Digitales Stimulieren und Ausräumen bei neurogenen Darmfunktionsstörungen

Digitales Stimulieren und Ausräumen ein Pro oder Contra unter Pflegekräften – täglich angewandt oder strikt abgelehnt, da es sich um ein invasives Vorgehen handelt, das ethisch und juristisch gesehen unter Pflegenden oftmals Skepsis hervorruft.

Bild 50221432 Copyright Spectral-Design, 2013. Mit Genehmigung von Shutterstock.com

Das digitale Stimulieren und Ausräumen ist ein komplexes Thema. Die Recherche zeigt, worauf bei der Durchführung von digitalen Maßnahmen zu achten ist und wie Pflegekräfte anderer Länder sich mit diesem Thema auseinandergesetzt haben.

Indikation zum digitalen Stimulieren und Ausräumen

Sicherlich stellt das digitale Manipulieren, wie das Greifen mit dem Zeigefinger in den Enddarm genannt wird, keine tägliche Anwendung von Pflegekräften oder Patienten dar. Neben der pflegerisch-ärztlichen Einschätzung, dass diese Maßnahme erforderlich ist, müssen auch religiöse und kulturelle Vorstellungen berücksichtigt werden und zuvor der Patient in die Behandlung eingewilligt haben und fortlaufend über die einzelnen Handlungsschritte informiert werden.

Dass die digitale Abführmaßnahme notwendig sein kann, zeigen zum Beispiel folgende zwei Situationen:

Der Fall einer schweren Obstipation, bei der feste Kotballen im Darm festsitzen und sich weder durch orale noch rektale Abführmaßnahmen ausscheiden lassen. Für den Betroffenen kann es sehr unangenehm sein und zu Schmerzen führen, wenn der Stuhl nicht digital entfernt wird.

Oder bei Menschen mit neurogenen Darmfunktionsstörungen, bei denen das Abführen mit digitaler Unterstützung sehr effektiv ist und eine Handlung darstellt, die im Rahmen der Stuhlausscheidung mitunter mehrmals täglich praktiziert wird.

Das digitale Stimulieren und Ausräumen ist für Menschen mit Querschnittlähmung Teil ihres Darmmanagements, das die natürliche Funktion des gelähmten Darms unterstützt oder ersetzt, um Inkontinenzereignissen und massiver Obstipation vorzubeugen. Untersuchungen zufolge nutzen Querschnittgelähmte das digitale Entleeren als häufigste Intervention des Darmmanagements. Jeder Zweite scheint das digitale Ausräumen anzuwenden oder nach einer Zäpfchengabe den Darm zu stimulieren und anschließend auszuräumen.

Wird diese Routine, bspw. durch einen Krankenhausaufenthalt unterbrochen oder weicht das Abführvorgehen von der Routine ab, entstehen oftmals Probleme, wie Inkontinenzereignisse oder Verschiebungen des Abführrhythmus (Coggrave, 2009). Bildet sich eine Stuhlanstauung im Darm, können bei einer Lähmungshöhe oberhalb thorakal 6 auch autonome Dysreflexien auftreten, die erst abklingen, wenn der Enddarm wieder entleert ist.

Wie ist das Vorgehen der digitalen Stimulation?

Das digitale Stimulieren soll den Afterschließmuskel weiten, die Peristaltik im linken Kolon anregen und einen Entleerungsreiz im Enddarm bewirken. Auf der Toilette oder dem WC-Stuhl sitzend wird der behandschuhte Zeigefinger, der mit Vaseline oder einem anderen Gleitmittel benetzt ist, vorsichtig in den Enddarm eingeführt. Ist die Fingerfunktion nicht vorhanden, kann auch ein Hilfsmittel, sog. „Digital Bowel Stimulator“ verwendet werden. https://ssl.cdn.ncmedical.com/items/fullsize/2009_06_16_08_55_05__12_NC28703_LG.jpg

Stimulator

Foto: MSS

Bei fehlender Handfunktion übernimmt die Pflegeperson die Durchführung. Der Querschnittgelähmte liegt aufgrund des anatomischen Darmverlaufs zur linken Seite gedreht im Bett, welches zusätzlich zuvor mit einem Bettschutz versehen wurde.

