Sitzkissen für Rollstühle

Zu der Eingabe „Rollstuhlkissen“ spuckt Google derzeit ungefähr 84.000 Ergebnisse aus. – Kein Wunder, denn das Sitzkissen gehört zum wichtigsten Equipment für den Rollstuhl und sorgt nicht nur für bequemes Sitzen, sondern kann in entsprechender Ausführung auch einem Dekubitus vorbeugen.

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Ein wenig futuristisch sieht es aus, das Luftkammer Rollstuhlkissen mit 24 unterschiedlich großen, schwarzen Waben. Vom „Air-Zweikammersystem“ ist die Rede und von einem Preis, von dem sich locker auch ein Kurztrip nach Mallorca finanzieren ließe. Trotzdem würden viele Rollstuhlfahrer dem Kissen wohl den Vorzug geben. Denn Anti-Dekubitus-Kissen wie dieses sind unschlagbar darin, Druckgeschwüre zu vermeiden, die Betroffene ansonsten schnell für mehrere Wochen außer Gefecht setzen könnten.

Im Prinzip kommt jeder Rollstuhl mit einem Sitzkissen bei seinem neuen Besitzer an. Ein Kissen, das zur Grundausstattung gehört und nicht extra verordnet wurde, besteht allerdings meist aus Schaumstoff in mittlerer Festigkeit, ist 3-5 cm hoch, quadratisch und in der Regel nicht ausreichend für Menschen, die tagsüber die meiste Zeit im Rollstuhl sitzen. Ein einfaches Sitzkissen bietet kaum Sitzstabilität und wenig Druckverteilung; außerdem bleibt bei einer an den Rücken angepassten, leicht gewölbten Rückenlehne eine Lücke zwischen Kissenkante und Lehne (Bröxkes/Herzog, 2004).

Ziele der Versorgung

Ziele der optimalen Versorgung mit einem Sitzkissen können beispielsweise die Mobilität, der selbstständige Transfer, eine erhöhte Sitztoleranz (also die Option, länger sitzend unterwegs zu sein, ohne dass die Haut Schaden nimmt) und/oder die Verbesserung der Sitzposition sein. Letztlich geht es auch hierbei um Unabhängigkeit und vermehrte Teilhabechancen.

Welche Art von Sitzkissen für einen Rollstuhlnutzer am besten geeignet ist, hängt u. a. davon ab, ob er vor allem Unterstützung beim Einnehmen und Halten einer Sitzposition braucht oder ob es mehr darum geht, Druckgeschwüre zu vermeiden. Durch die Vergrößerung der Auflagefläche bei speziellen Anti-Dekubitus-Sitzkissen wird der Druck auf eine größere Fläche verteilt, und es kommt zu einer partiellen Reduzierung des Druckes. Die Durchblutung wird verbessert und das Entstehungsrisiko für Dekubitus vermindert. Die Strukturierung der Sitzfläche kann eine Verbesserung des Mikroklimas und eine Reduzierung von Scherkräften bewirken.

Anatomisch geformte Sitzkissen

Dem Körper angepasste Sitzkissen werden häufig individuell angefertigt. Sie kommen dann zum Einsatz, wenn eine Person Unterstützung beim aufrechten Sitzen braucht und das Kissen beispielsweise helfen soll, nicht nach vorn zu rutschen. Es besteht aus einem harten Schaumstoff, der mit einem atmungsaktiven Polster überzogen ist. Bei der Herstellung wird darauf geachtet, dass das Kissen im Rücken direkt an die Lehne anschließt. Für das Gesäß sind zwei individuelle Mulden vorhanden, in die die beiden Sitzbeinhöcker gebettet sind. Dadurch findet eine gute Druckverteilung statt, die dem Becken dennoch genügend Stabilität verleiht, um das aufrechte Sitzen zu fördern. Durch die spezielle Fertigung kann mithilfe des Kissens z. B. ein Beckenschiefstand kompensiert werden. Auf die Führung der Beine wirkt der Schliff ebenfalls positiv ein (Bröxkes/Herzog, 2004).

