Die Bücher der ziemlich besten Freunde

2012 bewegte der Kinofilm „Ziemlich Beste Freunde“ die Welt und machte die Geschichte der ungleichen Freunde Philippe und Driss jenseits von Frankreich bekannt. Nach diesem Erfolg traten auch die Bücher der beiden Protagonisten einen internationalen Siegeszug an.

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Ziemlich beste Freunde

Am Anfang stand die Biographie des querschnittgelähmten Philippe Pozzo di Borgo, der von Geburt an einen Platz in der Welt der Reichen, Schönen und Privilegierten hatte, und dessen Höhenflug ein jähes Ende fand, als er 1993 im Alter von 42 beim Gleitschirmfliegen abstürzte und sich die Halswirbelsäule brach.

  • Aus dem Inhalt

Drei Jahre nach dem Unfall, der Philippe Pozzo di Borgo zum vom Hals abwärts bewegungsunfähigen Tetraplegiker machte, stirbt seine Frau Beatrice an Krebs. Pozzo di Borgo fällt in eine tiefe Depression, aus der ihn erst die ungewöhnlichen Methoden des algerischstämmigen Abdel Sellou herausholen.

Wer, wie der Titel vermuten lässt, die niedergeschriebene Version des Films erwartet, wird enttäuscht werden. Pozzo di Borgo erzählt in nicht zusammenhängenden Rückblenden von seinem Leben vor dem Unfall, von seiner Jugend, davon, wie er mit dem silbernen Löffel im Mund aufwuchs, über die Liebe zu seiner Frau und über ihren schmerzhaften und letztendlich erfolglosen Kampf eigene Kinder bekommen zu können. Darüber, wie das Paar sich zur Adoption entschließt und schließlich Beatrices Krebserkrankung ausbricht, die nach Pozzo di Borgos Unfall und während der Krankenhausaufenthalte zunehmend kräftezehrend wird. Beatrice stirbt drei Jahre nach Pozzo di Borgos Unfall, und lässt den rund um die Uhr auf Hilfe angewiesenen Mann und die beiden Kinder zurück. Das Heer von Dienstboten, das sich die Familie leisten kann, macht die Situation nur in ihrer funktionellen Bewältigung besser. Emotional bleiben alle auf der Strecke.

Gebeutelt von seiner Trauer, der Bewegungsunfähigkeit und den neuropathischen Schmerzen vegetiert Pozzo di Borgo mehr als dass er lebt. Jetzt tritt Sellou auf den Plan. Der algerischstämmige Kleinkriminelle aus einem Pariser Vorort, findet – vermutlich weil und nicht obwohl er keinerlei Ausbildung in einem Pflegeberuf erfahren hat – neue, unorthodoxe Wege, um zu seinem Arbeitgeber durchzudringen und schafft es ihn aus seiner teils auf seiner Behinderung beruhenden, teils selbstauferlegten Abschottung zu holen und dazu zu bringen nach vorne zu schauen.

Der Erzählweise von „Ziemlich beste Freunde. Ein zweites Leben“ ist nicht immer leicht zu folgen und der Stil teilweise beklemmend. Da es das Buch zum Film, der ja nun mal eine Komödie ist, sein soll, werden nicht alle Leser begeistert sein. Womit die Biographie allerdings besticht, ist ihre schonungslose Ehrlichkeit. Pozzo di Borgos spricht über sich. Was der Leser liest, ist echt, aufrichtig, ein Blick in die Gedanken und die Seele eines Mannes, der sich entschieden hat andere teilhaben zu lassen. Wie ist es, wenn man aufwacht und feststellt, dass man Arme und Beine nicht bewegen kann? Wenn man seine Frau sterben sieht, ohne sie im Arm halten zu können? Wenn neuropathische Schmerzen den eigenen Körper in den eines Verurteilten auf dem elektrischen Stuhl verwandeln?

Sind die eigenen Gedanken – das was als einziges noch unberührbar für andere einem selbst gehört – stringent? Erscheinen sie handlich gebündelt und zu Ende gedacht im eigenen Kopf und lassen sich wunderbar gefällig formulieren und festhalten? Oder sind Zeit- und Gedankensprünge wahrscheinlich? Für den Leser ist das nicht immer leicht nachzuvollziehen und Ausführungen, bei denen die Grenzen zwischen Realität und Wirklichkeit verschwimmen, sind teilweise befremdlich.

