Rollstuhlfrisbee

Das Frisbee ist so leicht und unbeschwert wie das Urlaubsfeeling, mit dem es oft verbunden wird, und auf dem besten Weg zu einem Revival. Im Rollstuhlsport in den USA und Frankreich boomt die Scheibe bereits. Das Besondere daran: Die Regeln sind noch nicht im Detail festgelegt. Ein Sport mit Entwicklungspotenzial.

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Die Renaissance der Retro-Scheibe

In den USA wird Frisbee schon seit den 1960er-Jahren als regulärer Mannschaftssport gespielt und ist mittlerweile in 40 Ländern verbreitet, verbunden durch den „Welt-Frisbeesport-Verband“.  Die Bezeichnung „Frisbee“ geht auf den Bäcker William Russel Frisbie zurück, der in den 1940er-Jahren an der amerikanischen Ostküste Torten in runden Kuchenformen verkaufte. Kinder fanden bald heraus, wie gut sich die weggeworfenen „Pie-Tins“ als Wurfobjekte eigneten. Ende der 50er erfolgte die kommerzielle Herstellung von Kunststoffscheiben mit verbesserten Flugeigenschaften und schließlich die Eintragung ins Handelsregister.

Frisbeesport im Rollstuhl gibt es bislang vorwiegend in den USA und in Frankreich. Hier heißt der Spaß „Wheelchair flying disc sport“ (WFDS). Daniel Schließmann, Leiter eines gleichnamigen Entwicklungsprojekts in Kooperation mit dem Deutschen Rollstuhl-Sportverband (DRS), hat sich zum Ziel gesetzt, das Frisbee auch den heimischen Rollstuhlsportlern nahe zu bringen. Er ist überzeugt von der „Spaßausbeute“ mit der fliegenden Scheibe und beschreibt im verbandseigenen Magazin „Sport und Mobilität mit Rollstuhl“ (08/2015), warum er dem Frisbee so viel zutraut: „Nicht zuletzt deshalb, da es unglaublichen Spaß macht, mit der großen Auswahl an möglichen Würfen und Flugzuständen der Scheibe zu experimentieren, und letztere praktisch in jedem Rucksack überall mit hin nehmen zu können.“

Speziell festgelegte Arten von Rollstuhlfrisbee oder der Basisversion „Ultimate“ gibt es zwar, das basale Regelwerk – abgeleitet vom Fußgänger-Mannschaftssport – ist aber offen für Anregungen. „Vielmehr soll und darf sich jeder, der im Spiel substanzielle Erfahrungen gesammelt und die eine oder andere neue kreative Spielregel getestet hat oder sogar selbst eine Sportgruppe leitet, melden und seine Erkenntnisse und Erfahrungen einbringen“, ermuntert Daniel Schließmann.

Die Regeln in der Basisversion

frisbee mexico_neuVorbereitung

  • Sowohl im Innen- als auch im Außenbereich möglich.
  • Das Spielfeld sollte rechteckig sein und mindestens so groß wie ein Basketballfeld, da das Frisbee auch gern mal ordentlich abhebt.
  • Das Spielfeld mit zwei Endzonen lässt sich einfach durch beliebige Gegenstände markieren.
  • Die Anzahl der Spieler hängt von der Größe des Spielfeldes ab. Ein Basketballfeld verträgt nach Angaben des DRS 2 x 5 Spieler im Rollstuhl.
  • Geeignet sind Aktivrollstühle; als Optimum empfiehlt Schließmann „RBB Stühle“ (spezieller Sportrollstuhl, den z. B. die deutsche Nationalmannschaft im Basketball verwendet mit individuell angepasstem und fest verschweißtem Rahmen für hohe Stabilität und Belastbarkeit).

Spielbeginn

  • Aufgereiht an der Linie der Endzone stehen sich die Mannschaften gegenüber.
  • Der Scheibenbesitz wird per Zufallsentscheid bestimmt.
  • Sobald die Scheibe (in Richtung Gegner) fliegt, dürfen sich die Spieler beider Teams frei bewegen.

