Wie wiegen sich Rollstuhlfahrer?

Sowohl Über- als auch Untergewicht können für Querschnittgelähmte ein erhebliches gesundheitliches Risiko darstellen. Eine regelmäßige Gewichtskontrolle ist daher eine wichtige Maßnahme, um schnellstmöglich feststellen und gegensteuern zu können, falls und wenn die Dinge aus dem Ruder laufen. Für Rollstuhlfahrer gibt es verschiedene Wiegemöglichkeiten.

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Gewichtskontrolle ist für viele Querschnittgelähmte ein großes Thema. Die Tendenz zu einer Gewichtszunahme nach einer Rückenmarksverletzung ist bei ca. 60% der Betroffenen gegeben. Dies liegt u. a. daran, dass die stoffwechselaktive Muskelmasse unterhalb des Lähmungsniveaus abnimmt und andererseits die Bewegungsmöglichkeiten im Rollstuhl reduziert sind (siehe: Energiebedarf bei Querschnittlähmung). Ebenfalls möglich ist eine drastische Gewichtsabnahme, vor allem wenn Schluckfunktionsstörungen vorliegen.

Das optimale Körpergewicht zu erreichen und/oder zu halten, ist für Querschnittgelähmte durchaus möglich (siehe: Strategien bei Untergewicht und Mangelernährung und Abnehmen mit Querschnittlähmung).

Wie aber soll man sein Gewicht kontrollieren oder gar Abnehmerfolge messen, wenn man sein Gewicht nicht kennt? Denn eins muss klar sein: Mit handelsüblichen Personenwaagen vergleichbare Produkte, die schon ab ca. 20 Euro zu haben sind, gibt es für Rollstuhlfahrer nicht.

Natürlich gibt es medizinische Personenwaagen, die für Querschnittgelähmte geeignet sind. Diese sind aber 1. teuer und 2. nehmen sie extrem viel Platz weg. Unters Waschbecken passen jedenfalls die wenigsten.

Rollstuhlwaagen

Rollstuhlwaagen sind großformatige Wägeplattformen, auf die mit dem Rollstuhl aufgefahren werden kann. Es gibt sie wahlweise mit Stangen an den Seiten, die das Auffahren erleichtern, oder ohne. Das Display mit der Gewichtsanzeige ist neben der Wägeplatte an der Seite oder Stirnseite und vom Rollstuhl gut sichtbar.

In der Regel sind Rollstuhlwaagen sehr sperrig und unhandlich. Mit einer Länge und Breite von ca. 90 cm auf 80 cm muss man für Modelle mit oder ohne Auffahrrampe im Durchschnitt rechnen. Zudem bringen sie ein Eigengewicht von ca. 13 bis ca. 40 Kilogramm mit, was sie nicht wirklich leicht manövrierbar macht.

Rollstuhlwaagen gibt es von verschiedenen Herstellern als geeichte oder ungeeichte Produkte in Preisklassen ab ca. 1.100 Euro bzw. ca. 670 Euro.

Waage mit Smartphone und App

Eine Neuheit im Bereich der Rollstuhlwaagen ist seit dem vergangenen Sommer in den USA auf dem Markt. Die Lilypad Waage ist eine faltbare Kunststoffmatte, die gerade mal 3,5 Kilogramm wiegt und sich leicht auf- und abbauen lässt.  Beim Erstaufbau braucht man allerdings Hilfe, da Auffahrpunkte definiert und Wiegemarkierungen angebracht werden müssen (siehe Video unten).

Das Display wird nicht mitgeliefert – stattdessen stellt die Lilypad Waage eine kabellose Verbindung mit dem eigenen Bluetooth 4.0 fähigen Smartphone des Nutzers her. Das Gewicht des Rollstuhls wird einmalig gemessen und danach immer automatisch von den Messwerten abgezogen. Die Daten werden, falls dies gewünscht ist, mit der Apple Health App (oder bei Android-Nutzern mit der Google Fit App) verknüpft, was Erfolge bei der Gewichtskontrolle festhält und nachvollziehbar macht.

