Paul sucht eine Frau – Liebesgeschichte mit Einblicken

Rollstuhlfahrer Paul ist auf der Suche nach der Frau fürs Leben. Oder, wenn das nicht klappt, zumindest mal nach der Frau für eine Nacht. Um seine Chancen beim schönen Geschlecht zu verbessern, heckt er einen gerissenen Plan aus …

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Aus dem Inhalt

„Paul ist Ende 20, in Topform und er hat ein großes Problem. Nicht, dass er im Rollstuhl sitzt. Nein, viel schlimmer: Er ist schüchtern. Wenn er einer schönen Frau gegenübersteht, bekommt er keinen Ton raus.

Als ihm ein Freund erzählt, dass sich viele Krankenpflegerinnen in ihre Patienten verlieben, glaubt er eine Lösung für sein Problem zu haben. Doch mit der schönen Lara wird sein Leben erst richtig kompliziert.“

Soweit der Klappentext. Macht schon Lust zu lesen, oder?

Protagonist Paul ist Biologiestudent, Tetraplegiker und Single. Das Studium wird er demnächst abschließen. Der Rest bleibt. Wenn er sich nicht endlich etwas einfallen lässt, wie er seine Schüchternheit Frauen gegenüber ablegen kann, wird er ewig alleine bleiben, so fürchtet er. Pauls Freund Nico, ebenfalls Tetraplegiker, aber im Gegensatz zu Paul auf Assistenz angewiesen, erklärt ihm, wie häufig Pflegekräfte sich in ihre Patienten verlieben. Nach anfänglichem Zögern, lässt Paul sich dazu überreden, eine Assistentin zu engagieren, obwohl er eigentlich gar keine braucht. Und damit fangen seine Probleme an.

Nicht nur, dass ihm jetzt der MDK im Nacken sitzt, dem dauerhaft weisgemacht werden muss, dass Paul pflegebedürftig ist, er verliebt sich auch in die hübsche Lara. Dass diese mit einem anderen liiert ist, ist nur das kleinste Hindernis auf dem Weg zu einer Beziehung mit ihr. Denn – mal ehrlich – eine Partnerschaft mit einer Lüge zu beginnen, ist nicht die beste aller Strategien.

Wie liest es sich?

„Paul sucht eine Frau“ ist in einem sehr lebendigen, flüssigen Erzählstil geschrieben, der mit kurzen Sätzen auskommt und zu einem Großteil aus Dialogen besteht. Die 190 Seiten lange Geschichte lässt sich so ohne Problem an ein, zwei Nachmittagen weglesen.

Morawek ist von Haus aus Drehbuchautor und das merkt man. Für Dialoge hat er ein hervorragendes Gespür. Die Gespräche, die Paul, Lara und Co. führen, könnte man so ohne weiteres auf der Straße hören, was die Geschichte und die Hauptfiguren sehr glaubwürdig macht. Aber was den Hintergrund angeht passiert nicht viel. Die Textstellen, die kein Dialog sind, sind entweder die Gedanken der Figuren – was ja eigentlich auch nichts anderes als ein Monolog ist, nur ohne Anführungszeichen – oder die Beschreibung dessen, was man als Zuschauer in einem Film sehen würde. Z. B. „Sie nahmen in der Küche Platz. Wie schon zuvor bei den anderen Bewerberinnen sitzt Lara den beiden gegenüber.“ Oder: „Nico zeigt auf Jenny, die eine bunte Vuvuzela hochhebt und gelangweilt hineinpustet.“

Klischee am Rande

Zudem gibt es neben den Protagonisten, Charaktere in „Paul sucht eine Frau“, von denen man annehmen mag, dass sie nur da sind, um Klischees zu bedienen. Müssen wir wirklich glauben, dass die Mutter eines Endzwanzigers, der seit mehreren Jahren ein eigenständiges Leben führt, davon ausgeht, er würde wieder bei ihr einziehen, wenn sein Studium beendet ist, damit sie für ihn kochen kann? Oder ein Vater mit seinem Sohn kein vernünftiges Gespräch führen kann, nur weil dieser im Rollstuhl sitzt? Und ist es wirklich die einzige Möglichkeit einer Romanfigur so etwas wie eine Persönlichkeit anzudichten, indem man ihr ein Laster, wie das Kettenrauchen, anhängt?

Tatsächlich sind diese Eigenheiten von „Paul sucht eine Frau“ aber nichts weiter als Geschmacksache. Wer eine lockerleichte Liebesgeschichte nach Feierabend lesen möchte, um sich zu entspannen und Spaß zu haben, ist mit diesem Buch gut bedient. Worauf es wirklich ankommt, ist etwas völlig anderes.

Liebesgeschichte mit Einblicken

„Paul sucht eine Frau“ ist eine Liebesgeschichte. Von Menschen, die sich kennenlernen, verlieben, sich missverstehen und dämlich verhalten. Und verlieren. Genau wie im richtigen Leben. Dass der Protagonist im Rollstuhl sitzt, ist zwar der Umstand, der den Stein ins Rollen bringt, für den Verlauf der Beziehung spielt er aber keine große Rolle. Ebenfalls wie im richtigen Leben. Ein wirklicher Hemmschuh ist eine Behinderung für eine Beziehung nämlich seltener als gemeinhin angenommen wird.

Und trotzdem wird Fußgängern ein Einblick ins Leben von Rollstuhlfahrern gewährt. Quasi nebenbei. Tetraplegiker wiederum werden sich in den Figuren wiederfinden. Denn was Querschnittlähmung angeht, hat Morawek richtig, richtig gute Recherche geleistet.

Der Leser ist dabei, wenn Paul zum Katheterisieren ins Bad geht. Der Vorgang wird realistisch beschrieben. Vorher wäscht er sich die Hände. Danach nicht … Könnte passen, oder?

Der Leser begleitet Paul zum Rollstuhl-Rugby und stellt fest, dass Rugbyspieler im Rollstuhl mitunter die gleichen großmäuligen, fluchenden, testosterontriefenden Antipaten sind wie manche ihrer gehenden Pendants.

Und der Leser kriegt mit, wie Paul den Pflegedienst bescheißt und was dazu alles notwendig ist. Ein Glas darf man nicht aus dem oberen Regalen holen, wenn man eine Assistenzkraft möchte. Ein kräftiger Händedruck zur Begrüßung? Eher nicht. Transfers? Möglichst dumm anstellen.

Und noch ein Tipp für den Umgang mit Frauen? Hundeblick aufsetzen und sich mit Motorenöl übergießen. An dieser Stelle bemitleidet man Paul. Aber nicht weil er im Rollstuhl sitzt …

Das Buch

  • Paul sucht eine Frau
  • Von Daniel Morawek
  • Roman
  • 190 Seiten
  • ISBN 978 148 120 679 2
  • Preis: 8,99 € (Stand: Aug. 2015)

Über den Autor

Daniel Morawek ist freischaffender (Drehbuch-) Autor und Filmemacher. Bei den Dreharbeiten zu einem Dokumentarfilm über einen ambulanten Pflegedienst lernte er die Rollstuhlfahrer-Szene samt Rugby-Gemeinde kennen. „Nach ausgedehnten Gesprächen in der Rollibar des Hotels wurde mir klar, dass ich unbedingt einen Roman schreiben müsste, der die Stimmung einfängt, die herrscht, wenn ein Fußgänger mit einem Haufen durchgeknallter Rollstuhlfahrer ein Wochenende verbringt,“ sagt Morawek.

 

Für eine weniger heitere Liebesgeschichte siehe: Gelesen: Ein ganzes halbes Jahr