Treppen steigen im Rollstuhl

Treppen verhalten sich zu Rollstuhlfahrern wie Papst Urban VIII zu Galileo Galilei. Sie sind ein Hindernis, das es zu überwinden gilt. Hierbei gibt es verschiedene Lösungsansätze, teils utopisch, teils praktikabel. Der Prototyp eines neuen treppensteigenden Rollstuhls wurde kürzlich in der Schweiz vorgestellt.

Bild 97931862 Copyright Dim-Dimich, 2013 Mit Genehmigung von Shutterstock.com

B-Free Ranger

Der B-Free Ranger ist der treppensteigende Elektro-Rollstuhl des österreichischen Herstellers Help-24.

Der B-Free Ranger verfügt über vier Fahrprogramme, die ein Optimum an Mobilität gewährleisten sollen:

1. Stair Mode – Das wichtigste Alleinstellungsmerkmal des Rangers ist der Treppensteig-Modus, mit dem Rollstuhl samt Fahrer Treppen mit einer Steigung von bis 35° bewältigen können. Der Sitz bleib automatisch waagrecht, was die Sicherheit für den Nutzer erhöht.
2. Step Mode – Wenn nur eine Stufe oder eine Bordsteinkante genommen werden muss, kommt der Step Mode zum Einsatz. (Auf seine Website spricht der Hersteller vom Steep Mode, was entweder ein Tippfehler ist, oder darauf hinweisen soll, dass das Hindernis „steep“, also „steil“ ist.)
3. SUV Mode – Um auf unebenem Gelände wie Feld, Wald und Wiese sicher unterwegs zu sein, kann der Geländemodus verwendet werden.
4. Surf Mode – Auf ebenen Flächen ohne große Herausforderungen fährt der Rollstuhl am sichersten und schnellsten im Surf Mode.

Der B-Free Ranger fährt 6 km/h Spitze und hat eine Reichweite von 30 km.

Kosten:

Zu haben ist der österreichische Stufenbezwinger für ca. 28.000 Euro z. B. beim Hersteller: B-Free Ranger

 

Treppen befahren mit Scalevo

An der Eidgenössischen Technische Hochschule Zürich (ETHZ) bereitet man sich auf den Cybathlon 2016 (siehe: Der Cybathlon – Bionische Spiele 2016) vor. Projektteams stellten nun unter anderem den Prototyp des elektrisch betriebenen Rollstuhls Scalevo vor, mit dem das Befahren von Treppen möglich ist.


Auf ebenem Gelände fährt der Scalevo auf zwei breiten Reifen. Wie bei einem Segway funktioniert der Antrieb elektrisch und es gibt ein computergestütztes Gleichgewichtssystem mit Sensoren, das beim Fahren und dem Erklimmen von Treppen dafür sorgt, dass das Gefährt nicht umkippen kann. Ebenfalls wie ein Segway kann der sich der Scalevo problemlos um die eigene Achse drehen, was ein Manövrieren auf engem Raum ermöglicht. (Siehe auch: Segways für Rollstuhlfahrer.)

Wenn der Scalevo eine Treppe erklimmen soll, muss in den „Raupenmodus“ gewechselt werden. Der Fahrer senkt die Kettenräder ab, wodurch die Räder automatisch angehoben werden. Das Befahren der Treppe erfolgt rückwärts; die Gleisketten tasten sich langsam die Treppe nach oben. (Besser wäre es vielleicht von sehr langsam zu sprechen. Laut eigener Aussage wollen die Entwickler eine Geschwindigkeit von einer Sekunde pro Stufe erreichen, aber davon sind sie noch weit, weit entfernt.) Erreicht der Rollstuhl das Treppenende werden die am hinteren Teil des Rollstuhls befindlichen Stützräder ausgefahren und sorgen so für ein sanftes Ankommen. Diese kleinen Räder sind zudem Teil eines weiteren Hilfssystems, das es dem Fahrer ermöglicht, kleinere Hindernisse wie Bordsteine zu überwinden.

Während dieser Prototyp bereits für Aufsehen sorgt, ist noch lange nicht klar, ob er je in Serie gehen wird, ob er für die Nutzung im Innen- und Außenbereich zugelassen sein wird – und wie viel er den Endverbraucher kosten wird. Zunächst müssen die Entwickler noch an den Details arbeiten. Die Fahreigenschaften auf verschiedenen Untergründen soll verbessert werden; die Geschwindigkeit vom IST auf den Soll-Stand anzuheben, steht ebenfalls noch aus. Dann muss sich der Scalevo beim Cybathlon 2016 in Zürich beweisen. Und bestenfalls einen Hersteller finden.

Scewo

Update März 2017: Der Scalevo ist über das Prototypenstadium hinaus und wird unter dem Namen Scewo verkauft werden. Derzeit suchen die Macher noch nach Sponsoren (siehe: Patreon/Scewo). Zur Website der Macher geht es hier: scewo.ch/

Bionischer Rollstuhl der TU München

2016 wurde ein Prototyp der TU München vorgestellt, der Treppen mühelos zu meistern scheint. Für einen ausführlichen Beitrag siehe: Der Rollstuhl, der Treppen steigt.

Fakt oder Fiktion?

