Bilderbuch: Papas Unfall

Wie fühlt es sich an, auf einmal einen Vater mit einer Behinderung zu haben? Das Bilderbuch „Papas Unfall“ nimmt sich der Thematik an und könnte Kindern helfen, sich in einer ähnlichen Situation verstanden zu fühlen – trotz einiger Ungereimtheiten.

Auf einmal ist – fast – alles anders: Seit Papa an einem Sonntag mit dem Motorrad verunglückte, kann er nicht mehr gehen. Aus der Sicht seiner beiden Töchter fühlt sich das an wie ein schlechter Traum. Aber der Unfall ist echt und verändert das Familienleben grundlegend. Mama braucht jetzt sehr viel Zeit, um für Papa da zu sein. Außerdem sucht sie neue Arbeit und kümmert sich um den rollstuhlgerechten Umbau des Hauses. Die Geschwister sind in dieser Zeit viel bei der Oma oder spielen wie früher mit Freunden. Auch als Papa wieder zuhause ist, ist vieles anders, besonders er selbst.

Angelika Press und Rabea Müller arbeiten mit Kindern in schwierigen Situationen. Kinder und Jugendliche, die zum Beispiel plötzlich einen behinderten Elternteil haben. Im „Atelier artig“ in Köln können sie gestalterisch ausdrücken, malen und formen, was sie innerlich beschäftigt. Im Rahmen des kunsttherapeutischen Angebots „Sichtweise“ entstand die Idee zu dem Bilderbuch „Papas Unfall“.

„Das kriegen wir als Familie wieder hin“

Der Eintritt einer Schwerbehinderung ist ein einschneidendes Ereignis – auch für die Familie. Der Familienalltag ändert sich schlagartig; für Kinder kann das Abstriche und Umstellungen bedeuten. Eine Erschütterung ihrer gewohnten Welt, bedrohlich, irritierend, beängstigend. Ein Elternteil braucht jetzt Hilfe, ist in bestimmten Situationen vielleicht sogar von ihr abhängig. Das kann gewohnte Rollen ins Wanken bringen. Die Bewältigung des neuen Alltags verschlingt viel Zeit und erfordert Flexibilität von allen. Die Familie muss jetzt zusammenhalten. – Diese Botschaft des Buches kommt rüber.

„Papas Unfall“ ist eigentlich ein Bilderbuch für Kinder ab 5 und gibt trotzdem viele Rätsel auf. Was hat Papa eigentlich? Eine reine Querschnittlähmung wohlmöglich nicht, denn er spricht nach der Reha oft „Wörter, die es gar nicht gab“. Die letzten Bilder zeigen, wie sehr er sich über seinen neuen Basketball zum Geburtstag freut. Und wie er ihn spielt. Ansonsten sehen die Autoren jedoch schwarz: Wandern, Schlitten fahren, Schwimmen, Radeln, Inlineskates fahren, über Rampen springen – alles passé. Aber warum sollte Papa Rollstuhlbasketball spielen können, aber sonst kaum etwas? Er kommt nach zuhause, doch den Haushalt macht die neue Haushaltshilfe Nina. Papa wird gepflegt. Dabei gibt es insbesondere für Paraplegiker viele Hilfsmittel und Angebote, um den Alltag anders, aber nicht unbedingt weniger vielfältig, tatkräftig und sportlich wieder aufzunehmen. Eine Perspektive, die auch von der Familie positiv erlebt werden dürfte.

Die Stiftung Gesundheit hat das Buch auf sachliche Richtigkeit in gesundheitlichen Fragen geprüft und kommt zu einem guten Ergebnis. Sie hat den Focus nach eigenen Angaben weniger auf den Zustand des Vaters als auf die Verarbeitung des Ereignisses aus kindlicher Perspektive gelegt: „Die Zertifizierung würdigt den psychotherapeutischen Ansatz“, sagt Birgit Pscheidl von der Stiftung Gesundheit. Die kindgerechte Vermittlung der Botschaft: „Das kriegen wir als Familie wieder hin“ stehe im Mittelpunkt der Begutachtung.

Eigene Gefühle wahrnehmen und ausdrücken

In jedem Fall können Bilder und Geschichte betroffenen Kindern eine Basis sein, um ihre eigenen Gedanken, Ängste, Hoffnungen und Erfahrungen wahrzunehmen und im interaktiven Betrachten des Buches vielleicht auch zum Ausdruck zu bringen. Vorleser können Gesprächsimpulse setzen und ein offenes Ohr anbieten. Dabei ist es sicherlich hilfreich, den individuellen Fall zu kennen.

Atelier artig (Hg.): Papas Unfall, BALANCE buch + medien verlag, Köln 2015.

ISBN: 978-3-86739-156-6

40 Seiten, 14,95 Euro (Stand: Nov. 2015)