Die Lilypad Waage gibt es ab ca. 650 Dollar (ca. 615 Euro) exkl. MwSt. direkt vom Hersteller; hinzu kommen die Kosten für Versand und Import aus den USA. Zur Herstellerwebsite geht es hier: Lilypad Scales

Sitzwaagen und Stuhlwaagen

Sitz- und Stuhlwaagen kommen eigentlich aus dem Bereich der Altenpflege. Es handelt sich dabei um Stühle mit kleinen Rädern, auf die man zum Wiegen transferieren muss; das Display, das das Gewicht anzeigt, ist an der Rückenlehne befestigt, weshalb man zum Ablesen jemand um Hilfe bitten muss. Was die Kosten angeht, geben sich Sitz- und Stuhlwaagen im Vergleich zu Rollstuhlwaagen nicht viel. Sie werden von verschiedenen Herstellern zu Preisen ab ca. 750 Euro angeboten.

Geeignete Waagen als medizinische Hilfsmittel

Es ist möglich die Kosten für eine Rollstuhl-, Sitz- oder Stuhlwaagen als medizinisches Hilfsmittel erstattet zu bekommen, sofern es sich dabei um eine geeichte Personenwaage handelt und eine medizinische Notwendigkeit zwingend vorliegt.

Das Sozialgesetzbuch definiert Personenwaagen als „Messgeräte für Körperzustände und Körperfunktionen“ (Hilfsmittelgruppe 21), die zur Eigenanwendung geeignet sein müssen. Voraussetzung für die Erstattung ist im Vorfeld eine Antragstellung beim Leistungsträger (z. B. der Krankenkasse) mit einem Kostenvoranschlag für das gewünschte Produkt sowie einem Bericht des Hausarztes, in dem die medizinische Notwendigkeit – z.B. erhebliches Über- oder Untergewicht mit den einhergehenden gesundheitlichen Risiken – für die Anschaffung einer Personenwaage feststellt wird. Ggf. fällt für den Versicherten dann lediglich eine Zuzahlung für das Hilfsmittel an, die unterschiedlich hoch sein kann.

Alternative Strategien der Gewichtsmessung

Für alle für die oben genannten Möglichkeiten nicht in Frage kommen, gibt es ein paar Alternativen, von denen jedoch einige einen gewissen Aufwand mit sich bringen.

  • Zum Wiegen zum Gesundheitsfachmann

Wer ein Pflege- oder Seniorenheim, Krankenhaus oder auch ein barrierefreies Fitnessstudio in der Nähe hat, kann nach Absprache zur wöchentlichen Gewichtskontrolle dorthin gehen. Auch mache physiotherapeutischen Praxen sind mit Rollstuhlwaagen ausgerüstet. Nachfragen lohnt sich.

  • Zum Wiegen zum Tierarzt

Die meisten Tierarztpraxen haben ebenerdige, großflächige Wiegemöglichkeiten für ihre Patienten. Auch hier kann man sich als Rollstuhlfahrer evtl. wiegen, je nachdem ob die Praxis barrierefrei zugänglich und wie kooperativ das Personal ist.

  • Maßbänder

Bild_91542197 Copyright sheff, 2013 Mit Genehmigung von Shutterstock.comMit Maßbändern misst man streng genommen nicht das Gewicht, sondern den Umfang bzw. den Fettanteil einer Körperpartie. Wenn die erreichten Messwerte reduziert werden können, kann man davon ausgehen, dass auch die Reduktionsdiät, die man evtl. macht, fruchtet. Für Fußgänger gilt als Faustregel:

    • Bei Frauen sollte der Taillenumfang 88 cm nicht überschreiten.
    • Bei Männern sollte der Taillenumfang 102 cm nicht überschreiten.

Alle Werte darüber gelten als gesundheitsgefährdend. Besser wäre es noch den genannten Höchstwert um 6-8 cm zu unterschreiten (bm3d, 2015). Diese Ansätze lassen sich nicht ohne weiteres auf querschnittgelähmte Rollstuhlfahrer übertragen. Je nach Lähmungshöhe, ist die Muskelmasse der Taillenregion betroffen, wodurch die Organe nach außen drücken, was den Umfang erhöht, ohne dass Übergewicht vorliegen muss. Einen ähnlichen Effekt können u. U. Blähungen haben.

