Schlafapnoe bei Querschnittlähmung

Das Schlafapnoe-Syndrom (SAS) oder kurz Schlafapnoe ist eine schlafbezogene Atemstörung, bei der es zu häufigen und/oder länger als zehn Sekunden andauernden Atemaussetzern kommt. Schlafapnoe kann ein ernstzunehmendes Problem bei Querschnittlähmung sein.

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Das Schlafapnoe-Syndrom kann in verschiedenen Formen auftreten. Am häufigsten ist die obstruktive Schlafapnoe (OSA). Hierbei kommt es zu einer starken Entspannung der ringförmigen Muskulatur um die oberen Atemwege im Schlaf. Dadurch sind der Nasen- bzw. der Mundrachen nicht mehr in der Lage, dem beim Einatmen entstehenden Unterdruck genug Widerstand entgegenzusetzen. Der obere Teil der Atemwege fällt ganz (es resultiert eine Apnoe) oder teilweise (es resultiert eine Hypopnoe) zusammen und es kommt zu einer Behinderung (Obstruktion) ebendieser. Krankhafte Atemstillstände dauern länger als zehn Sekunden, wodurch der Sauerstoffgehalt des Blutes abfällt (Hypoxämie). Dies führt zu einer Mangelversorgung gesamten Körpers, vor allem des Gehirns, mit Sauerstoff. Reaktiv wird der Puls und der Blutdruck gesteigert, so dass der Körper sich im Stress befindet und nicht entmüdet. Als Folge kommt es zu einer Weckreaktion des Körpers (Arousel gennant),  aufgrund derer die Atmung wieder einsetzt. Meist erinnert sich der Patient nicht an diese Reaktion. Die physiologische Struktur des Schlafs wird zerstört und die Erholungsfunktion behindert. Langfristig entwickelt sich bei einer obstruktiven Schlafapnoe ein Bluthochdruck mit all seinen Folgen, z. B. ein erhöhtes Schlaganfallrisiko. Beim Zusammenfallen der oberen Atemwege entstehen Schnarchgeräusche, sodass Betroffene meist starke Schnarcher sind.

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Es gilt: Schnarchen allein und auch gelegentliche, kurze Atmungsaussetzer sind nicht bedenklich. Wenn zusätzlich zu den Aussetzern eine starke Tagesmüdigkeit und Unkonzentriertheit auftritt, besteht der dringende Verdacht auf OSA und Rücksprache mit dem Arzt ist notwendig.

Die Wahrscheinlichkeit eine obstruktive Schlafapnoe zu entwickeln, liegt für Querschnittgelähmte – abhängig von der Lähmungshöhe – zwischen 35 und 60%. Tetraplegiker in der Akutphase sind mit einer Wahrscheinlichkeit von 80% am häufigsten betroffen (Fogelberg/Burns, 2015).

Gründe für das Entstehen von Schlafapnoe bei Querschnittlähmung

Das Entstehen von Schlafapnoen bei Menschen mit Querschnittlähmung kann von folgenden Aspekten (oder einer Kombination daraus) bedingt sein:

  • Ein Faktor, der eine große Rolle beim Problem OSA spielt, ist Übergewicht, zu dem es bei Querschnittlähmung ja vermehrt kommen kann, obwohl es auch viele normalgewichtige Querschnittgelähmte gibt, die von Schlafapnoe betroffen sind.
  • Je nach Läsionshöhe ist die Atmung bei Querschnittgelähmten direkt betroffen. Eine geschwächte Atemmuskulatur und/oder veränderte Atemtechniken können die Schlafapnoe auslösen (siehe: Atemproblemtik).
  • Es gibt Medikamente, die einerseits die Atemfunktion beeinflussen und andererseits bei Querschnittlähmung eingenommen werden. Baclofen, z. B., trägt zur übermäßigen Entspannung der Atemwegsmuskulatur bei (Fogelberg/Burns, 2015).
  • Schlafposition: Aufgrund der Bewegungseinschränkung schlafen viele Querschnittgelähmte überwiegend auf dem Rücken, was Schlafapnoen begünstigt.

