Schlafstörungen bei Querschnittlähmung

Ausreichend Schlaf stellt einen wichtigen Faktor für den Erhalt von Wohlbefinden und Gesundheit dar. Bei Querschnittlähmung sind Schlafstörungen allerdings eine häufige Begleiterscheinung. Mit unschönen Konsequenzen.

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Der Schlaf stellt für Körper und Geist eine unverzichtbare Phase der Erholung und Regeneration dar. Physische Leistung wird kaum gefordert, in Träumen werden die Geschehnisse des Tages verarbeitet. Bei den meisten Menschen steuert eine innere Uhr, wann man müde wird und schlafen möchte. Schlafentzug kann nur bedingt kompensiert werden. Während man eine Nacht gänzlich ohne Schlaf noch ganz gut wegsteckt, weil der Stimmungsaufheller Dopamin ausgeschüttet wird, wird es nach zwei Nächten schon kritisch: Gedächtnis- und Aufmerksamkeitsvermögen lassen nach. Nach drei schlaflosen Nächten kommt es zu Ausfällen der Motorik und schließlich zu Halluzinationen, Apathie und Psychosen.

Schlechter Schlaf und seine Folgen

Auch wenn Schlafmangel im Vergleich zum Schlafentzug noch relativ harmlos daherkommt, so sollte man seine Folgen dennoch nicht auf die leichte Schulter nehmen. Langfristig kann es zu folgenden kognitiven und gesundheitlichen Problemen kommen:

  • Beeinträchtigtes Urteilsvermögen
  • Erhöhte Reizbarkeit
  • Erhöhte Unfallgefahr
  • Gedächtnisprobleme
  • Reduzierte Aufmerksamkeit
  • Erhöhtes Diabetesrisiko
  • Erhöhtes Risiko Depressionen zu entwickeln
  • Herz-Kreislaufstörungen
  • Störung der Immunabwehr (siehe: Das Immunsystem) und Beeinträchtigung des endokrinen Systems
  • Übergewicht
    Schlafmangel kann zu Stoffwechselveränderungen führen, die eine Gewichtszunahme begünstigen.
  • Verringerte Schmerztoleranzgrenze
    Schmerz und Schlaflosigkeit können sich gegenseitig bedingen. Akute Schmerzen hindern am Einschlafen und Durchschlafen. Schlafmangel andererseits kann dazu beitragen, dass Schmerz intensiver und als belastender empfunden wird. Dies kann zu einem schwer zu überwindenden Teufelskreis führen (Fogelberg/Burns, 22015).

Wie beeinträchtigt eine Querschnittlähmung den Schlaf?

Es gibt verschiedene Faktoren, die sich bei einer Querschnittlähmung negativ auf Schlaf und Schlafverhalten auswirken können.

  • Autonome Dysreflexie
    Es ist möglich, dass Querschnittgelähmte mit einer Lähmungshöhe von oberhalb Th 6/7 von Autonomer Dysreflexie betroffen sind und von dieser auch vom Schlaf abgehalten werden. Ausgelöst wird die Autonome Dysreflexie von Reizen unterhalb der Läsionshöhe. Während des Schlafs ist dies meist eine volle Blase (siehe: Was geschieht bei einer Autonomen Dysreflexie?). Normalerweise sorgt das antidiuretische Hormon (ADH) dafür, dass nachts die Harnproduktion reduziert wird. Bei Querschnittgelähmten ist es jedoch häufig so, dass die ADH-Konzentration nachts nicht ansteigt und die Harnproduktion daher so stark ist wie tagsüber (Fogelberg/Burns, 2015). Die Blase füllt sich und die Symptome der Autonomen Dysreflexie wecken den Betroffenen auf.
  • Dekubitus: Behandlung und Prophylaxe
    Die nächtliche Wechsellagerung zur Druckentlastung, die bei stark gefährdeten Personen alle ein bis zwei Stunden, bei weniger stark gefährdeten alle zwei bis vier Stunden stattfinden sollte (Zäch/Koch, 2006), kann eine erhebliche Störung der Nachtruhe darstellen (siehe: Prävention von Druckstellen (Dekubitus).
  • Fehlendes Melatonin
    Das Hormon Melatonin, das den Wach-Schlaf-Rhythmus reguliert, ist bei Querschnittgelähmten häufig reduziert. Einschlafen und Durchschlafen wird erschwert (Fogelberg/Burns, 2015).
  • Temperaturdysregulation
    Die Temperaturregulationssysteme des Körpers sind bei Querschnittgelähmten meist beeinträchtigt. Dies kann dazu führen, dass die Kälte als so unangenehm empfunden wird, dass sie den Betroffenen am Einschlafen hindert, andererseits ist die interne Temperaturregulation auch an der Steuerung der inneren Uhr beteiligt und eine Störung kann dazu beitragen, dass die Schläfrigkeit, die einen normalerweise in den Schlaf finden lässt, ausbleibt.
  • Veränderter Aktivitätsumfang
    Ein verringertes Maß an körperlicher Aktivität kann dazu beitragen, dass man am Ende des Tage weniger müde ist.

Zusätzlich gibt es eine Reihe von Medikamenten, die stimulierende, schlafhemmende Nebenwirkung haben, u. a. Psychopharmaka.

Schlafhygiene

Unter dem Stichwort Schlafhygiene, d. h. alle Maßnahmen und Verhaltensweisen, die einen guten und erholsamen Schlaf fördern, hat u. a. die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) einige allgemeingültige Richtlinien herausgegeben, die bei Schlafstörungen beachtet werden sollten:

  • Rhythmen und Rituale

Es kann hilfreich sein stets zur selben Zeit ins Bett zu gehen und aufzustehen. Auch am Wochenende sollte dieser Rhythmus mit Abweichungen von höchstens 30 Minuten beibehalten werden.

