Was tun bei Übergewicht? Abnehmen bei Querschnittlähmung

Nach einer Rückenmarksverletzung besteht eine gesteigerte Tendenz zu Übergewicht bzw. Fettleibigkeit (Adipositas), da reduzierte Muskelmasse und eingeschränkte Mobilität den Energieumsatz verringern. Es gibt aber durchaus Möglichkeiten das Fett (wieder) wegzukriegen.

Bild gemueserollis24 Copyright Manfred-Sauer-Stiftung, 2015

Querschnittgelähmte neigen oftmals zu Übergewicht bzw. Adipositas. Dies hängt damit zusammen, dass sich, wie im Beitrag Ernährung und Energiebedarf bei Querschnittlähmung beschrieben, nach einer Rückenmarksverletzung der Energieumsatz des Betroffenen verändert. Der Grundumsatz ist um 10-25% reduziert (Buchholz, A. et al. 2004). Weniger aktive Muskelmasse steht zur Verfügung und durch die eingeschränkte Mobilität wird weniger Energie verbraucht. Zudem kann Übergewicht auftreten als Nebenwirkung bei der Einnahme verschiedener Medikamente, z. B. Kortison sowie verschiedene Psychopharmaka (Antidepressiva, Neuroleptika und Phasenprophylaktika).

Übergewicht und Adipositas als Gesundheitsrisiko

Übergewicht kann ein ernstzunehmendes Gesundheitsrisiko darstellen. Vor allem dann, wenn vermehrt Fettgewebe an Bauch und Taille ansetzt (Bauchfett). Da Querschnittgelähmte, vor allem Tetraplegiker, zu einem sich vorwölbenden Bauch neigen, ist es für Betroffene häufig schwer festzustellen, ob die Ursache für ihren dicken Bauch nun angesammeltes Fettgewebe ist oder der nach vorne drückende Bauchinnenraum, der von den fehlenden Muskeln nicht mehr zurückgehalten wird. Auch Blähungen können einen Bauch dick erscheinen lassen.

Echtes Bauchfett und/oder Adipositas können das Herz-Kreislaufsystem erheblich belasten, was Bluthochdruck und Herzkrankheiten hervorrufen kann. Weitere Risiken sind:

  • Typ-II-Diabetes
  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Bluthochdruck
  • Atemwegserkrankungen (Schlaf-Apnoe-Syndrom)
  • Einige Krebsarten
  • Knochen- und Gelenksentzündungen (Eufic, 2015).
  • Vitamin D Mangel
    Fettgewebe steht im Verdacht Vitamin D zu binden, sodass es nicht in die Blutbahn gelangen kann und somit dem Organismus nicht zur Verfügung steht.

Die meisten dieser Probleme lassen sich mit einer relativ geringen Gewichtsabnahme (10 bis 15 %) lösen, besonders dann, wenn auch gleichzeitig die körperlichen Aktivitäten gesteigert werden (Eufic, 2015).

Übergewicht und Adipositas als Gesundheitsrisiko bei Querschnittlähmung

Im Falle einer Querschnittlähmung kommt außerdem hinzu, dass Übergewicht der ohnehin eingeschränkten Mobilität weiter abträglich sein und zudem eine Belastung für die aktiven Gelenke darstellen kann. Transfers werden durch das überschüssige Gewicht erschwert und für Hilfspersonen ist die Pflege körperlich anstrengender und weniger einfach zu leisten.

Ein weiteres Risiko, das bei Querschnittlähmung durch Übergewicht verschärft wird, sind Druckstellen (siehe: Entstehung von Druckstellen). Das bei Übergewicht höhere Eigengewicht des Körpers, verstärkt den Auflagedruck auf Sitz- oder Liegeflächen. Zudem gilt zu beachten, dass eine Gewichtszunahme eine Neuanpassung des Rollstuhls an die neuen Maße notwendig machen kann. Findet diese nicht statt, können Druckstellen entstehen (siehe: Aspekte der Rollstuhlanpassung).

Als letzter Punkt sei erwähnt, dass ein sehr starkes Körpervolumen die persönliche Hygiene, die Hautkontrolle und das Ausscheidungsmanagement bei Querschnittlähmung erheblich erschweren kann.

Fitnesstrainer Stefan Lange.

Fitnesstrainer Stefan Lange.

 

Wie man als Querschnittgelähmter Gewicht verliert

Um als Querschnittgelähmter sein Gewicht zu halten bzw. zu reduzieren, ist häufig eine Ernährungsumstellung notwendig (siehe: 14 Regeln zur Ernährung Querschnittgelähmter). Zudem ist eine körperliche Betätigung im Rahmen der Möglichkeiten zu empfehlen (siehe: Stefan Lange über Sport und Gesundheit bei Querschnittlähmung).

 

 

Was sagt die Expertin? Claudia Hess im Gespräch

Um Betroffenen einen Überblick zu verschaffen, was bei einer angestrebten Gewichtsreduktion geht und was nicht, sprach Der-Querschnitt.de mit Diätassistentin und Ernährungsberaterin Claudia Hess über mögliche Gegenstrategien bei Übergewicht im Rollstuhl.

1. Wie schafft man es als Querschnittgelähmter sein Gewicht zu reduzieren?

Hunger und Appetit bzw. die Lust zu essen werden nicht alleine vom Energiebedarf und Kalorien gesteuert. Es geht auch um persönliche Vorlieben, Gewohnheiten, die Einstellung zum Essen und psychische Komponenten. Gerade letzteres kann bei Querschnittlähmung durchaus eine Rolle spielen.