Einen weiteren Einfluss auf die Häufigkeit von Schlafapnoe bei Querschnittlähmung könnte der Umstand sein, dass Schlafapnoe häufiger bei Männern als bei Frauen auftritt und dass mehr Männer querschnittgelähmt sind als Frauen.

Symptome und Folgen einer Schlafapnoe

Die möglichen Symptome und Folgen einer Schlafapnoe sollten nicht auf die leichte Schulter genommen werden, da sie, je nach Ausprägung, eine erhebliche Einschränkung der Lebensqualität bedeuten können. Generell kann es neben und/oder aufgrund der oben beschriebenen Schlafstörungen u. a. zu folgenden Auswirkungen kommen:

  • Tagesmüdigkeit
  • Nachlassen der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit
  • Kopfschmerzen beim Erwachen
  • Schwindel, vor allem nach dem Aufstehen
  • Mundtrockenheit beim Erwachen
  • Nachtschweiß
  • Depressive Verstimmungen
  • Sekundenschlafattacken / imperativer Schlafdrang, teils ohne Warnsignale
  • Erhöhte Unfallgefahr
  • Gestörte Konzentrationsstörungen bis hin zu Gedächtnisstörungen
  • Erhöhte Sterblichkeit
  • Herz-Kreislauferkrankungen, z. B.
    • Bluthochdruck
    • Rechtsherzinsuffizienz
    • Herzrhythmusstörungen
    • Herzinfarkte
    • Schlaganfälle

Während die oben genannten Folgen bei jedem Patienten mit Schlafapnoe auftreten können, gibt es weitere, die speziell auf Querschnittgelähmte zutreffen können:

  • Langfristig erhöhte Sterblichkeit
  • Verschlechterte Rehabilitation in der Akutphase
    • Verlangsamter Lernvorgang und verringertes Vermögen aktiv an den Therapieprogrammen teilzunehmen aufgrund der Tagesmüdigkeit und Konzentrationsschwäche. Dies kann zu einer verringerten Selbständigkeit und Mobilität im Alltag führen.
    • Verringerte Coping-Fähigkeit.
  • Verschlechterte Wundheilung bei und/oder Entstehung von Dekubitus
    • Während des Apnoe-gestörten Schlafs wird das Gewebe schlechter mit Sauerstoff versorgt.
    • Positionswechsel werden nicht konsequent durchgeführt, weil man zu erschöpft ist oder im Rollstuhl einschläft (Fogelberg/Burns, 2015).

Behandlung bei obstruktiver Schlafapnoe

Nachdem mit entsprechender Diagnostik festgestellt wurde, dass eine Schlafapnoe vorliegt, kann eine entsprechende Behandlung vorgenommen werden. Atemtherapeut Sören Tiedemann sagt: „Zwar verfügen die meisten Kliniken nicht über ein komplettes Schlaflabor, haben aber die Möglichkeit zum ‚abgespeckten‘ Apnoescreening. Dies macht insofern Sinn, da Schlaflabore mit der speziellen Situation von Querschnittgelähmten meist keine Erfahrung haben.“

OSA-Betroffene werden meist mit einer Überdruckbeatmung behandelt. Diese sorgt dafür, dass die oberen Atemwege stabil bleiben und verhindert so die nächtlichen Atemstillstände. Bild 130299731 Copyright Brian-Chase, 2013 Mit Genehmigung von Shutterstock.com

Über eine Maske auf Mund und/oder Nase wird Raumluft mit einem leichten Überdruck zugeführt, gegen den angeatmet werden muss. Dadurch können die oberen Atemwege offen gehalten werden, denn der Überdruck verleiht ihnen von innen Festigkeit. In Folge ist die Atmung nicht mehr beeinträchtigt und die Atemstillstände verschwinden. Die Atemmaske muss jedoch während der ganzen Nacht getragen werden, was von vielen Menschen als störend und belastend empfunden wird.

  • BiPAP-Therapie

Bei der BiPAP Beatmung generiert das Beatmungsgerät abwechselnd einen hohen Druck zum Einatmen und einen niedrigeren Druck zum Ausatmen. Diese Therapieform kann bei Betroffenen angewendet werden, die mit der Überdruckbeatmung (CPAP) nicht zurechtkommen.

