Gelesen: Anarkai

Altes Schätzchen: „Anarkai“ von Per Nilsson gibt es zurzeit nur antiquarisch zu erstehen. Der Carlsen Verlag hat das Buch 2003 zum letzten Mal aufgelegt. Aber die mit Bedacht konstruierte Geschichte und ihr finaler A-ha-Effekt sind es wert über ein paar Gebrauchsspuren hinwegzusehen.

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Der 17-jährige Johan findet sein Leben nicht gerade aufregend. Er lebt mit seiner Mutter, die sich sorgsam um ihn kümmert, in einem kleinen Ort an der schwedischen Küste. Viel los ist dort nicht.

Bis Johan auf Kai trifft, den unbekümmerten Herumtreiber, dem seine Freiheit über alles geht und der sich plakativ „Anar-Kai“  nennt. „Nie im Leben werde ich den Tag vergessen, als er kam“, erinnert sich Johan.

Mach was du willst!

Mit Anarkai weht ein neuer Wind durch den Ort und durch Johans Leben. Der Alltagstrott weicht einem Lebensfühl von Abenteuer und Freiheit. „Mach was du willst“, ist die Parole, der sich der Ich-Erzähler liebend gern anschließen würde. Im Sommer zieht Anarkai durch die Gegend, mal hier, mal da, ohne Geld, und er sammelt auch keins mit seinen umjubelten Theatershows. Vielmehr will er die Leute zum Nachdenken bringen. Die dritte im Bunde ist Gro, in die Johan sich prompt verliebt.

Was er aus der Begegnung mit den beiden mitnimmt und wie sich dadurch auch die Sicht auf sein eigenes Leben verschiebt, erzählt Per Nilsson mit Schwung und Einfühlungsvermögen.

Keine einfachen Antworten

Ist der Islam besser als das Christentum? Braucht man Geld zum Glücklichsein? Was wird aus der Liebe, wenn sie in die Jahre kommt? Mit seinen drei sehr unterschiedlichen Protagonisten lässt der Autor gegensätzliche Einstellungen und Ideen aufeinandertreffen, die leidenschaftlich und kritisch diskutiert werden.

Zurück bleibt der Eindruck, dass es auf komplexe Fragen keine eindimensionalen Antworten gibt. Nur ungern erkennt Johan, dass das auch für die scheinbar so kompromisslose Ungebundenheit und Freiheitsliebe von Anarkai gilt, die nach und nach in sich zusammenbröckelt.

Dass Johan im Rollstuhl sitzt, lässt der Autor weitgehend im Dunkeln, bis zum Schluss plötzlich klar wird, was mit den „Rädern, die rollen“ gemeint ist.

Also: Ruhig mal was gebraucht verschenken und dazu schweigen wie ein Schneemann. Oder einfach selber lesen.

Per Nilsson: Anarkai, 252 S., Carlsen, 2003 (gebraucht, z. B. über Amazon)

 

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