Das Thema „Treppensteigende Rollstühle“ ist in einer Welt voller Barrieren zu Recht immer wieder ein Thema. Doch so richtig beantwortet ist die Frage „Wie komm ich da jetzt hoch?“ immer noch nicht, obwohl Lösungen da waren. Man denke nur an den iBOT, der bereits 2001 unter großem Jubel in den USA auf den Markt kam, nur um einige Jahre später sang- und klanglos wieder zu verschwinden. Dabei waren die Leistungen des geländegängigen und stufenüberwindenden iBOTs beachtlich. Nur sein Preis überstieg die Möglichkeiten des Durchschnittsbürgers…

Update Juni 2016: Der iBOT wird von Designer Dean Kamen und Toyota weiterentwickelt werden. Für einen ausführlichen Bericht siehe: Das Comeback des treppensteigenden iBOT.

 

 

Ein ähnliches Model ist der Prototyp MEBot, der von HERL entwickelt wird. Siehe dazu: Der MEBot – Mit Sensoren sicher unterwegs

Weitere Modelle

Seit Jahren geistert der (ausschließlich animierte) Entwurf eines treppenbefahrenden Rollstuhls durch einschlägige Foren. So schön die Bewegungen dieses Gefährts auch aussehen mögen, das Design schaffte es bisher nicht mal zum Prototypen. Dabei scheint die zugrundeliegende Technik einleuchtend. Aber Forschung und Entwicklung kosten Geld. Geld, das wie beim IBOT möglicherweise nicht wieder reinkommen wird.

 

Immerhin: Ein Hersteller in Hongkong tüftelt seit Jahren an einem Modell, das Treppen befahren kann und auch für den Außenbereich geeignet sein soll. Prototypen gibt es und die Firma präsentiert sich und ihr Produkt auf internationalen Messen, was für eine Vermarktung sprechen könnte. Für mehr Informationen (in englischer Sprache) siehe: www.b-free.hk

Weitere Optionen

In die Rubrik „Das funktioniert tatsächlich“ fallen Treppensteighilfen. Neben Treppenliften (siehe: Wohnen mit Treppenlift) gibt es auch mobile Hilfsmittel, mit denen man mit dem Rollstuhl Treppen hoch und runter kommt.

Scalamobil

Für die Nutzung des elektrisch betriebenen Treppensteiger Scalamobil bedarf es einer Begleitperson. Besonders groß ist der Kraftaufwand für diese allerdings nicht. Das Scalamobil wird bei Bedarf an den Rollstuhl angedockt und erlaubt Treppen aller Art (auch Wendeltreppen) mit bis zu 300 Stufen zu befahren. Danach muss die Batterie aufgeladen werden.

Der Treppensteiger mit Sicherheitssensorik und Steigmechanismus ist für Personen mit einem maximalen Gesamtgewicht von 180 kg geeignet; die ergonomischen Griffe ermöglichen der Begleitperson eine sichere Bedienung bei minimalem Kraftaufwand. Die automatische Sicherheitsbremse stoppt zuverlässig an jeder Stufenkante.

Kosten:
Das Scalamobil kostet ca. 4.500 Euro (Stand Juli 2015). Es ist möglich, dass die gesetzlichen Krankenkassen, Pflegeversicherungen oder Sozialhilfeträger diese Kosten übernehmen, allerdings nur wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind. Interessenten sollten diese mit den Leistungsträgern im Vorfeld abklären. Zu entsprechenden Hinweisen geht es hier: Käuferportal.de

Die Hilfsmittelnummer des Scalamobils ist: 18.65.01.1026

Das System gibt es auch als Scalacombi mit integierter Sitzeinheit.

 

Treppensteiger*, die mit Begleitperson zu verwenden sind, gibt es auch von anderen Herstellern. Zu Beispielen geht es hier: Sanilift

Stairmax

Mit dem Stairmax können Rollstuhlfahrer mit ausreichend vorhandener Armfunktion, geradläufige (d. h. keine Wendeltreppen) Treppen im Innen- und Außenbereich eigenständig befahren. Zwischenpodeste müssen mindestens einen Meter breit sein.

Der manuelle Rollstuhl wird (nach entsprechender Adaption durch den Hersteller) dabei auf einem Unterbau fixiert, dessen Raupenantrieb Stufen auf bis zu 30 Stockwerke befährt.

Kosten:
Der Stairmax des österreichischen Herstellers Lehner kostet ca. 5.000 Euro (Stand Juli 2015) inkl. der Umrüstung des vorhandenen Aktivrollstuhls. Eine Hilfsmittelnummer gibt es nicht.

 

 

Die Do-It-Yourself Option: Treppen steigen ganz ohne Hilfsmittel oder einem Hill Holder

Wer mag, kann versuchen, Treppen im Rollstuhl ganz ohne Hilfsmittel zu befahren. Voraussetzungen hierfür sind: Sehr gute körperliche Fitness und Kraft in Armen und Oberkörper bei einer niedrigen Lähmungshöhe und ein leichter Aktiv-Rollstuhl nebst Anschnallgurt. Leichter geht es mit Rückrollsperre (Hill Holder). Die richtige Technik, die zum Befahren von Treppen notwendig ist, wird in verschiedenen Mobilitätstrainings vermittelt (siehe auch: Rollstuhlhandhabung: Mobil im Rollstuhl).

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Oder so:

 

*Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit; Hinweise zu weiteren Modellen nimmt die Redaktion gerne entgegen.

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