Samuel Koch: ZWEI LEBEN und eine ROLLE VORWÄRTS

Der bekannteste Tetraplegiker Deutschlands ist ohne Zweifel Samuel Koch. Der junge Mann, der sich seine Rückenmarkverletzung 2010 vor laufender Kamera zuzog, bleibt öffentlich und spricht in zwei Büchern über sein Leben.

Bild cover SamuelKoch Copyright Adeo Verlag, 2015 Mit freundlicher Genehmigung von Christine Beitat

Zwei Leben

„Zwei Leben“ ist Samuel Kochs erstes Buch, das bereits 2011 mit Hilfe des Journalisten Christoph Fasel entstand.

Aus dem Inhalt GER-0107-15 Samuel Koch Titel EW 8.indd Bild cover SamuelKoch Copyright Adeo Verlag, 2015 Mit freundlicher Genehmigung von Christine Beitat

Koch wächst als Ältester von vier Geschwistern im ländlichen Süddeutschland auf. Zu seiner Familie besteht ein harmonisches Verhältnis und die christliche Religion ist ein fester Bestandteil in seinem Umfeld. Zudem sind seine Kindheit und Jugend von Sport und dem Spaß an körperlicher Aktivität und Leistung gekennzeichnet. Eine Laufbahn als Leistungsturner schließt Koch zunächst nicht aus, entdeckt dann aber über einige Umwege die Schauspielerei für sich.  Im Oktober 2010 beginnt er sein Studium an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover und wird im selben Jahr für die Unterhaltungssendung Wetten, dass…? gecastet.

Im Buch beschreibt Koch ausführlich, wie es zu der Wette kam, wieviel Aufwand in der Vorbereitung steckte und wie er die Risiken und seine eigenen Fähigkeiten einzuschätzen glaubte. Auf mechanischen Stelzen wollte er fünfmal im Salto über ein fahrendes Auto springen. Der spektakuläre Stunt scheiterte live vor einem Millionenpublikum und machte Koch zum Tetraplegiker.

60 Millisekunden

60 Millisekunden verändern damals das Leben des Samuel Koch. In dieser Zeitspanne, die nicht mehr ist als ein Wimpernschlag, stößt Koch während seines Saltos an das Dach des fahrenden Autos. Die Kraft, die dabei auf sein Genick einwirkt, liegt bei 450 Newtonmeter, die 4,5-fache Belastung, mit der Radmuttern an Autos montiert werden. Hinzu kommt, dass Koch auf der Bodenmatte aufprallte, die extra rutschfest gewählt worden war, weshalb sein Helm nicht gleiten und die Energie aus dem Sturz nicht abgeleitet werden kann. So kommt es zu schweren Läsionen am ersten und siebten Halswirbel.

Die Erstversorgung Kochs findet in Düsseldorf statt, kurze Zeit später wird er ins Schweizer Paraplegiker Zentrum nach Nottwil verlegt. Diese Zeit beschreibt Koch, als das was sie zweifelsfrei gewesen sein muss: Als Alptraum. Die Schmerzen, die von den gebrochenen Halswirbeln und dem zur Rehabilitation notwendigen Halofixateur verursacht werden, quälten Koch bis zur Bewusstlosigkeit. Seine Bewegungsunfähigkeit und das Unvermögen selbständig zu atmen, versetzen ihn in tiefe Angst. Hinzu kommt die alles beherrschende Frage „Was geschieht mit mir?“. Stützen sind in dieser Zeit seine Familie, seine Freunde und sein Glaube an Gott.

Wie liest es sich?

Leser müssen schon ziemlich abgebrüht sein, wenn sie bei der Lektüre von „Zwei Leben“ kein Mitgefühl empfinden. Koch erleidet ein körperliches und seelisches Trauma, die einzige Strategie, die er kennt, um mit Schicksalsschlägen und Schmerzen umzugehen – nämlich Bewegung – ist ihm genommen. Sein Körper, der dem angehenden Schauspieler und Stuntman, eine berufliche Existenz hätte sichern sollen, ist zerstört. Sein Zustand und die Funktionsausfälle, die seine Verletzung verursachen, verschlechtern sich im Laufe der Rehabilitation anstatt sich zu verbessern. Und die Medien, in deren Welt er sich so arglos begeben hatte, betrachten ihn und sein Schicksal als ihr Eigentum.

Und doch wird so mancher nicht umhin kommen sich zu fragen, wieso dieses Buch geschrieben wurde.

Autobiographien werden gewöhnlich von Menschen verfasst, die etwas Besonderes geleistet oder ein widriges Schicksal gemeistert haben. Dem Leser begegnet Koch als sympathischer junger Mann, mit dem man – Rollstuhl hin oder her – sicherlich gerne mal ein Bier trinken würde. Aber was weiter? Der Unfall, der ihn zum Tetraplegiker machte, entstand im Rahmen einer Selbstdarstellung, deren Risiken allen Beteiligten bewusst hatte sein müssen. Das ist natürlich kein Grund mit dem Finger zu deuten und „Selber schuld!“ zu rufen, wie es laut Koch neben all dem positiven Zuspruch aus aller Welt, eben auch vorgekommen sei. Zum Star macht es ihn aber auch nicht.

