Wheelchairica – Julia Heil im Gespräch über das Musical, das rockt und rollt

„Wheelchairica – Alles inklusive“ ist ein 2013 uraufgeführtes Musical, das nicht nur rockt, sondern auch rollt. Der-Querschnitt.de sprach mit Darstellerin, Co-Autorin und Regisseurin Julia Heil über Idee, Umsetzung und Inklusion auf der Bühne.

Bild Wheelchairica-2 Copyright Julia Heil, 2015 Mit freundlicher Genehmigung Julia Heil

Im Musical „Wheelchairica – Alles inklusive“ fegen knapp 20 Darsteller über die Bühne, 12 davon im Rollstuhl. Sie erzählen die Geschichte einer Gruppe von Rollstuhlfahrern, die sich fern von Mitleid und abgesondert vom Rest der Gesellschaft die Welt „Wheelchairica“ aufgebaut haben. Als ihnen ihr barrierefreies El Dorado um die Ohren fliegt, stehen die Protagonisten vor den Trümmern ihrer Existenz und sehen sich der reellen Gefahr gegenüber, sich nun in die Welt der Fußgänger integrieren zu müssen.

Frau Heil, Sie sind Co-Autorin und Regisseurin des Rollstuhlmusical „Wheelchairica – Alles inklusive“. Worauf dürfen sich Zuschauer von „Wheelchairica – Alles inklusive“ freuen?

Die Geschichte, die wir erzählen, ist eine lustige, mitreißende, eine, bei der das Thema Inklusion nicht so bierernst daherkommt, sondern eher selbstironisch. Die heile, abgeschottete Welt der Rollstuhlfahrer fliegt in die Luft und sie müssen nun versuchen, sich in die Welt der Fußgänger zu integrieren. Dabei läuft natürlich nicht alles glatt und einzelne Charaktere haben verschiedene Vorstellungen davon, wie das passieren sollte. Die Situationen, in die sie geraten, sind schräg, skurril und meist einfach lustig.

Dann bieten wir Videoinstallationen, eine tolle Bühnentechnik und -effekte. Und unser Thema „Inklusion“ findet auf der Bühne wirklich statt. Es sind ja nicht ausschließlich Darsteller im Rollstuhl, sondern auch Fußgänger. Wir haben eine Kindertanzgruppe aus Ziegelhausen mit dabei und vier Darsteller der Heidelberger Seniorentheatergruppe. Das gemeinsame Projekt und die Proben, die all diese unterschiedlichen Darsteller miteinander verbindet, sind einfach schön. Und wir glauben, dass dieses Gefühl auch gut rüberkommt.

Bild Wheelchairica-3 Copyright Julia Heil, 2015 Mit freundlicher Genehmigung Julia Heil

Zum ersten Mal finden diesmal die Vorführungen in der Hebelhalle in Heidelberg statt. Und die bietet, im Vergleich zu anderen Aufführungsorten, auch einen ganz besonderen Vorteil. Die Sitze sind von der Bühne weg nach oben ansteigend, so dass die Zuschauer nicht nur in den hinteren Reihen alles mitbekommen, sondern eben auch alle die Darsteller, die in zweiter oder dritter Reihe rollen, gut sehen können.

Wie kamen Sie auf die Idee ein Musical über ein solches Thema zu machen?

Wir hatten vor ca. zehn Jahren ja schon mal ein Rollstuhlmusical gemacht, indem Rollstuhlfahrer und Fußgänger aufeinander treffen, und das thematisiert, welche Situation und Meinungsverschiedenheiten sich daraus ergeben. Damals hatten wir das Gefühl, dass diese Geschichte noch nicht zu Ende erzählt ist. Wir wollten etwas zur Inklusion erzählen und zwar als dieses Schlagwort noch gar nicht in aller Munde war. Heute treffen wir damit natürlich genau den Nerv der Zeit.

Wie ist es Ihrer Ansicht nach denn um die Inklusion bestellt?

Wenn sie schlecht gemacht ist, kann Inklusion ganz schön nach hinten losgehen. Aus meiner Sicht macht es z. B. keinen Sinn behinderte Kinder in Regelschulen einzuschulen, wenn sie dort nicht die Förderung erhalten, die sie brauchen. An Regelschulen gibt es ja meist keine Physiotherapeuten oder Logopäden. Die müssen aber vorhanden sein, sonst rennen die Eltern dieser Förderung in der Freizeit hinterher, wenn ihnen und ihrem Kind sicher auch etwas Besseres einfallen würde, was sie mit der Zeit anfangen könnten. Leider gibt es zu wenig finanzielle Ressourcen und vor allem keine zentrale Stelle, an die man sich wenden kann, wenn man Fragen oder fachliche Anregungen zu dem Thema hat. Aus meiner Sicht wäre es sinnvoll so etwas wie einen „Inklusionskoordinator“ zu haben, der alle Bezugsgruppen mit entsprechenden verlässlichen Informationen versorgt.

Und dann ist es auch leider so, dass wir als Gesellschaft nicht dazu bereit sind, persönlich zurückzustecken, um für ein besseres Miteinander, um für die Gemeinschaft zu sorgen. Wir haben alle eine sehr Ich-bezogene Haltung. Das hoffen wir mit Wheelchairica ein bisschen ändern zu können. Schön wäre es, wenn die Zuschauer abends rausgehen und sagen „Ja, ich hatte einen tollen, unterhaltsamen, lustigen Abend… Und vielleicht sollte ich meine eigene Einstellung, meine eigenen Gedanken ein bisschen kritisch hinterfragen.“ Das ist es, was wir – ohne erhobenen Zeigefinger – versuchen rüberzubringen.

