Stefan Lange über Sport und Gesundheit bei Querschnittlähmung

Wie wichtig ist Sport bei Querschnittlähmung? Sehr wichtig, findet Stefan Lange, querschnittgelähmter Ausnahmesportler, Personal Coach und Fitness Trainer. Der-Querschnitt.de sprach mit ihm über Bewegung, Ernährung und über das Gesundbleiben im Rollstuhl.

Bild Stefan_IMG_1805 Copyright Manfred Sauer Stiftung, 2014

Im Juni 2015 schrieb der Deutsche Rollstuhl-Sportverband (DRS) im Rahmen der Kampagne „Gemeinsam was ins Rollen bringen“ über Stefan Lange: „Judo, Boxen, Schwimmen, Aerobic. Stefan Lange ist nicht der Typ Mannschaftssportler. … Als Sportler durch und durch wollte er sich (nach seiner Rückenmarksverletzung) auch im Rollstuhl richtig auspowern. Mit dem Handbike hat er das für sich ideale Sportgerät gefunden. 2004 konnte er Siege im Einzel und in der Mannschaft bei den EHC/UCI-Weltmeisterschaften über satte 178 Kilometer feiern. Mehr als 10.000 Kilometer nimmt der Hamburger jährlich mit seinem Handbike unter die Räder. Unter anderem auch auf Lanzarote, wo er seit 2010 die ‚Vuelta Playa Blanca‘ mitorganisiert.“

Dieses Portrait beschreibt in wenigen Sätzen, wer Stefan Lange ist: Ein Ausnahmesportler mit einem Durchhaltevermögen, das über das Maß des Üblichen hinausgeht. Als Fitnessexperte und Trainer unterstützt er andere Sportler dabei, ihre selbst gestellten Erwartungen an sich selbst zu erfüllen. Und den ganz normalen Rollstuhlfahrer von nebenan möchte er für die Themen Mobilität, Sport und Gesundheit begeistern. Einfach um jeden Einzelnen dazu zu befähigen, im Rollstuhl so fit, beweglich und unabhängig wie möglich zu sein. Und wenn man Langes Charme erst einmal erlegen ist, führt an diesem Ziel kein Weg mehr vorbei.

Stefan, seit 1999 sitzt Du nach einem Unfall im Rollstuhl und bist dabei fit, gesund und glücklich…

Lange: (lacht) „Ja, das sieht man, oder?“

Wie machst Du das?

Lange: (lacht wieder) „Sport. Draußen im Freien. Unter der Sonne. Oder bei Wind und Regen. Jeden Tag. So einfach ist das.“

Weshalb ist Sport so wichtig für Menschen im Rollstuhl?

Lange:Sport ist Bewegung und Bewegung ist Leben. Bewegung hilft bei eigentlich allem. Regelmäßiges Ausdauer- und Krafttraining sorgt für ein starkes Herz, gesunde Haut, schützt die Knochen, regt den Stoffwechsel an und unterstützt das Immunsystem. Sport ist quasi wie ein Jungbrunnen. Wo soll ich da anfangen?

Gerade was das Herz-Kreislauftraining angeht, ist Sport besonders wichtig. Er sorgt für eine gute Durchblutung, die Gefäße bleiben geschmeidig und man beugt so Herzinfarkten und Bluthochdruck vor. Der Herzmuskel wird gestärkt und der Ruhepuls sinkt. Das bedeutet, man hat für so ziemlich alles mehr Energie.

Die Haut wird auch besser durchblutet und bleibt gesund. Und wenn du deine Muskeln benutzt, werden sie gekräftigt und beugen Knochenschwund vor. Bei einer Querschnittlähmung kannst du das natürlich nicht mit jedem Muskel machen. Aber die, die funktionieren, sollte man dafür umso mehr trainieren.