Um Verletzungen, wie Hauteinrissen am Schließmuskel, vorzubeugen, ist ein behutsames Vorgehen unerlässlich. Auch die Fingernägel sollten kurz geschnitten und nicht scharfkantig sein. Reagiert der Schließmuskel am After spastisch, sollte pausiert werden, bevor das Stimulieren fortgesetzt wird, ggf. dauert dies einige Minuten. Im Enddarm kreist der Finger sechs bis acht Mal langsam im Uhrzeigersinn an der Darmwand entlang, wobei eine Minute insgesamt nicht überschritten werden soll, um den Entleerungsreflex auszulösen. Nach dem Kreisen wird der Finger entfernt und auf eine Reflexentleerung gewartet.

Tritt diese nicht ein, kann das Vorgehen nach fünf bis zehn Minuten nochmals wiederholt werden. Bei einer Lähmungshöhe von thorakal 6 und höher ist dabei auf Zeichen der Autonomen Dysreflexie zu achten. Treten diese ein, ist unverzüglich aufzuhören, sind die angeordneten Notfallmedikamente zu verabreichen und der Betroffene ggf. in eine aufrechte Sitzposition zu bringen.

Neben einer sorgfältigen Analhygiene (siehe: Tipps für das „große Geschäft“ bei Querschnittlähmung) werden die Hände anschließend mit Wasser und Seife gereinigt. Führt das Stimulieren eine Pflegeperson durch, sollte diese die einzelnen Schritte ankündigen und das Einhalten der Intimsphäre gewährleisten. Ein zweiter Handschuh erweist sich als sinnvoll, wenn einer undicht wird oder bei dünnerem Stuhlgang Schmierereien entstehen, so kann der obere ausgezogen werden.

Wann wird digital ausgeräumt?

Setzt nach drei Wiederholungen kein Entleerungsreflex ein, sollte der Enddarm mit dem Finger digital ausgeräumt werden. Dabei wird der Stuhlgang ggf. mit dem Zeige- und Mittelfinger soweit er erreicht werden kann aus der Ampulle entfernt. Im Liegen müssen Bettschutz und ein Abwurf mit Papier und ggf. Reinigungsutensilien vorbereitet werden. Äußerst hilfreich ist dabei eine weich geformte, wurstförmige Stuhlkonsistenz, die mitunter über die Ernährung (siehe: Ernährung bei Querschnittlähmung) beeinflusst werden kann. Als schwierig auszuräumen erweist sich hingegen dünner bis breiiger Stuhlgang. Kann kein Stuhlgang in der Ampulle mehr getastet werden, ist der Abführvorgang beendet. Besonderes erfolgreich zeigt sich das Vorgehen, wenn es nach einer Mahlzeit, vorzugsweise dem Frühstück, durchgeführt wird, um den gastrokolischen Reflex auszunutzen, der die Darmbewegung auslöst und zur Stuhlausscheidung führt.

Welche Komplikationen können auftreten?

  • Verletzungen des analen Sphinkters/Schließmuskels mit Folge einer Sphinkterschwäche
  • Blutdrucküberwachung zuvor und gegen Ende der Maßnahme aufgrund Gefahr der Autonomen Dysreflexie. Bei einer routinemäßigen Handlung ist es allerdings nicht erforderlich.
  • Auf Anzeichen von Leiden, Schmerzen und Beschwerden achten
  • Auf Blutungen achten hinsichtlich Verletzungen in der perianalen oder rektalen Region (v. a. im Hinblick auf die Einnahme von Antikoagulanzien)

Wer darf das digitale Ausräumen und Stimulieren durchführen?