Spielverlauf

  • Die Scheibe darf in jede Richtung geworfen werden.
  • Der Werfer darf die Scheibe nicht fangen.
  • Das Frisbee darf den Spieler nur auf dem Luftweg wechseln.
  • Ein Entwenden oder aus-der-Hand-Reißen der Scheibe ist nicht erlaubt.
  • Sobald ein Spieler das Frisbee gefangen hat, darf er den Rolli nicht mehr antreiben; Bremsen oder Kurvenfahren sind aber erlaubt. Ist er zum Stillstand gekommen, darf der Spieler ein Rad mit einer Hand vor/zurück drehen, aber nicht mehr umgreifen oder loslassen. So kann er sich zwar drehen, aber nicht vorwärts bewegen. Die Scheibe muss er mit der anderen Hand halten.
  • Innerhalb von 10 Sekunden muss die Scheibe abgegeben werden.

Punkten

  • Die Mannschaft erzielt einen Punkt, wenn ein Spieler in der Endzone des Gegners einen Pass aus der neutralen Zone fängt.
  • Nach jedem Punkt rollen beide Mannschaften zur Zonenlinie zurück.
  • Im Freien erfolgt nach jedem Punkt ein Seitenwechsel.
  • Keinen Punkt bringt es, mit der Scheibe in die Endzone des Gegners zu rollen. Kommt es dazu, muss das Frisbee wieder in die neutrale Zone gespielt werden und der Spieler die Endzone des Gegners verlassen.

Scheibenbesitz

  • Berührt die Scheibe den Boden, bevor sie gefangen wird, geht sie an den Gegner des Werfers über.
  • Selbstverständlich auch dann, wenn dieser sie fängt, aber auch dann, wenn ein gegnerischer Spieler die Scheibe zu Boden schlägt.
  • Sie wechselt die Mannschaft, wenn sie einen Gegenstand außerhalb des Spielfeldes berührt oder mit einem Spieler ins Aus rollt.
  • Ein Wechsel des Scheibenbesitzes (Turnover) ist auch dann geboten, wenn ein Spieler die Scheibe 10 Sekunden lang behält oder ein Foul stattfindet.
  • Jeder körperliche Kontakt mit dem Gegner ist ein Foul und führt zum Turnover.
  • Dass das Frisbee über den Rand des Spielfeldes hinaus einen Bogen fliegt, ist kein Grund für einen Turnover, solange die Scheibe dabei kein Objekt berührt.

Nicht festgelegt ist, wie lange ein Spiel dauert. Auch wann und wie oft eingewechselt werden darf, ist noch offen. Bei der Entwicklung neuer Regeln komme es nicht auf einen Nachbau des Fußgängersports an, sondern auf Kreativität und spielernahe Umsetzungsmöglichkeiten, so Schließmann. Beispielsweise könne man mit verschiedenen Torrahmen experimentieren, durch die das Frisbee geworfen werden muss, um zu punkten.

Aussichten

Bei verschiedenen Veranstaltungen, in Rehakliniken, auf Messen und bei Organisationen des Behindertensports will der DRS Rollstuhlfrisbee präsentieren, um Menschen für die Sportart zu begeistern und gemeinsam spielbare Versionen zu entwickeln, die Spaß machen. „Wir wollen auch testen, ob sich Rollstuhlfrisbee als Liga-Sport eignen könnte“, ergänzt Mallte Wittmershaus, Sportkoordinator beim DRS. Zur Erfassung von Spielvariationen ist zudem eine Webseite geplant, um Erfahrungswerte und das aktuelle Regelwerk darzustellen. Erste offizielle Spiele und ggf. Turniere könnten folgen.

Weitere Infos:

Deutscher Rollstuhl-Sportverband e.V.

WFDS_Projektbeschreibung_1 (PDF)

Ansprechpartner des Entwicklungsprojekts „Wheelchair flying disc sport“:

daniel.schliessmann@t-online.de

 

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