Dann regt regelmäßige Bewegung auch noch den Stoffwechsel an und man verbraucht Energie. Vielen Rollstuhlfahrern geht es ja so, dass sie mit dem Gewicht Probleme kriegen. Und das soll nicht sein. Zusammen mit einer angepassten vernünftigen Ernährung (siehe: Was tun bei Übergewicht? Abnehmen bei Querschnittlähmung) kann Sport die Muskelmasse erhalten und den Fettanteil des Körpers reduzieren.“

Gibt es auch psychologische Aspekte?

Lange: „Ja, natürlich! Gerade wenn man neu im Rollstuhl ist und austestet, was alles geht und was nicht geht, kann der Sport eine große Hilfe sein. Sicherlich wird es die eine oder andere Sache geben, die man nicht mehr kann. Aber dafür gibt es andere Möglichkeiten. Und hier Leistungen zu erbringen, kann ein unheimlicher Schub für das Selbstbewusstsein sein.

Und dann setzt Sport Endorphine frei. Wenn die in meinem Blut rumschwirren, kann ich gar nicht unglücklich sein und komm gar nicht erst ins Grübeln. Ausdauersport wirkt praktisch wie ein Antidepressivum. Ein ziemlich gutes sogar.“

Wie sollte ein Rollstuhlfahrer an das Thema Sport herangehen?

Lange: „Am Anfang steht ein Mobilitätstraining. Ohne das geht gar nichts. Die Grundtechniken sind das Allerwichtigste. Das Ankippen, Antreiben, Kurven fahren, Drehen, die Balance halten… Ich muss wissen, wie ich mit dem Rollstuhl umzugehen habe. Wie komm ich über diese Stufe? Über den Bahnübergang? Wie fährt es sich auf Sand, Kies, der Wiese? (Siehe: Rollstuhlhandhabung: Mobil im Rollstuhl) Und wenn ich das alles drauf habe, wenn ich die Kraft und die Ausdauer aufgebaut habe, dann kann ich mich nach mehr umsehen und meine Grenzen austesten.“

Welche Sportarten sind für Querschnittgelähmte besonders geeignet?

Lange: „Besonders wichtig sind die Sportarten, die Kraft und Ausdauer fördern und die Beweglichkeit erhalten. Handbiken steht da bei mir an erster Stelle oder auch das Fahren im Rennrollstuhl. Kanu fahren oder Rudern bietet einen ganz anderen Bewegungsablauf. Und das alles kann man an der frischen Luft machen. Egal ob die Sonne scheint oder ob es regnet.

Mannschaftsportarten sind vor allem für Leute geeignet, die gerne was in Gruppen machen, die gerne gemeinsam mit anderen etwas erreichen oder schaffen. Das stärkt auch wunderbar das Selbstwertgefühl, gerade wenn man nach einer Rückenmarksverletzung denkt, man passt nirgendwo mehr so richtig rein. Stimmt alles nicht. Die Möglichkeiten, die man als Paraplegiker hat sind sehr vielseitig. Und auch für Tetraplegiker gibt es inzwischen ein gutes Angebot.“

Für die Möglichkeiten, die im Rollstuhlsport zur Verfügung stehen siehe: Kategorie Sport

Wie lässt sich Bewegung in den Alltag integrieren?

Lange: „Durch ein eigenes kleines persönliches Programm. Wenn man fitnesstechnisch bei null anfängt, darf man anfangs nicht zu viel erwarten. Als erster Schritt: Wenn man unterwegs ist, den langen Weg nehmen. Nicht so schnell wie möglich wieder nach Hause fahren. Und darauf dann aufbauen. Motivation muss geschaffen werden; wenn man mit den schweren Dingen anfängt, wird das nicht passieren. Man braucht ja den Eindruck: ‚Hey, das was ich da mache, mach ich gut.‘ Und dann ist es auch gut für mich.

Wenn es dann schon besser klappt, sucht man sich vielleicht eine Strecke – es kann auch eine kurze sein – die man in einer gewissen Zeit schaffen möchte. Vielleicht auch mit einer Steigung. Und die fahr ich dann fünf, zehn, fünfzehnmal so schnell rauf und runter wie es geht. (Siehe auch: Kalorienzähler für Rollstuhlfahrer.)

