes Wasser verwendet werden kann. Auch hier sollte die Temperatur kontrolliert werden und lauwarm sein, um Verbrühungen vorzubeugen. Eine Alternative bildet die Installation einer vollautomatischen Toilette mit integrierter Wasserdüse und Föhn zum Trocknen der Haut, wie bespw. das Dusch-WC „Closomat“. Nicht ganz so luxuriös, aber gleich effektiv ist die Reinigung mit einem angefeuchteten weichen Einmal-Waschlappen oder weichem Wattepad.

Anschließend sollte die Haut bzw. Analregion vorsichtig mit einem Tuch trocken getupft werden. Salben sollten erst nach ärztlicher Rücksprache verwendet werden.  Juckreiz, Brennen und Bluten weisen auf Erkrankungen in der Analregion hin, die durch einen Enddarmspezialisten/Prokotologen abgeklärt werden sollten.

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