Rituale, die das Zubettgehen begleiten und stets nach demselben Muster ablaufen, können helfen die Psyche zu beruhigen und dem Körper zu vermitteln, dass nun die Zeit für Ruhe und Schlaf gekommen ist.

  • Schlafmittel

Generell rät die DGSM von der Verwendung von Schlafmitteln ab. Wenn man sich für die Verwendung von Schlafmitteln entscheidet, sollten sie nicht länger als vier Wochen eingenommen werden.

Damit, welche rezeptfreien und rezeptpflichtigen Schlafmittel empfehlenswert sind und welche nicht, hat sich Stiftung Warentest beschäftigt: Stiftung Warentest testet Schlafmittel

  • Schlafplatz

Der Schlafplatz sollte dunkel, ruhig und sein Umfeld möglichst frei von Elektrogeräten sein. Wenn dies nicht umsetzbar ist, können Schlafmasken und/oder Ohrstöpsel bzw. geräuschunterdrückende Ohrenschützer helfen. Außerdem gilt:

    • Im Bett nichts anderes tun als schlafen.

Wer im Bett liest, fernsieht, telefoniert, im Internet surft oder isst, schickt sich selbst die unterbewusste Botschaft, dass dies ein Ort für Aktivität sei. Dieses „Wissen“ kann verhindern, dass man zur Ruhe kommt und in den Schlaf findet.

    • Im Bett nichts anderes tun als schlafen, außer der einen Sache…

Sexuelle Aktivität kann die Chancen auf einen ruhigen, störungsfreien Schlaf steigern. Bei Männern sorgt sie für die Ausschüttung des Hormons Prolaktin, das während des Schlafes vermehrt im Körper vorkommt. Beide Geschlechter profitieren von der Ausschüttung des sog. Kuschelhormons Oxytocin, das entspannt und leichter in den Schlaf finden lässt.

  • Siesta

Ein Mittagsschläfchen, vor 15:00 Uhr, kann den Schlafverlust während der Nachtruhe ausgleichen. Allerdings sollte man darauf achten, dass die Siesta nicht länger als 30 Minuten dauert, da man andernfalls Gefahr läuft, abends nicht müde zu sein (siehe: Siesta – Wozu der Mittagsschlaf gut sein kann).

  • Stimulantien

Wer unter Einschlaf- und Durchschlafproblemen leidet, sollte seinen Konsum an Koffein und Teein vor allem in den Nachmittagsstunden einschränken.

Der Alkoholkonsum sollte aufgrund seiner stimulierenden Wirkung eingestellt oder wenigsten stark reduziert werden.

Auf Nikotinkonsum kurz vor dem Schlafengehen sollte verzichtet werden.

Eine anregende Wirkung kann auch körperliche Anstrengung nach 20:00 Uhr haben. Sport sollte daher grundsätzlich tagsüber und nicht zu spät am Nachmittag betrieben werden.

  • Stress meiden oder bewältigen

Wenn Stress der Grund für die Schlafprobleme ist, sollte man ihn meiden. Dies ist natürlich einfacher gesagt als getan. Ein sinnvollerer Hinweis ist es, individuelle Möglichkeiten zu suchen Stress zu bewältigen. Siehe hierzu Entspannungsmethoden und Stressbewältigung – Wie kann ich Stress entgegenwirken?

  • Wenn man während der Nacht aufwacht

Wenn man nachts aufwacht, sollte man sich keinem hellen Licht aussetzen und es vermeiden auf die Uhr zu starren. Dies würde u. U. nur eine Stressreaktion auslösen, die das Wiedereinschlafen erschwert.

  • Wenn man morgens aufwacht

Wenn es Zeit zum Aufstehen ist, sollte man sich möglichst bald und möglichst lange (mind. 30 Minuten) einer hellen, natürlichen Lichtquelle aussetzen, um die Serotoninproduktion anzukurbeln.

Worauf Querschnittgelähmte mit Schlafproblemen zusätzlich achten sollten:

Die Aspekte, die speziell bei Querschnittlähmung Schlafprobleme (siehe: Schlafapnoe bei Querschnittlähmung) verursachen können, sollten falls möglich gezielt angegangen werden.

  • Die Melatoninproduktion kann u. U. angeregt werden (siehe: Alternative Methoden für einen besseren Schlaf)
  • Schlafapnoe, Schmerz und Spastik können mit entsprechenden Therapien und/oder Medikamenten behandelt werden.
  • Das häufige, vermehrte Frieren aufgrund der Temperaturdysregulation kann mit verschiedenen Methoden beeinflusst werden (siehe: Heiße Tipps für kalte Tage). Idealweise sollte sich die Wärmequelle, die das Einschlafen ermöglicht, nach einer Weile entfernt werden, da sie andernfalls dazu führen könnte, dass der Betroffene aufwacht, weil es zu heiß ist. Heizdecken, die auf die Körpertemperatur reagieren und sich entsprechend selbst regulieren, könnten eine überlegenswerte Option sein. Allerdings ist dabei erhöhte Vorsicht geboten, da wie bei allen Heizelementen für Querschnittgelähmte Verbrennungsgefahr besteht (siehe: Die Haut bei Querschnittlähmung).
  • Verminderte körperliche Aktivität kann in vielen Fällen mit Rollstuhlsport wieder erhöht werden.

Weitere Informationen

Wie das Schlafvermögen beeinflusst werden kann, wird im Beitrag Alternative Methoden für einen besseren Schlaf separat dargestellt.

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