Der norwegische Gast – Ermittlerin im Rollstuhl

Die norwegische Kriminalautorin Anne Holt schickt in „Der norwegische Gast“ bereits zum achten Mal die Kommissarin Hanne Wilhelmsen an den Start. Diesmal ist die inzwischen querschnittgelähmte Hanne in einem verschneiten Hotel auf einem skandinavischen Gletscher eingesperrt. Und unter den ca. 200 Gästen befindet sich ein Mörder.

dernorwegischegast

Aus dem Inhalt

Die Ex-Kommissarin Hanne Wilhelmsen, die seit einer Schussverletzung vor fünf Jahren von der Hüfte ab querschnittgelähmt ist, sitzt nach einem Zugunglück in einem Hotel in den norwegischen Bergen fest. Keiner der über 200 Gäste, unter denen sich gerüchteweise ein Mitglied der königlichen Familie befindet, kann diese Unterkunft verlassen, denn es tobt der schlimmste Schneesturm seit Menschengedenken. Bereits in der ersten Nacht ihres Aufenthaltes wird eine Figur des öffentlichen Lebens, Fernsehprediger Cato, ermordet. Dass Hanne, die sich weigert ein Zimmer zu beziehen und im Rollstuhl (!) in der Lobby nächtigt, keinen Bock hat die Ermittlungen zu übernehmen, macht sie ziemlich deutlich.

Einerseits kann man ihr das nicht verübeln: Beim Entgleisen des Zuges hat sich ihr ein Skistock in den Oberschenkel gebohrt. Das spürt sie nicht (Querschnittlähmung sei Dank), aber der Blutverlust schwächt sie erheblich. Sie friert ständig (Temperaturdysregulation?) und eine dauerquasselnde Feministin geht ihr auf die Nerven. Andererseits möchte man Hanne gerne an den Schultern packen und ein bisschen Verstand in sie reinschütteln. Ein Mensch ist tot, ein Mörder läuft frei herum, und die einzige Person, die qualifiziert ist, ein eventuelles weiteres Unglück zu vermeiden, entzieht sich der Welt, weil sie ihre Beine nicht bewegen kann. (Möchte man zunächst meinen. Tatsächlich liegt Hannes abweisender Persönlichkeit ein ganz anderes Schicksal zugrunde.)

Nach dem zweiten Mord kommt Hanne endlich in die Pötte und lässt sich dazu herab zu ermitteln. Unterstützt wird sie dabei von der resoluten Hotelbesitzerin, einem Anwalt mit Erste-Hilfe-Erfahrung und dem kleinwüchsigen Allgemeinmediziner Magnus.

Sicherlich gibt es Krimis, deren Handlung sich weniger zäh abspielt. Die einzelnen Handlungsstränge sind teilweise etwas abstrus, werden am Ende aber sauber zusammengeführt. Was „Der norwegische Gast“ aber durchaus lesenswert macht, ist das Element des „Kammerspiels“. Eine Gruppe sehr unterschiedlicher Menschen befindet sich in einer extremen und letztendlich lebensbedrohlichen Situation. Wie wird der Einzelne reagieren? Wie weit ist die Zivilisation wirklich vom Chaos einer Jeder-ist-sich-selbst-der-Nächste-Welt entfernt? Wie viel (oder wie wenig) ist nötig, um das Schlechteste (oder das Beste) in uns allen ans Licht zu bringen? Für sich und ihre Romanfiguren beantwortet Holt diese Fragen. Ihre Sichtweise ist beängstigend. Und deshalb wahrscheinlich sehr, sehr realistisch.

Randgruppen-Bingo

Die Autorin gehört als bekennende Homosexuelle selbst zu einer Minderheit und man kann sich beim Lesen des Eindrucks nicht erwehren, dass sie, vielleicht aus diesem Grund, versucht jede Randgruppe unter der Sonne auf die Seiten ihres Romans zu zerren. Wir treffen:

  • Querschnittgelähmte
  • Lesben
  • Kleinwüchsige
  • Religiöse Fanatiker
  • Politische Fanatiker
  • Muslime
  • Ex-Kollegen
  • Kampfhundestreichler
  • Entlaufene Heimkinder
  • Mörder (ja, natürlich) und
  • Feministinnen

An dieser Stelle mag einem das geflügelte Wort „Es gibt solche und solche.“ in den Sinn kommen. Und man kann dem natürlich nur zustimmen. Aber müssen sie alle in diesem Hotel in Norwegen aufschlagen? Zusätzlich zu den deutschen biertrinkenden Touristen? Die einzige Minderheit, die man vermisst, sind die Veganer. Nicht mal Vegetarier gibt es. Aber die hätten aufgrund der eingeschränkten Verpflegungssituation in den norwegischen Bergen vielleicht für zu viel unnötigen Trubel oder sogar für einen weiteren Todesfall gesorgt.

Wo sollte man „Der norwegische Gast“ lesen?

Bei 30 Grad am Strand vielleicht eher nicht. Es ist schwierig mit vor Kälte schlotternden Ermittlern Mitgefühl zu haben und ihnen ihre heiße Suppe zu gönnen, die sie essen, statt Verbrecher zu jagen, wenn man selbst auf einem Liegestuhl liegt und Sangria schlürft.

Um sich in die verschneite Atmosphäre einzufühlen, sind eine Kreuzfahrt zu den nordischen Fjorden oder der Skiurlaub oder ganz einfach Weihnachten in Mitteleuropa, schon besser geeignet und machen „Der norwegische Gast“ zu einem perfekten Geschenk für Krimifans.

Das Buch

  • Der norwegische Gast
  • Von Anne Holt
  • Kriminalroman
  • Seiten: 320
  • ISBN 978-3492046930
  • Preis: ca. 10 Euro (Stand: Okt. 2015)

 

Wer bei seinen Krimis eine härtere Gangart bevorzugt, könnte sich vielleicht für die Lincoln-Rhyme-Reihe interessieren. Siehe: Lincoln Rhyme – Sherlock im E-Rolli.

Für weitere Rollstuhlkrimis siehe: Skurrile Mischung: Nonnen. Pornos. Rollstuhlfahrer und Ein Kommissar und sein fieser Gegenspieler im Rollstuhl.