Kann der Querschnittgelähmte nicht selbstständig das Ausräumen vornehmen, ist er auf Hilfestellung durch Pflegepersonal oder Angehörige angewiesen. Es empfiehlt sich unbedingt, sich von einer erfahrenen Pflegefachkraft in das Vorgehen einweisen zu lassen und auch anhand von Abbildungen sich mit den anatomischen Gegebenheiten des Enddarms vertraut zu machen. Eine Schulung zu theoretischen und praktischen Aspekten des digitalen Ausräumens sollte im Rahmen einer Fortbildung zu Darmfunktionsstörungen beinhaltet sein. Auch bei selbstständiger Durchführung der Person muss eine Anleitung und Schulung durchgeführt werden. Das digital-rektale Stimulieren und Ausräumen erfolgt grundsätzlich nach ärztlicher Anordnung, da Kontraindikationen oder alternative Abführmaßnahmen berücksichtigt werden müssen.

Was hemmt Pflegekräfte, digital zu stimulieren oder auszuräumen?

Pflegekräfte glauben das digitale Stimulieren und Ausräumen nicht durchführen zu dürfen oder meinen, es wäre nicht ihr pflegerischer Auftrag. Zum einen zählt das digitale Ausräumen und Stimulieren als ein invasiver Eingriff und fällt ohne die Zustimmung des Patienten unter die Körperverletzung, so dass Pflegekräfte befürchten, gesetzeswidrig zu handeln. Zum anderen wurden sie zum Vorgehen nicht angeleitet und fortgebildet, was mit Ängsten einhergeht, etwas falsch zu machen. So gesehen wäre es auch richtig, diese Abführtechnik abzulehnen, um den Patienten keinen Schaden zuzufügen. Eine pflegerische Expertise zeigt sich meist in Einrichtungen, deren Fokus bei Menschen mit Querschnittlähmung liegt. Und selbst da lässt sich feststellen: Je höher die Lähmung, desto weniger Betroffene nutzen dieses Abführvorgehen. Womöglich scheint dies am Grad der Abhängigkeit von anderen zu liegen, dass das digitale Ausräumen als letzte Maßnahme verstanden und weitere Interventionen vorher eingeleitet werden.

Was hemmt Betroffene, sich digital stimulieren und ausräumen zu lassen?

Für denjenigen, der die rektale Prozedur über sich ergehen lassen muss, bedeutet es, sich auszuliefern. Sind Empfindungen und Sensibilität im Genitalbereich vorhanden, kann das Vorgehen unangenehm bis schmerzhaft sein. Grundsätzlich handelt es sich für den Betroffenen um einen beschämenden Eingriff, der als entwürdigend empfunden werden kann. Voraussetzung für diese Abführtechnik ist ein „Informed Consens“, was bedeutet, dass der Betroffene hinsichtlich der möglichen Komplikationen, Nebenwirkungen und des Ergebnisses aufgeklärt wird und mit diesen Informationen freiwillig der Handlung zustimmt.

Wie gehen andere Länder mit Thematik um?

Um Patienten gegenüber eine evidenzbasierte Pflege zu gewährleisten und die professionelle und juristische Verantwortung abzugrenzen, wurden in den United Kingdom Leitlinien (The Royal College of Nursing: Management of lower bowel dysfunction, including digital rectal evacuation and digital removal of faeces, Guidance for Nurses, 2012) entwickelt, nach denen die Pflegekräfte durch spezialisierte Fachpflegekräfte in Kontinenz-Servicezentren der UK fortgebildet und geschult werden. Überlegt man, wie viele Menschen mit Querschnittlähmung hierzulande leben, ist davon auszugehen, dass es nicht genügend Pflegekräfte gibt, die das gewohnte Darmmanagement bei Verhinderung des Betroffenen weiterführen würden. Um die Situation für die Betroffenen zu verbessern, könnte man in deutschen Fachkreisen diskutieren, sich an den United Kingdom zu orientieren und auch nationale Fortbildungs- und Schulungsprogramme zu dieser Abführtechnik zu entwickeln.

 

Fragen & Kommentare

Fragen & Kommentare zu diesem Artikel


Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu hinterlassen.

Zur Registrierung geht es hier lang.