Gelesen: Ich habe keine Zeit für Tränen

Harald Franger hat eine Querschnittlähmung, seit ein Auto ihn beim Spazierengehen erfasste. Sein Buch „Ich habe keine Zeit für Tränen“ erzählt vor allem von der Zeit direkt nach dem Unfall.

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An einem Schönwettertag im Sommer 2003 will Harald Franger eigentlich nur mit dem Terrier seiner Schwiegermutter Gassi gehen, als ihn ein Wagen so erfasst, dass er seine Beine nicht mehr bewegen kann.

Nach zwei Operationen und der Verlegung in eine Wiener Spezialklinik erlangt er das Bewusstsein zunächst nur bruchstückhaft zurück. Da er nicht sprechen kann, versucht er sich seiner Frau über Gestik verständlich zu machen, hat aber zugleich Mühe, ihre Worte zu verarbeiten.

Der Einfluss von Medikamenten und künstlichem Tiefschlaf und der Schock über das Geschehene vermischen sich zu einem Rausch der Gefühle. Verzweiflung, Verwirrung und Hoffnungslosigkeit kommen darin vor, aber auch Trotz, Entschlossenheit und Lebenswillen:

Keine Zeit für Tränen, meine Kinder. Ich muss aus diesem Labyrinth des Bizarren, Unwirklichen herausfinden. Ich weiß nicht, wo ich bin, wohin ich gehen werde. Skurrile Bilder jagen durch mein Hirn, beherrschen mein Denken und Fühlen, wie in einem Drogenrausch.

Zwischen Abgrund und Aufbruch

Der kleine Band, den der österreichische innsalz Verlag einseitig bedruckt hat, erzählt das Geschehene in zwei Strängen: Der innere Monolog ergänzt den scheinbar realen Blick auf die Ereignisse. Aber die Trennschärfe der beiden Perspektiven verschwimmt.

Während sich der innere Monolog lichtet und die Gedanken streckenweise klarer werden, bleibt der zweite Erzählstrang durchzogen von Elementen, die mehr seiner Fantasie zu entspringen scheinen als einer realen Wahrnehmung. Da sind die lästernden Schwestern, die den Besuch verhöhnen und nicht zu ihm lassen wollen, bis hin zum vermeintlichen Boykott des gesamten Betreuungspersonals, sogar einzelne Personen mögen Konstrukte seiner Einbildungskraft gewesen sein. Oder auch nicht. Probleme der Alltagsbewältigung und nüchterne Herausforderungen, wie etwa Blasen- und Darmfunktionsstörungen, Kreislaufprobleme, Druckstellen, kommen in seiner Welt nicht vor; sie scheint beherrscht von Verschwörungsfantasien und wahnhaften Ängsten.

Dennoch erlebt er im Klinikumfeld auch, dass es andere schlimmer getroffen hat als ihn. „Mein Querschnitt ist so, dass ich damit leben kann – das aber wird die Zukunft erst zeigen“.

Eineinhalb Jahre vergehen, bis er in seinen Alltag als Pädagoge zurückkehrt, durchzogen von Depressionen und Zweifeln. Mal fühlt er sich bereits tot, dann wieder mittendrin im Leben. Und das ist vielleicht auch seine stärkste Aussage: dass das Leben sich so leicht nicht unterkriegen lässt. Heute schreibt Harald Franger Kurzgeschichten, Gedichte und Theaterstücke, er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter.

cover_ich habe keine Zeit U1-neuHarald Franger: Ich habe keine Zeit für Tränen

Innsalz Verlags GmbH, Ranshofen/Österreich

ISBN: 978-3-902981-70-7

1. Auflage, Oktober 2015

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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