Dadurch lässt sich schon ganz viel in den Alltag integrieren, ohne dass man sich ein teures Sportbike oder eine Ausrüstung für irgendeinen Mannschaftssport anschaffen muss.“

Du hast vorhin das Stichwort Immunsystem gegeben: Was tust Du, um gesund zu bleiben?

Lange: „Das Immunsystem lässt sich nur dadurch fit halten, dass man sich ausreichend an der frischen Luft bewegt, dass man draußen ist, dass man etwas Sonne abkriegt. Und zwar täglich. Und dann ist da natürlich die richtige Ernährung, das richtige Trinkverhalten. Nicht Rauchen, kein Alkohol – oder wenigsten in Maßen. Ein Glas Rotwein zum Abendessen ist gut, eine Flasche ist schon problematisch. Das sind so Sachen, die die Basis für ein gesundes Immunsystem bilden.“ (Siehe: Das Immunsystem und Das Immunsystem stärken)

Wie stehst Du zu Medikamenten?

Lange: „Ich selbst nehme gar keine. Nach meiner Verletzung hab ich zwar das Übliche verschrieben bekommen – gegen Spastik und was weiß ich, was es da noch alles gibt – und dann dachte ich irgendwann: ‚Was soll das? Nehm ich nicht!‘ Am Anfang waren dies Medikamente sicher nötig. Zwingend nötig. Aber ganz oft ist es so, dass man sie nach einer Weile nicht mehr braucht. Die Stabilisierungsphase kann nur mit Medikamenten funktionieren. Aber dann sollte man tunlichst versuchen davon wegzukommen, man sollte versuchen sich auf das Nötigste zu beschränken und mehr nicht.“

Einfach so?

Lange: (lacht) „Natürlich nicht in Selbstversuchen, so wie ich das gemacht habe. Sondern in Absprache mit dem Arzt. Ich bin seit über 15 Jahren im Rollstuhl und seit sieben oder acht Jahren nehme ich keine Medikamente mehr. Am Anfang war’s chaotisch, weil der Körper anderes gewohnt war. Es hat seine Zeit gebraucht, bis er wieder natürliche Regulationsmechanismen gefunden hat. Und jetzt geht es mir wesentlich besser als mit Medikamenten.

Antibiotika sind ein Problem. Bei dem kleinen Schnupfen nehmen die Leute heute ein Antibiotikum, ohne sich dessen bewusst zu sein, was für Resistenzen sich da entwickeln können. Das Bakterium, das wir da versuchen in den Griff zu kriegen, sieht uns ja als Herausforderung. Wir besiegen es im Moment, aber es verändert sich, passt sich an, und dann liegt es an uns, neue Wirkstoffe zu finden… das ist praktisch ein Wettlauf gegen die Zeit.

Natürlich ist krank sein schlecht. Man fühlt sich nicht gut. Aber wenn man nicht sofort etwas einwirft, um sofort gesund zu werden, dann gibt man dem Körper auch die Chance die Liste der Krankheitserreger, die er kennt und gegen die er sich wehren kann, sozusagen upzudaten. Das ist ganz wichtig. So stärkt man das Immunsystem, statt es dauernd zu übergehen.“

Ein Wort zum Abschluss…?

Lange: „Hochleistungssportler zu werden, darum geht es gar nicht. Das will nicht jeder werden und es muss auch nicht jeder wollen. Aber: Bei jeder Lähmung kann man etwas machen. Man muss in den eigenen Möglichkeiten das suchen und finden, das man körperlich machen kann. Und dann dran bleiben und alles geben. Und Erfolge verzeichnen. Ich finde, das gehört zu den schönsten Dingen im Leben. Der Sport bietet dazu die Möglichkeiten.“

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Für weitere Beiträge von und mit Stefan Lange siehe:

Rückentraining für Rollstuhlfahrer

Pole Wheeling – Nordic Walking für Rollstuhlfahrer

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