Der Held erfindet sich neu.

Koch erlebt seine Rehabilitation und seinen Zustand ohne Schuldzuweisungen und ohne einen Groll auf Gott. Jedoch erwartet man als Leser etwas mehr als das. Nachdem der Held zerstört worden ist, verlangt man danach zu erfahren, wie er wiederaufersteht, wie er sich neu erfindet. Und Koch wird zerstört, das wird deutlich. Aber zwischen seinem Unfall im Dezember 2010 und dem Erscheinungsdatum des Buches im April 2012 liegen keine anderthalb Jahre. Wann soll für ein Neuerfinden des Helden da Zeit gewesen sein?

„Zwei Leben“ entstand noch während Kochs stationärer Rehabilitation. Als er noch darum kämpft mit seinem neuen Körper klarzukommen. Es gibt Ausblicke in die Zukunft. Koch spricht davon, wie er plant sein Schauspielstudium fortzusetzen, und dass er hofft, sein Situation weiter akzeptieren zu lernen. Er sagt aber auch, dass er nicht bereit sei „den Ist-Zustand als absolut zu akzeptieren“ und sich mit all den Einschränkungen, die eine Querschnittlähmung mit sich bringt, abzufinden. Von einem Ankommen im neuen Leben, wie andere Tetraplegiker vor ihm es geschafft haben, kann keine Rede sein.

Wieso also gibt es dieses Buch? Koch selbst gibt die Antwort in der Einleitung zu „Zwei Leben“ und sie ist ziemlich ernüchternd. Die Nation wollte wissen, was mit dem netten jungen Mann ist, der einen schrecklichen Unfall vor laufenden Kameras hatte. Nachfragen, ob er Interesse habe über seine Erfahrungen zu schreiben, waren da. Sie wurden übermächtig und zu einem gewissen Zeitpunkt war es schlicht einfacher nachzugeben, statt sich einer weiteren Flut von Anfragen erwehren zu müssen. Hätte man Koch sich selbst überlassen, hätte er kein Buch geschrieben.

Ein witziges Detail: In seinem Buch bezeichnet Koch den ALS-kranken Physiker Stephen Hawking, als „an den Rollstuhl gefesselt“. Ein klares Zeichen dafür, dass er 2012 in der Behinderten-Szene, in der ein riesiger Hype um die korrekte Ausdrucksweise gemacht wird, noch nicht angekommen ist.

Das Buch

  • Zwei Leben
  • Von Samuel Koch mit Christoph Fasel
  • Biographie
  • Seiten: 203
  • ISBN: 978-3-942208-536
  • Preis: ca. 18,00 Euro (Stand: Nov. 2015)

 

Rolle vorwärts. Das Leben geht weiter, als man denkt.

Das 2015 erschienene zweite Buch knüpft da an, wo das erste Buch aufhört, und der Leser lernt einen anderen Samuel Koch kennen. Es geht ihm, wie er selbst sagt, nicht mehr um das, was er nicht kann, sondern um das, was er kann.

GER-0107-15 Samuel Koch Titel EW 8.indd Bild cover SamuelKoch Copyright Adeo Verlag, 2015 Mit freundlicher Genehmigung von Christine BeitatAus dem Inhalt

In „Rolle vorwärts“, geht es um einen Tetraplegiker, der versucht sein Leben zu meistern und dabei seine Beziehung, seine Therapien und seine Karriere als Schauspieler unter einen Hut zu bekommen. Den Alltag von fast bewegungsunfähigen Querschnittgelähmten erklärt Koch am eigenen Beispiel. Er kann die Arme beugen, aber nicht strecken, wodurch er bei so ziemlich jeder Aktivität auf Hilfe angewiesen ist. Aufstehen, Körperpflege, Anziehen, Stylen, Essen – nichts geht alleine. Koch beschreibt Situationen, in denen er sich selbst nicht aus misslichen Lagen befreien kann; z. B. fällt er eines Nachts allein im Maisfeld aus dem Rollstuhl und hat die Gelegenheit mehrere Stunden lang die nächtliche Flora und Fauna zu bewundern, bis ihn schließlich die Nachbarshunde finden. Er schreibt von Begebenheiten, bei denen eine nicht rollstuhlgerechte Umwelt einerseits und die Sturheit von Mitmenschen andererseits ihm und seiner Freundin einen schönen Tag verderben. Er erzählt, wie er es trotz Hilfsmitteln nicht schafft, das Telefon abzunehmen, wenn es klingelt. Und Koch macht deutlich, dass ihm das nicht gefällt, dass er davon träumt, Gott möge ihn heilen. Nicht zuletzt auch wegen der Schmerzen, die er nach wie vor zu ertragen hat, aber auch weil es die dunklen Momente in seinem Leben ebenso gibt, wie die glücklichen.

