Echt zauberhaft – Helden im Rollstuhl

Was macht man als Barbarenheld, wenn man im Alter auf Stützstrümpfe, Zahnprothesen und Rollstühle angewiesen ist? Man macht das Beste daraus und marodiert eben ein wenig langsamer. Mit der „Grauen Horde“ schuf Terry Pratchett die wundervollsten Nebenfiguren in der Geschichte der Hilfsmittelnutzer.

echtzauberhaft

Die Romane des britischen Kultautors Terry Pratchett spielen in der Scheibenwelt, eine fiktive Realität, die der wirklichen Welt einen Eulenspiegel vorhält.

Die Handlung

In „Echt zauberhaft“ begibt sich der Leser auf die Reise in ein Land, das mit dem China und Japan der Vergangenheit vergleichbar ist. Komplett mit allen Klischees, die einem zum Reich der Mitte so einfallen, inkl. Sumo Ringern, Wasserbüffeln, Papierwänden, Suppe aus Vogelnestern, großen Mauern und Sprachverwirrungen.

Vor Ort soll der Protagonist, der unfähige Zauberer Rincewind, der Roten Armee helfen, die bestehende gesellschaftliche Ordnung über den Haufen zu werfen und die Bauern aus der Unterdrückung zu befreien. Das ist nicht einfach, denn zum einen wissen die Bauern nicht, dass sie befreit werden müssen, zum anderen besteht die Rote Armee ausschließlich aus Kindern und Jugendlichen, denen Höflichkeit und Respekt vor der Obrigkeit mit der Muttermilch eingeflößt wurde.  Der glühendste Kampfruf, zu dem sie sich durchringen können, ist: „Ein bisschen weg mit dem Kaiser, wenn es nicht zu viele Umstände macht, bitte.“ Erschwerend kommt hinzu, dass Rincewind ungefähr genauso viel magisches Talent hat wie der Käse, nach dem er benannt wurde. Doch die Dinge entwickeln sich und schließlich gelingt es Rincewind  –  gegen seinen Willen – eine 3.000 Jahre alte Prophezeiung zu erfüllen.

Zeitgleich mit dem Zauberer erreicht eine Barbarenhorde das Achhatene Reich. Die Große Mauer, die sie von einer Invasion hätte abhalten sollen, war nur kurz ein Problem, als sie den Rollstuhl des Irren Polterers hinüber wuchten mussten. (Merke: Große Mauern sind selten barrierefrei, das Recht auf eine Begleitperson muss vom Einzelnen selbst durchgesetzt werden; vermutlich mit dem Schwert.)

Helden im Rollstuhl

Die Graue Horde, benannt nach der gemeinschaftlichen Haarfarbe ihrer Mitglieder, besteht aus einem halben Dutzend alter Männer (alle um die 80), die zusammen auf insg.  400 Jahre Erfahrung im barbarischen Heldentum zurückgreifen können. Unter ihrem Anführer, der Kriegerlegende Genghiz Cohen, gedenken sie das Achhatene Reich zu überrennen oder eben im Fall des Rollstuhlfahrers zu überrollen. Begleitet werden sie von einem Lehrer, den sie irgendwo unterwegs aufgelesen haben, und der verzweifelt versucht, ihnen Manieren beizubringen.

Der Leser erfährt nicht, wieso der Irre Polterer im Rollstuhl sitzt (und ihn niemals verlässt, nicht mal, wenn er ein Bad nimmt), ob aus Altergründen oder wegen einer Querschnittlähmung, aber er macht wirklich das Beste aus seiner Situation. Er – und auch seine Kollegen – verstecken, wann immer es nötig ist, ihr Waffenarsenal im Rolli. Wenn er angreift, kommt der Schwertstoß für den Gegner aus einer unerwarteten Richtung (von unten) und im Kampf scheut er sich nicht, den Rollstuhl einzusetzen und dem Kontrahenten gepflegt über den Fuß zu fahren. Am Überraschendsten aber sind sicherlich die rotierenden Klingen, die der Irre Polterer an beiden Radnaben befestigt hat und dem Feind im Schlachtgetümmel die Beine auf Wadenhöhe einsägen.

Auch die anderen Barbaren verwenden Hilfsmittel, wie Zahnprothesen, orthopädische Einlagen, Gehhilfen und Stützkorsetts. (Ein Hörgerät hätte wenigstens einer der Horde gebrauchen können, doch solche sind in dieser Realität noch nicht erfunden.) Aber trotz allem sind sie nicht kleinzukriegen, und so bricht der Autor eine Lanze für die Senioren in der Gesellschaft. Die Mitglieder der Grauen Horde sind vielleicht nicht die schnellsten, die höflichsten oder die bestduftenden Helden, die die Welt je gesehen hat. Aber sie sind die mit der meisten Erfahrung. Der lebenslangen Erfahrung im Nicht-Draufgehen …

Ein Bonbon am Rande

Wenn die nicht ganz hellen Sumo-Kämpfer angreifen, grunzen sie: „Orrrh! Itijuschu, jutimischu!“ Wer genau hinsieht, erkennt hier die englischen Nonsense-Sätze „I tie your shoe. You tie my shoe!“. Zu Deutsch: „Ich binde deinen Schuh. Du bindest meinen Schuh!“ Das ist Ausnahmsweise nicht auf dem Mist des Autors gewachsen. Die amerikanischen Kriegsfilme aus den 40ern und 50ern, in denen der Held, z. B. John Wayne, gerne mal Japaner aufmischt, bedienten sich koreanischer Komparsen, um die japanischen Feinde darzustellen. Um sie authentisch klingen zu lassen, kam jemand auf die Idee sie schnell „I tie your shoe. You tie my shoe!“ ausrufen zu lassen. Die Zuschauer haben sich nie daran gestört.

Das Buch

  • Echt zauberhaft
  • Von Terry Pratchett
  • Seiten: 416
  • ISBN 978-3442430505
  • Preis: ab ca. 9 Euro (Stand: November 2015)

 

Für weitere Biographien und Romane mit Protagonisten im Rollstuhl siehe: Kategorie Bücher