Nichts davon ist der Stoff für eine Komödie. Erst die Beziehung zu Sellou (Driss im Film) schafft es diese Richtung einzuschlagen. Im Buch liegt der Schwerpunkt allerdings nicht auf dieser Freundschaft. Sie wird erwähnt. Sie wird gewürdigt. Sellou selbst wird nicht als der liebenswerte Charmeur, wie Driss im Film ist, wahrgenommen, sondern eher als großmäuliger Antipath mit einem teils fragwürdigen Sinn für Humor. Welche Leistung er vollbringt, wird deutlich. Doch Hauptdarsteller ist Phillipe Pozzo di Borgo, der seine Geschichte erzählt.

  • Das Buch
  • Ziemlich beste Freunde. Ein zweites Leben
  • Von Philippe Pozzo di Borgo
  • Autobiographie
  • Seiten: 256
  • ISBN: 978-3-446-24044-5
  • Preis: 14,90 Euro (Stand: Nov. 2015)

Abweichende Untertitel: Seit seinem Erscheinen hat sich der Untertitel zum Buch „Ziemlich beste Freunde“ geändert. Ursprünglich lautete er „Das zweite Leben des Philippe Pozzo di Borgo“ oder auch „Das zweite Leben des Philippe Pozzo di Borgo. Die wahre Geschichte zum Film“. Es handelt sich aber immer um dasselbe ggf. überarbeitete Buch. Im Französischen haben Buch und Film übrigens unterschiedliche Titel, was eine Differenzierung für den Verbraucher einfacher macht und einen Hinweis auf die unterschiedlichen Inhalte zulässt.

Einfach Freunde

Wen die Geschichte aus Pozzo di Borgos Sicht berührt hat, der wird „Einfach Freunde“ auch nicht kalt lassen. Hier erzählt Abdel Yasmin Sellou von seiner Jugend in einem Pariser Ghetto und seiner Freundschaft zu Pozzo die Borgo, die sein Leben nicht nur für immer verändert sondern vermutlich auch gerettet hat.

  • Aus dem Inhalt

Sellous Geschichte ist auf ihre eigene Weise einzigartig, auch wenn sie sich so anhört, als könnten viele junge Männer mit Migrationshintergrund in beliebigen Ländern bis zu einem gewissen Punkt ähnliche Geschichten erzählen. Und auf ihre eigene Weise traurig, auch wenn nicht ganz mit der Pozzo di Borgos vergleichbar.

Im Alter von vier Jahren kommt Sellous gemeinsam mit seinem Bruder zu Verwandten, die sie an Kindesstatt aufnehmen. Und dass obwohl die beiden Kinder keine Waisen sind. Ihre leiblichen Eltern bleiben in Algerien zurück. Schnell gerät Sellou auf die schiefe Bahn, begeht seinen ersten Diebstahl im Alter von sechs und wird im Jugendalter schnell zu einer bekannten Größe in seinem Pariser Vorort. Weder darin, dass er den Sozialstaat ausnutzt, oder in der Tatsache, dass er Gesetze bricht, noch wie er für letzteres zur Rechenschaft gezogen wird, kann er etwas Schlechtes erkennen. Selbst seine Haftstrafe betrachtet er als Urlaub auf Staatskosten. Und das ohne jede Ironie.

Interessanterweise macht Sellou weder seinen leiblichen Eltern, die ihn weggaben, noch seinen Adoptiveltern, die es versäumten ihm Grenzen aufzuzeigen, und von denen keiner die Vorbildrolle hatte einnehmen können, die er später in Pozzo di Borgo finden sollte, je einen Vorwurf. Unter den gegebenen Umständen, verhielten sich alle wie es ihnen möglich war und taten was sie für das Beste hielten, so Sellou. Kein „hätte“, kein „wenn“ findet Platz in der Beschreibung der Beziehung zu seiner Familie.

Nur als er, inzwischen Anfang Zwanzig, aus dem Gefängnis entlassen wird, wird es eng für Sellou, denn nun muss er eine Beschäftigung nachweisen – oder zumindest, dass er eine Stelle sucht. Diese Suche führt ihn zu Pozzo di Borgo, der ihn mit finanziellen Mitteln dazu überredet seine neue, wenn auch zunächst hoffnungslos unterqualifizierte Pflegekraft zu werden.