Dies alleine kennt der Leser natürlich schon aus „Zwei Leben“, doch in „Rolle vorwärts“ ändert sich Kochs Perspektive und damit auch die Einblicke, die dem Leser gewährt werden. Koch ist nicht nur „der Querschnittgelähmte“ oder „der Wetten, dass…-Kandidat, der den Unfall hatte“. Er ist auch „der Schauspieler“, „der Weltenbummler“ und „der Liebende“. Alles ist möglich, auch wenn Koch andere Wege der Umsetzung finden muss als vor dem Eintritt seiner Rückenmarksverletzung. Vor diesem Hintergrund hat der Leser von „Rolle vorwärts“ Gelegenheit sein Mitleid beiseitezuschieben und einem anderen Gefühl Platz zu machen: Anerkennung.

Die Route wird neu berechnet.

Anfang 2015 nimmt Koch sein Schauspielstudium an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover wieder auf. Er räumt ein, dass er die Bedingungen einer Erstaufnahme als Tetraplegiker nicht hätte erfüllen können, doch eine Wiederaufnahme des Studiums machen Schulleitung und Dozenten möglich. Nach Ende der Schauspielausbildung wird Koch festes Ensemblemitglied am Staatstheater Darmstadt. Seine Arbeit als Schauspieler findet aber nicht ausschließlich auf der Bühne statt. 2014 spielt er in einem Kinofilm und in mehreren Folgen einer TV-Serie mit. Bei den Dreharbeiten lernt er Kollegin Sarah Elena Timpe kennen und lieben. 2015 folgt der semi-öffentliche Heiratsantrag, 2016 die Hochzeit. Neben seiner beruflichen Tätigkeit engagiert sich Koch ehrenamtlich für verschiedene Hilfsorganisationen und -projekte.

Und auch sonst lässt er sich von seiner Tetraplegie nicht aufhalten. Er führt ein erfülltes Leben, bereist in Begleitung seines Bruders die Welt und spricht über die Höhen und Tiefen, die er durchlebt. Mit dieser Öffentlichkeit, für die er von so mancher Seite kritisiert wird, stellt er für andere ein Vorbild dar. „Du hast mir heute das Leben gerettet. Auch wenn du davon nichts weißt!“ schreibt ein Unbekannter an Koch, nachdem er einen Artikel über ihn gelesen hatte. „Menschen wie Du, die nicht aufgeben, auch wenn es zunächst noch so düster aussieht – die machen einem wirklich Mut! Und die Kraft, die Du in dein Fortkommen investierst, die hilft auch anderen Menschen. So wie jetzt mir zum Beispiel.“

Und wie kommt Koch selbst zu diesem Mut, der ihn vorwärts rollen lässt? Zunächst ist er durch seinen Status als Prominenter tatsächlich in einer privilegierten Situation, die Verhandlungen über Hilfsmittel, Therapien oder Assistenzbedarf erheblich vereinfachen. Durch diesen Status ist er, wie er sagt, in der Lage nicht nur sich selbst, sondern auch anderen zu helfen.  Nach seinem Unfall wurde er mit Unterstützung, Zuspruch und Zuneigungsbekundungen von Familie, Freunden und auch Fremden überhäuft, was ihm die Kraft und den Mut gaben, sein neues Sein anzunehmen. In „Rolle vorwärts“ stellt Koch die Was-wäre-wenn-Frage und beantwortet sie für sich selbst: „Die Menschen, die Zuneigung, die Herausforderungen und Aufgaben sind da, und soweit es mir möglich ist, nehme ich sie dankbar an. Doch mal angenommen, es gäbe keine Bühne, kein Schauspielstudium, keine Benefits – würde mir Angenommensein und Glaube reichen? Ich würde mir anmaßen zu sagen, dass sie es tun – ich empfinde sie jedenfalls immer als das Auffangnetz in der Manege des Lebens. Immer dann, wenn ich am liebsten in Selbstmitleid versinken würde, greifen diese Sicherheitsmaßnahmen.“

Wie liest es sich?

Geschrieben ist „Rolle vorwärts“ als eine Aufreihung von Anekdoten, die Kochs persönliche Erfahrungen als Schauspieler und Privatmann mit einem unkooperativen Körper in einer nicht behindertengerechten Umwelt beschreiben. Dabei wechselt die Tonalität von lakonisch zu selbstironisch. Der Leser erkennt Bedauern, aber niemals Selbstmitleid. Einen Spannungsbogen gibt es wie bei den meisten Biographien eher nicht. Die einzelnen Episoden aus Kochs Leben sind kurz und kurzweilig und lassen sich schnell und unabhängig voneinander lesen. Ideal also, wenn man keine Zeit hat sich auf lange, vielschichtige Geschichten zu konzentrieren.

Das Buch

  • Rolle vorwärts. Das Leben geht weiter, als man denkt.
  • Von Samuel Koch
  • Biographie
  • Seiten: 217
  • ISBN: 978-3-863340711
  • Preis: ca. 18,00 Euro (Stand: Nov. 2015)

 

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