Wie Peer Beratung Menschen mit Querschnittlähmung helfen kann

Mit dem Eintritt einer Querschnittlähmung ändert sich das Leben von Betroffen schlagartig und eine Zeit voller Zweifel und evtl. auch Selbstzweifel beginnt. Der Austausch mit anderen, die eine ähnliche Situation durchgemacht und gemeistert haben, kann eine enorme Hilfe für Menschen mit Rückenmarksverletzungen sein.

Peer Beratung mit der FGQ

Bei einer Peer Beratung kommen Menschen mit Querschnittlähmung zusammen, um sich gegenseitig zu unterstützen. Basis ist die Idee, dass Menschen, die sich in einer bestimmten Situation befinden, eher Hilfe von anderen Menschen annehmen, die sich in einer vergleichbaren Situation befinden (oder befunden haben) wie sie selbst.

Diese Annahme macht Sinn: „Es fällt leichter, über seine Probleme zu sprechen, wenn man von Gleichgesinnten umgeben ist. Bei der Peer-Beratung leiten positive Vorbilder die Diskussion. Diese Vorbilder helfen Neuankömmlingen dabei, ihre eigenen Schwierigkeiten zu überwinden.“

Peer Beratung mit der FGQ

Seit 2015 gibt es in Deutschland ein durch die Fördergemeinschaft Querschnittgelähmter (FGQ) initiiertes Programm, das dem beratenden Peer eine Brückenfunktion zwischen dem Klinikaufenthalt des Frischverletzten und dem Alltag zu Hause zuspricht. In den Querschnittzentren in Deutschland sind meist mehrere Peers ehrenamtlich tätig.

Ideale Peer Berater sind Menschen mit Querschnittlähmung, die ein erfülltes, glückliches Leben führen und ihre Erfahrungen an Frischverletzte vermitteln können. Nach einer entsprechenden Schulung durch die FGQ kann der Peer Berater Ansprechpartner für Frischverletzte in der jeweiligen Klinik (Querschnittzentren in Deutschland) in seiner Wohnortnähe sein. Auf Wunsch nimmt er Kontakt zu einem neuen Patienten auf. Er fungiert als Ansprechpartner bei den sich offenbarenden Hindernissen, als Impulsgeber zur Neuorientierung und als Wegweiser für Zukunftsperspektiven.

Peer Beratung – Begriffserklärung


Peer bedeutet auf Deutsch gleichartig oder auch gleichranging. Peers sind Mitglieder derselben Anspruchsgruppe, sei es eine Alters- oder Interessengruppe, die sich gegenseitig unterstützen und beeinflussen. Auch Menschen, die ähnliche körperliche Einschränkungen haben, können Peers sein.

Zudem soll der Berater Kontakte herstellen zu weiteren Betroffenen, optimaler Weise mit ähnlichen Interessen, wodurch der Patient unterstützt werden soll, sein eigenes, persönliches Netzwerk aufzubauen, so dass die Unterstützung des Peer Berater nach einiger Zeit nicht mehr benötigt wird. Denn, so legt die FGQ in ihrem Konzept fest, ein Dauerzustand soll die Beratung und der Beistand durch den Peer Berater nicht sein

Mitinitiator des Konzepts, Manfred Sauer, gibt außerdem folgendes zu bedenken: „Der Peer muss seine Grenzen kennen. Er muss wissen, wie weit er in seiner Beratung gehen darf (…)“. Und „Er muss auf die Gratwanderung zwischen Empathie und Distanz als Selbstschutz vorbereitet werden.“ Als Vorbereitung auf die Tätigkeit als Peer Berater wird es daher regelmäßig entsprechende Schulungen geben.

Die Peer Berater der FGQ stellen sich hier vor: Peer Counselling – FGQ

Angehörige als Peer Berater

Maria-Cristina Hallwachs ist Peer Beraterin und Peer Koordinatorin bei der FGQ. Ihre Aufgabe ist es nicht nur Menschen mit Querschnittlähmung beizustehen, die nach dem Eintritt einer Rückenmarksverletzung ihre Hilfe suchen, sondern auch die Kontakte zwischen Klinik-Patienten und Peers herzustellen und das Projekt in seiner Gesamtheit voranzubringen. Das Team hat gute Ideen: „Wir halten es für sinnvoll unser Angebot zu erweitern, sodass auch Familienmitglieder Ansprechpartner finden. Angehörige von Menschen mit Querschnittlähmung werden nach diesem Konzept für Angehörige von Frischverletzten da sein. Ihnen in der belastenden Situation zur Seite stehen und bestenfalls Hoffnung auf die Zukunft geben.“

Maria-Cristina Hallwachs berät u.a. Menschen mit Beatmung. 