Zehn Jahre bleibt Sellou im Dienste Pozzo di Borgos, als persönlicher Assistent, Chauffeur, Leibwächter, Zulieferer verschreibungspflichtiger Substanzen und Lebensretter. Eine Zeit, in der er ein Leben jenseits von Alltagskriminalität und -gewalt kennenlernt und in der er an seiner Aufgabe und der allmählich entstehenden Freundschaft zu seinem Arbeitgeber wächst. Aus seinen Erfahrungen und der Patronage Pozzo di Borgos geht Sellou als anderer Mensch hervor. Er schreibt „Du hast mein Leben verändert“ – so der Titel seines Buches im französischen Original – und schließlich geht er noch einen Schritt weiter und sagt: „Ohne Pozzo wäre ich wahrscheinlich tot (oder im Gefängnis).“

Heute lebt Sellou als Familienvater und Unternehmer in Algerien. Die Freundschaft zwischen ihm und Pozzo di Borgo ist unverändert und beide sehen sich regelmäßig.

  • Das Buch
  • Einfach Freunde. Die wahre Geschichte des Pflegers Driss aus „Ziemlich beste Freunde“.
  • Von Abdel Sellou
  • Autobiographie
  • Seiten: 256
  • ISBN: 978-3-548-28518-4
  • Preis: 9,99 Euro (Stand: Nov. 2015)

 

Weitere Publikation von Philippe Pozzo di Borgo

Neben seiner Autobiographie hat Pozzo di Borgo zwei weitere Bücher veröffentlicht.

Zusammen mit Laurent de Cherisey und Jean Vanier den 2012 erschienenen Appell für eine Gesellschaft, in der nicht nur Fitness und Leistung zählen.

Auf 112 Seiten von „Ziemlich verletzlich, ziemlich stark: Wege zu einer solidarischen Gesellschaft.“ stellen die Autoren recht übersichtlich dar, warum sie glauben, dass Reichtum jenseits von Gehaltsabrechnungen, Konten und Wertpapieren zu finden ist.

„Gerade in unserer individuellen Verletzlichkeit können wir einen unverhofften Reichtum entdecken, und nur wenn wir bereit sind, den tieferen Sinn von ‚Brüderlichkeit‘ wiederzubeleben, vermag es unsere Gesellschaft gerechter und menschlicher zu werden“, so der Klappentext.

Das Buch möchte aufrütteln und der Leser wird mit z. T. sehr einleuchtenden Gedanken über die Suche nach Erfahrungen und Politikformen, die Wohlstand, Lebensqualität und das Gedeihen von Menschen neu in Einklang bringen können, konfrontiert. Behinderten wird hierbei die Rolle der „Wächter“ zugeschrieben, die an die menschliche Verletzlichkeit erinnern sollen.

Eine Gebrauchsanweisung findet sich unter dem Titel „Wege zu einer solidarischen Gesellschaft“ jedoch nicht. Dies wäre ja auch zu schön gewesen.

  • Das Buch
  • Ziemlich verletzlich, ziemlich stark: Wege zu einer solidarischen Gesellschaft.
  • Von Philippe Pozzo di Borgo, Laurent de Cherisey und Jean Vanier
  • Sachbuch
  • Seiten: 112
  • ISBN: 978-3446241558
  • Preis: 7,00 Euro (Stand: Nov. 2015)

 

Hier knüpft das im Sommer 2015 erschienene Werk „Ich und Du: Mein Traum von Gemeinschaft jenseits des Egoismus“ an, in dem Pozzo di Borgo, wieder autobiographisch, von seinem Leben in zwei Welten berichtet.

„Ich habe das große Glück, zwei Leben erfahren zu haben“ sagt Pozzo di Borgo. „Ich war einmal sehr egoistisch, wie unsere Gesellschaft so ist.“

Durch seinen Unfall 1993 wurde der ehemalige Geschäftsführer des Champagnerhauses  Pommery, ein strahlender und rastloser Erfolgsmensch, in die Stille des Innehaltens gezwungen. Zurückgeworfen auf ein ihm unbekanntes Selbst, wurde ihm bewusst, wie wenig aufnahmebereit er bislang anderen gegenüber war – ganz egal, ob gegenüber Fremden oder der eigenen Frau.

Er erkannte, dass man einem Menschen nur dann wirklich begegnen kann, wenn man „die Waffen streckt“ und ihm entblößt gegenübertritt, offen für dessen Sichtweise und Wesensart, offen für das nicht Perfekte. Nur so können wir die eigene Schwäche und die eigene Menschlichkeit ohne Angst zulassen. Und nur so kann Gesellschaft gelingen.“

  • Das Buch
  • Ich und Du: Mein Traum von Gemeinschaft jenseits des Egoismus
  • Von Philippe Pozzo di Borgo
  • Sachbuch
  • Seiten: 152
  • ISBN: 978-3446249455
  • Preis: 17,90 Euro (Stand: Nov. 2015)

 

Für weitere Biographien und Romane mit Protagonisten im Rollstuhl siehe: Kategorie Bücher

 

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