Verbesserung der Handfunktion durch Nervenneuverknüpfungen

Ein Verfahren der Neurochirurgie soll durch das Verbinden von Nerven von oberhalb und unterhalb der Läsion u. a. die Greiffunktion von Zeigefinger und Daumen bei Tetraplegikern wiederherstellen. Doch die Methode ist umstritten.

Dr. Ida Fox and Michael Bavlsik

Dr. Ida Fox und Patient Michael Bavlsik

Eine Studie an der Washington University in St. Louis, USA, untersuchte den Einfluss von Nervenneuverbindungen an neun querschnittgelähmten Teilnehmern mit Läsionshöhen von C6 und C7. Menschen mit Verletzungen über diesem Niveau kommen für die Methode, laut Verantwortlichen, nicht in Frage, da funktionierende Nerven in Arm- oder Schultermuskulatur gegeben sein müssen.

Der Eingriff besteht aus einem Umleiten von peripheren Nerven im Arm-/Handbereich, indem man sie mit gesunden Nerven oberhalb der Läsionshöhe verbindet. Diese Neuverbindungen können dafür sorgen, dass Gehirn und Arm bzw. Hand wieder miteinander kommunizieren können – eine Funktion, die durch Rückenmarksverletzungen außer Kraft gesetzt wird.

Verbesserte Hand- und Armfunktion

“Physisch betrachtet sorgen die neuverbundenen Nerven für eher kleine und schrittweise eintretende Verbesserungen der Hand- und Armfunktion. So klein die Veränderungen zunächst auch sein mögen, so können sie doch einen riesigen Unterschied für den Alltag des Patienten bedeuten“, sagt Studienleiterin Ida Fox in einer Pressemitteilung der Washington University. “Einer meiner Patienten sagte mir, dass er eine Nudel von seinem Brustkorb nehmen konnte, als er sie beim Essen hatte fallen lassen. Vor dem Eingriff hatte er seine Finger gar nicht bewegen können. Es bedeutete ihm viel, sich selbst auf diese Weise helfen zu können.”

Methode seit fünf Jahren im Test

Bereits vor über 25 Jahren wurde diese Form der Neuverbindung von Nerven entwickelt. Ursprünglich war das Verfahren für Patienten gedacht, die aufgrund verletzter peripherer Nerven einen Arm oder ein Bein nicht mehr hatten bewegen können.

Doch seit 2010 wird die Methode auch bei Tetraplegikern eingesetzt. Die vierstündige Operation kann durchgeführt werden, selbst wenn die Rückenmarksverletzung schon mehrere Jahre zurückliegt. Sobald diese Nervenneuverbindungen hergestellt sind, beginnt für den Patienten eine ausgedehnte Phase der Rehabilitation, in der das Gehirn darauf trainiert wird, die neuen Signale zu erkennen und umzusetzen. Diese Phase, in der Bewegungen neu erlernt werden, kann zwischen sechs und acht Monate dauern.

“Die Verbesserungen, die der Eingriff ermöglicht, treten nicht sofort ein”, geben die Verantwortlichen zu bedenken. “Aber wenn sie erst einmal aufgetreten sind, können sie den Alltag von Querschnittgelähmten erheblich erleichtern und zu einer verbesserten Lebensqualität beitragen.”

Die Studie wurde im Oktober 2015 im Wissenschaftsmagazin American Society of Plastic Surgeons’ Journal veröffentlicht.

Weitere Informationen

Während die Methode von Verantwortlichen der Washington University als Erfolg betrachtet wird und weitere Eingriffe geplant sind, betrachten europäische Neurochirurgen das Vorgehen kritisch, da ihre Ergebnisse nicht mit denen anderer Methoden vergleichbar sind. Weitere Informationen liegen im Oktober 2019 nicht vor.

 

Für therapeutische und operative Verfahren, die in Deutschland, Österreich und der Schweiz  Anwendung finden, siehe: Ausbildung einer Funktionshand und Handfunktion: Operative Methoden.

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