Connected Catheter – Per SMS zur Blasenentleerung

Ein komplett von der Harnröhre umschlossener Katheter misst über einen Sensor die aktuelle Füllmenge der Blase und sendet, wenn sie fast voll ist, ein Signal an das Smartphone des Nutzers, so dass dieser weiß: „Aha, eine SMS von der Blase. Zeit auf die Toilette zu gehen!“ Ermöglichen soll dies das in den USA entwickelte Katheter-System Connected Catheter.

Bild connected catheter Copyright Derek Herrera Spinal Singularity, 2015 Quelle: indegogo.com

Der selbst querschnittgelähmte US-Veteran Derek Herrera steckt hinter dem Unternehmen Spinal Singularity, das ein Katheter-System entwickelte, das die Entleerung bei neurogener Blasenfunktionsstörung (siehe: Blasenfunktion bei Querschnittlähmung) erheblich vereinfachen könnte. Laut Herrera entsprang diese Neuentwicklung seinem eigenen Bedürfnis die Blasenentleerung leichter und anwenderfreundlicher zu gestalten.

So funktioniert das Connected Catheter System

Das Connected Catheter System ist eine Art Smart-Katheter. Er verbleibt 28 Tage im Körper und misst mittels eines Sensors den Blasendruck. Diese Daten werden per Radiofrequenz (RF) an ein Smartphone (oder ein anderes externes, mobiles Gerät) übermittelt. Sobald der Blasendruck einen definierten Punkt überschreitet, gibt das Smartphone ein entsprechendes Signal, so dass der Nutzer weiß, dass es Zeit ist die Blase zu entleeren. Über leichten Druck auf ein Ventil mit Rückflusssperre wird der Entleerungsvorgang ausgelöst.

Dieses System soll einige Vorteile mit sich bringen:

  • Der Connected Catheter ist nach dem Einführen über die Harnröhre vollständig vom Körper umschlossen und beim Entleerungsvorgang sollen Bakterien aus der Harnröhre gespült werden, was das Infektionsrisiko reduziert.
  • Da das Wechseln des Katheters nur einmal monatlich stattfindet, wird das Risiko von Verletzungen der Harnröhre reduziert.
  • Die Nutzung, das ständige Mitführen und die Entsorgung von bis zu zehn Einmalkathetern am Tag entfallen.
  • Externe Komponenten, wie die Urinbeutel bei Dauerkathetern, entfallen.
  • Die Gefahr einer Autonomen Dysreflexie durch erhöhten Blasendruck entfällt.
  • Ein Rückfluss des Urins in die Nieren wird verhindert, indem das Ventil sich eigenständig öffnet, sobald der Blasendruck zu groß wird. Damit riskiert man zwar eine nasse Hose, vermeidet andererseits aber ein Nierenversagen.

Zusätzlich misst der Sensor an der Katheterspitze nicht nur den Blasendruck, sondern sammelt diese Daten auch und speichert sie in einem cloudbasierten Softwareprogramm, was Urologen und Urotherapeuten eine langfristige Vergleichsmöglichkeit bietet und eine entsprechende Auswertung ermöglicht.

Laut Entwickler soll der Connected Catheter vom Nutzer selbst leicht einzubringen und zu entfernen sein. Informationen, wie genau dies funktionieren soll, gibt Spinal Singularity derzeit nicht.

Wer kann das Connected Catheter System benutzen?

Entwickelt wurde das Connected Catheter System für Männer, Voraussetzung für eine Nutzung ist derzeit also ein Penis. Sollte das System kommerziell erfolgreich sein und die gewünschten Vorteile bringen, wird eine Version für Frauen entwickelt werden.

Ein kritischer Blick auf das Connected Catheter System

Bei all den Vorteilen, die der Entwickler nennt, betrachten Urologen und Urotherapeuten das Connected Catheter System kritisch. Immerhin wird dauerhaft ein Fremdkörper in Harnröhre und Blase eingebracht; ein Verfahren, dass z. B. beim System des Dauerkatheters umstritten ist und im Verdacht steht die Infektionsgefahr zu erhöhen sowie durch die mechanischen Reize das Hohlorgangewebe zu beschädigen.

Ob und inwiefern der Connected Catheter den anderen ableitenden Hilfsmitteln (siehe: Ableitende Kontinenzhilfsmittel) überlegen sein wird, bleibt abzuwarten.

Fundraising für das Connected Catheter System

Von September bis Oktober 2015 fand auf der Plattform  www.indiegogo.com eine Fundraising Kampagne für das Connected Catheter System statt. Das gesetzte Ziel von 50.000 US Dollar wurde erreicht und die Kampagne damit erfolgreich abgeschlossen.

Das Geld wird in die Weiterentwicklung und den hoffentlichen Vertrieb des Systems gesteckt. Bei dem professionellen Hintergrund und den genannten namhaften Unterstützern aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft liegt jedoch die Vermutung nahe, dass eine Fremdfinanzierung nicht wirklich notwendig gewesen war. Wahrscheinlich diente das Fundraising vor allem dazu Aufmerksamkeit für das Connected Catheter System zu generieren.

Nun bleibt noch abzuwarten, ob das System von den zuständigen Gesundheitsbehörden abgenickt und für den Verkauf zugelassen wird. Wann die ersten Interessenten damit versorgt werden können, ist unklar.

Update 2017

Spinal Singularity beginnt 2017 mit klinischen Tests an Menschen. Ziel des Unternehmen ist es bis 2018 die Zulassung der U. S. Food and Drug Administration (Amerikanische Nahrungsmittel- und Medikamentenzulassungsbehörde) zu erlangen.

Weitere Produkte zur Verbesserung der Situation von Menschen mit Querschnittlähmung sind in Arbeit (PN, 2017).

Update 2018

Seit Januar 2018 wird eine klinische Studie, die „Clinical Feasibility Study“, mit 20 Teilnehmern unter der Leitung von Urologe Dr. Ernest Agatstein durchgeführt. Im Dezember 2018 sollen die Ergebnisse vorliegen. Zu einer Übersicht zur Studie (in englischer Sprache) geht es hier.

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