Erfahrungen mit der Peer Beratung der FGQ

„Ein selbstbestimmtes Leben ist möglich.“

Tetraplegikerin Maria-Cristina Hallwachs erzählt: „Als sie zwölf Jahre alt war, lernte ich ein Mädchen kennen, dass von Geburt an querschnittgelähmt ist und beatmet wird. Sie kannte das nie anders und hatte das Gefühl, sie sei der einzige Mensch auf der Welt, dem das so geht. Jetzt ist sie eine junge Frau, Anfang 20, und hat durch den Kontakt zu mir gesehen, dass auch ein Leben außerhalb von Kliniken möglich ist, dass sie eigene Entscheidungen für Ihr Leben treffen kann – und dass das nicht immer ganz einfach ist. Natürlich kann man sich zurücklehnen und andere den Alltag für einen planen lassen. Das ist bequem. Man gibt aber auch jede Eigenverantwortung ab, die man als Erwachsener nun mal zu tragen hat, so wie jeder andere auch. Wir telefonieren zweimal im Monat und die Perspektiven, die ich ihr habe aufzeigen können, haben ihr, glaube ich, sehr geholfen zu erkennen, das ein selbstbestimmtes Leben durchaus möglich ist.“

Vorbilder, die Eindruck machen

Im Beitrag „Handbiken – Die neue Mobilität“ erzählt Paraplegiker Frank Hüttenberger über seine Erfahrungen mit der Beratung. Nach seinem Unfall stand er der neuen Situation zunächst völlig perspektivlos gegenüber. Teil seiner Rehabilitation war das Ausprobieren verschiedener Sportarten, doch keine war das richtige für ihn. Bis ihn ein Peer Berater, der ihn in der Klinik besuchte, zum Handbiken brachte, indem er als beeindruckendes Beispiel voranging. Hüttenberger sagt: „Er kam nach meinem Unfall zu mir ins Krankenhaus und machte so einen topfitten Eindruck. Er war sofort ein Vorbild für mich. Ich dachte: ‚Schau mal was der alles so kann. Und erreicht hat. Wie fit er ist, obwohl er im Rollstuhl sitzt.‘ Und: ‚Wenn er das kann, dann ich ja wohl auch.‘ Er hat mir erzählt was er sportlich so alles macht und hat mir gleich Lust darauf gemacht. Ich glaube, er fährt jeden Tag 35 Kilometer mit dem Handbike. Das ist sehr inspirierend.“ Frank Hüttenberger ist heute selbst begeisterter Handbiker – und Peer Berater bei der FGQ.

Vom richtigen Zeitpunkt

Allerdings gibt es keine allgemeingültige Antwort auf die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt. Wann möchte ein Mensch mit frisch eingetretener Querschnittlähmung von den Möglichkeiten hören, die sich ihm jetzt bieten? Für Hüttenberger war eine frühe Ansprache die richtige. Für Paraplegiker Reinhold Sampl war es dies nicht. Er sagt: „In der zweiten Woche nach dem Unfall kam ein Peer an mein Bett und wollte mir erzählen, was für tolle Rollstuhlsportarten es gibt. Für mich war das nichts, ich dachte nur: Spinnt der? Mir hat die Motivation gefehlt. Behindertensport hat sich für mich angehört wie das Herumrutschen auf einem Idiotenhügel.“ Trotzdem war die Information für Sample sehr wichtig und später entdeckte er den Parasport für sich (siehe: Reini Sampl: Mit Querschnittlähmung im Rallye-Cockpit). Für den Peer Berater ist es daher von großer Wichtigkeit einfühlsam und mit variabler Vorgehensweise auf den Frischverletzten zuzugehen. Wer heute Hilfe nicht annehmen möchte, nimmt sie evtl. vier Wochen später dankbar entgegen.

Für weitere Informationen und Kontakte siehe: www.fgq.de