Sitzkissen, die sich der Anatomie anpassen

Im Gegensatz zu anatomisch geformten, festen Sitzkissen, sind an die Anatomie anformende Kissen so beschaffen, dass sie sich bei jedem Gebrauch flexibel an den Nutzer anpassen. Sie geben weniger Sitzstabilität, lassen aber mehr Sitzpositionen zu. In der Regel gehören ein Kissenüberzug und manchmal auch eine Luftpumpe sowie ein Repair-Kit zum Lieferumfang. Einige von anformende Sitzkissen sind in ihrer Beschaffenheit leicht an der menschlichen Anatomie orientiert:

  • Gelkissen
    Ein Gelkissen liegt je nach Dicke schwer in der Hand und wird z. B. beim Verladen ins Auto mehr Mühe machen als ein leichteres mit Luft gefülltes Kissen. Es sorgt aber für eine ausgeglichene Druckverteilung und passt sich bei jeder Positionsveränderung stets der Körperform an.
Systam_P311CD_ DUOGEL®

Das P311CD / DUOGEL®-Kissen von Syst`am ist nur 2,5 cm dünn und kann je nach Bedarf auf einem vorhandenen Sitzkissen aufliegen (UVP 177,30 Euro).

 

  • Gitter-Strukturkissen
    Gitter-Strukturkissen dienen der Dekubitusprophylaxe wirken ebenfalls nach dem Prinzip der Vergrößerung der Auflagefläche, bewirken aber auch eine Scherkraftminderung bei einer guten Sitzstabilisierung. Sie bestehen aus einem perforierten Wabenkörper aus Kunststofffolien. Durch die Verwendung unterschiedlicher Folien können harte und weiche Schichten / Bereiche gebildet werden, auch anatomische Formgebung ist möglich. Die Waben sind luftdurchlässig und garantieren eine gute Luftzirkulation. Die Kissen sind in der Regel sehr leicht.

 

  • Luftkammerkissen
    Sie bieten weniger Halt als anformende Kissen, wie z. B. Gelkissen, sind dafür aber bei extrem hoher Dekubitusgefahr geeignet. Experten raten dazu, sie auch nur dann zu benutzen, den der Wechsel zu einer anderen Art von Kissen sei nach einer gewissen Gewöhnung der Haut schwierig (Bröxkes/Herzog, 2004). Luftkammerkissen können auch mit mehreren Ventilen ausgestattet sein, um eine Korrektur der Haltung zu ermöglichen.

 

  • Modulkissen
    Modulkissen bieten eine Kombination aus verschiedenen Füllungen: Schaumstoff, Gel, Luft können so abgestimmt auf den Bedarf eingesetzt werden. Einige von ihnen können bei veränderten Körpersituationen, wie z. B. einer Druckstelle, druckentlastend angepasst werden. Hersteller bieten als Zubehör mit Gel gefüllte Spritzen zum Nachfüllen an.
Systam_P341C_DUOFORM®

P341C / DUOFORM® Das P341C_DUOFORM® Kissen besteht aus zwei Gelen und anatomisch spritzgeformtem Kaltschaumstoff (Syst`am, UVP 285,60 Euro). Im Bild ist der dazugehörige Bezug grafisch angedeutet.

 

  • Relaxschaumkissen
    Der „Relaxschaum“ ist im Gegensatz zu hartem Schaumstoff formbar und passt sich Positionsveränderungen an. Dabei ist er leichter als ein Gelkissen.
Systam_P361CA_VISCOFLEX®+

Das Kissen P361CA / VISCOFLEX®+ aus Schaumstoff besitzt ein „Formgedächtnis“ und einen anatomischen Kern (Syst`am; UVP 199,92 Euro).

 

  • Wabenkissen
    Sie bestehen aus einzelnen Waben, die für eine bessere Durchlüftung beim Sitzen sorgen. Auch Modulkissen oder Gelkissen können in Waben unterteilt sein. Ein mit Luft gefülltes Wabenkissen eignet sich bei geringem Dekubitusrisiko. Es kann durch unterschiedlich große Waben anatomische Formen andeuten.
Systam_P301C & P302C_POLYAIR®

Das 2-Kammer-System des P301C & P302C_POLYAIR® von Syst´am soll für eine gute Druckverteilung und mehr Sitzstabilität sorgen (UVP 479,00 Euro). Im Bild ist der inbegriffene Bezug grafisch angedeutet worden.

 

Indikationen

Hilfsmittel gegen Dekubitus können zum Einsatz kommen, wenn durch Krankheit oder Behinderung ein dauerndes Liegen bzw. Sitzen erforderlich ist und zugleich ein erhöhtes Dekubitusrisiko vorliegt, beispielsweise durch eine Lähmung und Einschränkung der sensitiven Wahrnehmung. Ist ein Dekubitus durch langes Sitzen erst mal vorhanden, hilft allerdings auch das beste Kissen nicht beim Heilungsprozess. Hier gilt absolute Druckentlastung, also: überhaupt nicht Sitzen.