 

Wenn die Beatmungsformen sich als ungeeignet erweisen, können mechanische Hilfsmittel verwendet werden.

  • Unterkieferprotrusionsschiene

Bei leichter bis mittelgradiger obstruktiver Schlafapnoe kann eine Unterkieferprotrusionsschiene zum Einsatz kommen. Durch das Tragen dieser individuell angepassten Schienen wird die Einengung des Rachenraums verringert, die Atemwege werden im Schlaf mechanisch offen gehalten und der Atemwegswiderstand nimmt ab.

  • Nasopharyngealer Stent

Mit der Verwendung eines nasopharyngealen Stents wird verhindert, dass während des Einatmens das Weichgewebe der erschlafften Rachenmuskulatur insbesondere im Bereich des Gaumensegels angesaugt wird. Ein Atemwegsverschluss wird so vermieden. Der Stent wird vor dem Schlafen vom Patienten selbst eingesetzt und morgens wieder aus der Nase gezogen und gereinigt. Zusätzlich zur einfachen Anwendung ist die Unabhängigkeit von Pumpen, Masken und Strom vorteilhaft.

Wie der Stent funktioniert zeigt folgendes Video (in englischer Sprache):


Falls diese konservativen Verfahren vom Betroffenen nicht vertragen werden, können als letztes Mittel der Wahl auch operative Methoden zum Einsatz kommen. Hierbei werden

  • Durch das Vorverlagern des Ober- und Unterkiefers die oberen Atemwege dauerhaft erweitert oder
  • Durch das Einsetzen eines Stimulators am Nervus hypoglossus der Tonus der Zungenmuskulatur gesteigert.

Von alternativen Methoden wie „Anti-Schnarch-Masken“, Nasenklammern, elektrische Warngeräte, Meditationskurse, Magnetfeldmatten, ätherische Öle usw. ist generell abzuraten, da sie keine nachgewiesene Wirksamkeit haben und in manchen Fällen den Nachtschlaf zusätzlich stören.

Flugreisen mit CPAP-Gerät

Betroffene, die sich für die CPAP-Therapie entscheiden, müssen damit rechnen, dass sie ihr Leben lang auf die CPAP-Maske angewiesen sein werden und dass sie sie jede Nacht werden tragen müssen. Auch im Urlaub. Bei der Mitnahme in Flugzeugen gilt folgendes zu beachten:

  • Die Mitnahme des CPAP-Gerätes muss vor Reiseantritt bei der Fluggesellschaft angemeldet werden.
    • Der Fluggast muss ein entsprechendes Formular mit Angaben zum Gerät ausfüllen; ein Bestätigungsschreiben wird ihm per Post oder E-Mail zugestellt werden. Bestätigungsschreiben und das Gerät selbst werden beim Check-in nochmals auf die Einhaltung der Bestimmungen überprüft.
  • Wenn das CPAP-Gerät die für das Handgepäck zulässigen Maße nicht überschreitet, kann es meist kostenfrei als Sondergepäck zusätzlich zum eigentlichen Handgepäck mitgenommen werden.
    • Benutzt werden, darf das CPAP-Gerät während des Fluges nicht.
  • Wenn das CPAP-Gerät die für das Handgepäck zulässigen Maße überschreitet, muss es angemessen verpackt und am Check-In Schalter aufgegeben werden.
    • In diesem Fall ist es möglich, dass Zusatzkosten für den Transport anfallen.

Die Voraussetzungen und Regulationen der einzelnen Fluggesellschaften können voneinander abweichen und sich im Laufe der Zeit auch ändern. Daher muss vor jeder Reise neu geklärt werden, welche Voraussetzungen für die Mitnahme medizinischer Hilfsmittel als Gepäck oder Handgepäck gelten. Wenn möglich, mit ausreichender Vorlaufzeit. Siehe auch: Flugreiseplanung für Rollstuhlfahrer.

 

Für weitere Informationen zum Thema Schlaf und Querschnittlähmung siehe: Schlafstörungen bei Querschnittlähmung

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