Wenn Bewegungsmangel der Fall ist, rate ich zu einem Mobilitätstraining oder eine Einweisung in ein individuelles Sportprogramm bei einem Trainer, der sich mit Querschnittgelähmten auskennt. Wenn man sich selbst gegenüber ehrlich ist und feststellt, dass man vielleicht aus Langeweile isst, oder weil man traurig, gestresst oder genervt ist, kann man sich Möglichkeiten überlegen, wie man diesen Emotionen entgegenwirken kann, ohne zu essen. Etwa indem man Sport macht, sich mit Freunden trifft oder telefoniert oder indem man eine geeignete Entspannungsmethoden (siehe: Entspannungsmethoden) erlernt und anwendet. Generell ist es wichtig nicht zu viel zu schnell zu wollen. Besser ist es sich Teilziele zu setzen. Wenn man z. B. 20 Kilo verlieren möchte, setzt man sich zunächst das Ziel bis zu einem bestimmten Zeitpunkt fünf Kilo verloren zu haben und arbeitet von dort aus dann weiter.

Wenn man sein Gewicht reduzieren will, muss man herausfinden, wie es zu dem Übergewicht gekommen ist.

  • Ist es Bewegungsmangel?
  • Oder eine einseitige Ernährung?
  • Esse ich zu viel oder zu oft?
  • Was ist überhaupt zu viel und zu oft?
  • Esse ich aus anderen Gründen als aus Hunger?

Wenn man herausgefunden hat, welcher Grund oder welche Gründe auf einen zutreffen, kann man entsprechend handeln.

2. Welche Ernährungsstrategie rätst Du Querschnittgelähmten, die sich wegen ihres Übergewichts an Dich wenden?

Wokgemüse: Exotische Köstlichkeiten.

Wokgemüse: Exotische Köstlichkeiten.

Eine Reduktionsdiät ist etwas Individuelles und nicht alle Strategien funktionieren für jeden gleich gut. Es gibt natürlich generelle Empfehlungen:

Aber dann wird es schon schwieriger. Eine gute Strategie ist es z. B. abends die Kohlenhydrate wegzulassen. Aber das schafft einfach nicht jeder. Manche Leute brauchen abends ihre Kartoffeln, ihr Brot, ihre Pasta. Da kann man dann versuchen abends besonders auf die Fette und eben auch auf die Kalorien in den einzelnen Mahlzeiten zu achten.

3. Was ist ein realistisches Ziel bei dem Versuch Gewicht zu reduzieren?

Mehr als ein bis zwei Kilo pro Monat sollten es gar nicht sein. Wer schnell abnimmt, dem droht der Jojo-Effekt, d. h. das schnell verlorene Gewicht ist ebenso schnell wieder drauf. Besser ist ein langsamer, kontinuierlicher Gewichtsverlust, der bleibt. Eine regelmäßige Kontrolle, ist dabei gar nicht so einfach, aber möglich. Siehe hierzu: Wie wiegen sich Rollstuhlfahrer?

4. Gibt es Dinge, von denen Du strikt abrätst?

Generell würde ich von den sog. Formulardiäten abraten, bei denen eine Mahlzeit durch ein Getränk oder eine Fertigmahlzeit ersetzt wird. Die Ernährung kann man so langfristig nicht umstellen, weil kein Lerneffekt eintritt. Auch Crash Diäten, bei denen man sehr schnell ab- dann aber auch wieder zunimmt, sind keine gute Idee. Bei beiden droht der bereits erwähnte Jojo-Effekt. Auch eine sehr einseitige Ernährung ist nicht gut, weil sonst ein Nährstoffmangel droht. Man sollte z. B. darauf achten Fette auf keinen Fall ganz aus seiner Nahrung zu streichen, da Fettsäuren wichtig für verschiedene Verdauungs- und Stoffwechselvorgänge sind. Auch bei den Low Carb Diäten, bei denen weitgehend auf Kohlehydrate verzichtet wird, ist Vorsicht geboten. Sie eignen sich zwar gut zur Gewichtsabnahme, doch sind sie häufig arm an Ballaststoffen. Querschnittgelähmte, die aufgrund einer neurogenen Darmfunktionsstörung häufig Verstopfung haben, müssen hier sehr aufpassen.

 

Weitere Informationen

gemueserollisausschnittClaudia Hess ist Diätassistentin und Ernährungsberaterin/DGE und seit 2010 als Ernährungsfachkraft im Beratungszentrum für Ernährung und Verdauung in der Manfred-Sauer-Stiftung tätig. Sie verfügt über langjährige Erfahrung in der Adipositastherapie. Nebenberuflich ist Hess in Programmen der Gesundheitsprävention verschiedener Krankenkassen aktiv.

Die falsche Ernährung kann mitunter nicht nur Übergewicht auslösen, sondern auch Verdauungsprobleme. Wenn man die Ernährungsstrategie überdenkt, kann man oft beides beeinflussen.

Für mehr Informationen zum Beratungszentrum und seiner Arbeit siehe: Beratungszentrum für Ernährung und Verdauung Querschnittgelähmter. Für eine kostenfreie persönliche Beratung können sich Querschnittgelähmte und deren Familien (auch) telefonisch gerne an Claudia Hess wenden.

 

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