Das Dekubitusrisiko erhöht sich zusätzlich z. B. durch

  • Inkontinenz
  • bereits bestehende Hautdefekte durch z. B. Ekzeme, Allergien, abgeheilte Dekubita
  • einen schlechten Allgemeinzustand
  • Spastik
  • eingeschränktes Gleichgewicht
  • asymmetrische Sitzposition

Das Risiko einen Dekubitus zu bekommen ist individuell abzuschätzen. Um ein bestehendes Dekubitusrisiko adäquat ermitteln zu können, empfiehlt der Bundesverband Medizintechnologie (BV Med), die einzelnen relevanten Faktoren und das Gesamtrisiko mittels standardisierter Risikoskalen (z. B. Anhand der Braden-Skala) zu ermitteln. In dem Versorgungsleitfaden zur „Auswahl von Hilfsmitteln gegen Dekubitus“ gehen die Autoren speziell auf die Erhebung bei der Frage nach dem geeigneten Sitzkissen ein und legen die Kriterien der Braden-Skala zugrunde:

  • Sensorisches Wahrnehmungsvermögen: die Fähigkeit, lagebedingte und künstliche Reize, z. B. Druck, wahrzunehmen und adäquat zu reagieren
  • Feuchtigkeit: bei Inkontinenz
  • Aktivität: Geh-, Steh- und Sitzfähigkeit
  • Mobilität: Fähigkeit zum Positionswechsel
  • Ernährung: Ernährungsverhalten
  • Reibungs- und Scherkräfte: Scheuert die Haut während der Bewegung/des Transfers?

Der Leitfaden soll Pflegekräfte, Ärzte, Leistungserbringer und andere Beteiligte mithilfe eines Erhebungsbogens bei der Feststellung des Dekubitusrisikos objektivierbar unterstützen. Die Ergebnisse nach der Braden-Skala können darin vermerkt und um weitere Risikofaktoren ergänzt werden. Neben der körperlichen Verfassung werden zudem folgende Angaben gemacht:

  • Beschreibung des Rollstuhls, für den das Kissen gedacht ist
  • ggf. Probleme bei einer vorhergehenden Versorgung
  • Präferenzen des Antragstellers

GKV-Hilfsmittelverzeichnis

Das Hilfsmittelverzeichnis des Spitzenverband Bund der Gesetzlichen Krankenkassen gliedert die verschiedenen Arten von Sitzkissen in folgende Gruppen:

Hilfsmittel gegen Dekubitus (Produktgruppe 11)
> Anwendungsort: Gesäß
> Untergruppe:

  • Sitzhilfen aus Weichlagerungsmaterialien (z. B. Weichpolsterkissen, Schaumkissen)
  • Gelgefüllte Sitzhilfen (z. B. kombinierte Gel- und Schaumkissen)
  • Luftgefüllte Sitzkissen (z. B. Einkammer-/Mehrkammerkissen)
  • Sonstige Sitzkissen (z. B. Gitterstrukturkissen)

Die im Hilfsmittelverzeichnis aufgeführte Indikation orientiert sich an den Angaben des BV Med-Versorgungsleitfadens und Herstellerangaben.

Das Sitzkissen im Alltag

Nach einer bedarfsorientierten Auswahl des Sitzkissens gehört ein vorausschauender Umgang mit regelmäßigen Kontrollen zum Gebrauch im Alltag.

Vor dem Transfer in den Rollstuhl sollte stets sichergestellt sein, dass das Kissen richtig liegt und sich keine Gegenstände darunter, im Kissenbezug oder an den Seitenrädern verstecken. Auch die eigenen Hosentaschen können zum Risiko werden, daher sollten ggf. vorhandene Gesäßtaschen leer bleiben. Hosen für Rollstuhlfahrer sind in der Regel so konzipiert, dass sie ohnehin auf Gesäßtaschen verzichten (siehe auch: Mehr als praktisch: Kleidung für Rollstuhlfahrer).

Für die optimale Sitzposition im Rolli ist nicht das Sitzkissen allein verantwortlich. Daher gilt es auch Armstützen, Rückenwinkel und Fußrasten zu prüfen.

Durch Abtasten kann das Sitzkissen selbst einem kurzen Check unterzogen werden:

  • Luft-, Gel- und sonstige Füllung
  • Zustand
  • Feuchtigkeit
    (de Roche, 2012)

 

Siehe auch: Dekubitus: Lagerung und Lagerungshilfsmittel

 

Fragen & Kommentare

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  1. Gerlinde Schneider 22.10.2018, 15:53 Uhr

    Vielen Dank für den interessanten Artikel. Ich selber nutze ein Gelkissen, denke aber ein Relaxschaumkissen könnte eine gute, weil leichtere Alternative sein. Werde es wohl mal ausprobieren.