Die Geschichte, die Wheelchairica erzählt, stammt aus Ihrer Feder. Wie steht es mit Musik und Choreographien?

Bild Wheelchairica-1 Copyright Julia Heil, 2015 Mit freundlicher Genehmigung Julia Heil

Die Geschichte entstand tatsächlich als Idee von mir und Sonja Pinter, wurde aber mit allen Darstellern ausgebaut und erweitert. Die Musik werden viele Zuschauer wiedererkennen, sie stammt aus verschiedenen aktuellen Musicals und aus Rock und Pop, die Texte sind natürlich von uns angepasst. Was den Tanz angeht, wurden verschiedene Elemente aus Bewegungstraining und Rollstuhltanz kombiniert. Und wir finden, dass das schon sehr eindrucksvoll und spannend rüberkommt.

Musical-Darsteller ist ein eher ungewöhnliches Hobby. Wie kommen Sie an Ihre Schauspieler?

Das ist in der Tat manchmal ein Problem. Wir suchen immer wieder neue Darsteller, die Freude an Bewegung und Gesang haben. Dabei ist unser Einzugsgebiet ziemlich weit. Wir haben Darsteller, die aus z. B. Ulm, Mainz und Frankfurt kommen. Natürlich ist es so, dass wenn die Darsteller von soweit her kommen, man nicht einfach mal abends für ein, zwei Stunden proben kann. Wir hatten daher Probewochenenden im rollstuhlgerechten Hotel der Manfred-Sauer-Stiftung.

Was müssen die Darsteller mitbringen?

Freude und Spaß an der Bewegung sind notwendig. Dabei lassen sich viele Menschen von ihren Beeinträchtigungen verunsichern, aber die spielt gar keine so große Rolle! Wir haben Darsteller mit ganz unterschiedlichen Einschränkungen. Wir finden für jeden, der gerne mitmachen möchte, eine passende Rolle oder passen sie je nach Fähigkeiten des Einzelnen an. Akrobatik im Rollstuhl ist ganz sicher nicht nötig. Aber man muss Spaß daran haben auf der Bühne zu sein und zu singen und zu schauspielern.

Sie selbst spielen in Wheelchairica ebenfalls mit. Würden Sie bitte etwas über Ihre Rolle erzählen?

Ich spiele die personifizierten schlechten Gedanken, das Teufelchen, dass die Inklusion in Frage stellt und den Darstellern einredet, dass das doch alles eh nichts bringt und nicht funktionieren kann. Einer der Charaktere wird dann auch kriminell und landet im Knast, … der natürlich nicht barrierefrei ist. Mein Gegenüber ist das „Engelchen“, das an das Gute glaubt. Am Ende ist es so, dass beide von ihrer vorgefertigten Meinung abrücken und sich ein bisschen aufeinander zubewegen. Und das eben Kompromisse notwendig sind, wenn man Inklusion umsetzen möchte.

Welche Herausforderungen bringt eine Musicalproduktion mit Darstellern im Rollstuhl mit sich?

Da gibt es immer ganz spezielle kleine Herausforderungen, mit denen man umgehen muss. Etwa was den Kostümwechsel angeht. Jeder Darsteller im Rollstuhl hat hinter der Bühne zwei Helfer, die ihm beim Umziehen helfen und trotzdem ist es so, dass alle meistens im Zwiebellook anfangen, sodass sie das eine Kostüm ausziehen und das nächste schon drunter haben.

Bild Wheelchairica-2 Copyright Julia Heil, 2015 Mit freundlicher Genehmigung Julia Heil

Dann ist da die Frage nach dem Bühnenaufbau. Rampen sorgen natürlich für eine besondere Optik, andererseits kann man dann beim Tanz eingeschränkt sein, weil sie auf der Bühne Platz wegnehmen. Und dann ist es eben so, dass ein Rollstuhl sich niemals seitwärts bewegt, es sei denn man wendet ihn – und dazu braucht der Fahrer seine Hände. Wir arbeiten deshalb mit Stangen und auch mal mit Tüchern, um mehr Bewegung in die Darstellung zu bringen.

Wheelchairica wird dieses Jahr bereits zum vierten Mal aufgeführt. Wird es 2016 eine Wiederholung geben?

Das wünschen wir uns sehr! Schön wäre es, wenn wir an anderen Orten z. B. Berlin, Frankfurt oder München auftreten könnten, wo das Publikum uns noch nicht kennt. Leider sehen wir uns als inklusives Musical da ganz anderen Herausforderungen gegenüber. Wir haben schon für die verwendete Technik, z. B. Headsets für alle Darsteller, sehr hohe Kosten zu stemmen, die alleine durch die Eintrittsgelder nicht getragen werden können.

Dann ist es auch sehr schwierig eine Marketingstrategie aufzubauen, wenn man sich vor Ort nicht auskennt. An der Stelle würden wir uns ein bisschen Unterstützung wünschen.

Gibt es zukünftige Projekte, von denen Sie erzählen können?

Wir würden es klasse finden, wenn wir ein deutschlandweites Projekt mit verschiedenen Gruppen – Rollstuhltanzgruppen gibt es ja einige – aufziehen könnten. Aber auch hierfür bedarf es einer Manpower, die wir einfach nicht haben. Wir machen das ja alle ehrenamtlich neben unseren Hauptjobs. Jetzt freuen wir uns erstmal auf die Auftritte mit Wheelchairica am 13. und 14. November!

Vielen Dank für das Gespräch.

Für weitere Informationen zum Musical und zu aktuellen Terminen siehe: Wheelcharica-musical.de