Messen sollte man als Querschnittgelähmter stets an Körperteilen, die nicht von einem Funktionsausfall betroffen sind. Maßbänder gibt es in z. B. Kurzwarenabteilungen ab ca. 1,50 Euro.

  • Abenteuerliche Konstruktionen selber bauen*

Einige Menschen sind ja von dem Gedanken beseelt „Was nicht passt, wird passend gemacht.“. Wenn man als Rollstuhlfahrer nicht auf eine normale Badezimmerwaage passt, dann doch wohl auf zwei. Oder, wenn es mit dem Balancieren auf zwei kleinen Quadraten nicht so gut klappt, auf zwei Waagen, über die ein Brett gelegt ist. Das mag noch die günstigste Variante von allen sein, das Gewicht, das so ermittelt wird, ist aber nicht sehr aussagekräftig. Handelsübliche Personenwaagen sind nicht genau genug gewichtet und modellabhängig unterschiedlich geeicht, um bei einer zweiseitigen Belastung ein Gewicht anzuzeigen, das mehr als ein Annäherungswert ist. Gerade wenn man versucht sein Gewichts zu reduzieren, kann diese Ungenauigkeit zu Frustration führen.

Schaukeln in Kombination mit Hänge- bzw. Federwaagen stellen eine weitere abenteuerliche Konstruktion dar, die sicherere Messwerte liefert, dafür aber aufwendiger zu installieren ist. Hierzu bringt man die Hänge- bzw. Federwaage an einer geeigneten stabilen Decke an und hakt die Endringe einer handelsüblichen Schaukel ein. Aus Sicherheitsgründen sollten diese beiden Schritte sowie die Höheneinstellung der Schaukel unbedingt von einer Fachperson vorgenommen werden. Da man auf das Schaukelbrett transferieren muss, ist diese Variante nicht für alle Lähmungshöhen und Fitnessgrade geeignet und auch das Ablesen der Messwerte ist aus der sitzenden Position nicht möglich.

Hängewaagen gibt es von verschiedenen Herstellern ab ca. 120 Euro; Schaukelbretter ab ca. 15 Euro im z. B. Baumarkt. Hinzu kommen die Installierungskosten durch einen Profi.

 

Alle Angaben und Preise Stand Jan. 2018.

*Umsetzung erfolgt auf eigene Gefahr.

Fragen & Kommentare

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  1. Anna 17.01.2019, 00:56 Uhr

    Hallo,Da wir auch grade dasselbe Problem in der Familie haben,sind wir auch auf der suche… Und sind im NET auf diesen Artikel gestoßen: http://waagen-online-kaufen.de/waagenarten/rollstuhlwaage/ Dort wird geschrieben das man eine Rollstuhlwaage auch auf Rezept bekommen kann hat damit jemand Erfahrung? Und wie man so ein Rezept bekommt?
    Weil die relativ teuer sind in der Anschaffung.
    Lg und alles gute wünscht Anna

  2. Daniela Aberle 29.09.2017, 11:47 Uhr

    Was haltet ihr von einer Funkwaage? Ich bin Rollstuhlfahrerin und nutze diese schon seit Jahren.
    Das Display ist abnehmbar und von jedem Ort ablesbar an den man es legt.
    ERST MUSS SICH DIE Person ohne Rollstuhl wiegen. Dann nimmt diese Person den Rollstuhlfahrer auf den Arm und stellt sich gemeinsam mit ihm auf die Waage. Von dort wird das Gesamtgewicht abgelesen, da das Display ja überall hinzulegen und hinzuhängen geht. Dann Rollifahrer wieder in den Rollstuhl setzen, das Gesamtgewicht vom Gewicht des Fußgängers abziehen und schwups hat man als Rollstuhlfahrer sein Eigengewicht! :o)

    Viel Erfolg!