Der deutsche Grand Slam-Sieg und das Rollstuhltennis

Angelique Kerber hat die Australien Open gewonnen und ist jetzt auf Platz zwei der Tennis-Weltrangliste. Zuletzt hatte Steffi Graf 1999 für einen deutschen Erfolg bei einem Grand Slam-Turnier gesorgt. Kann der Sieg auch eine neue Leidenschaft im Rollstuhltennis entfachen?

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„Rollstuhltennis war vor 20 Jahren noch deutlich verbreiteter“, sagte Christoph Müller, der Bundestrainer Rollstuhltennis, kürzlich dem Magazin „Sport + Mobilität mit Rollstuhl“ (Stahlschmidt, 2016). – 20 Jahre ist es her, dass Boris Becker den letzten deutschen Grand Slam-Titel der Herren holte; drei Jahre später gewann Steffi Graf in Australien. Danach gingen die Pokale und Weltrangspitzenplätze an Vertreter anderer Nationen. Bis Kerber im Januar 2016 den Matchball gegen Serena Williams im Melbourne Park verwandelte und damit möglicherweise einen neuen Tennisboom angestoßen hat.

Bestandsaufnahme

Die Frauen unter den deutschen Rollstuhltennis-Profis haben aktuell mitunter gute Startpositionen im internationalen Ranking. Sabine Ellerbrock ist die Nummer fünf der Welt; Katharina Krüger derzeit die zwölf. Sie kämpfen insbesondere gegen starke Niederländerinnen oder Spielerinnen aus Großbritannien und Japan. Steffen Sommerfeld belegt aktuell mit Platz 32 der Rollstuhltennis-Rangliste den besten Platz der deutschen Herren. Er ist der einzige deutsche Vertreter in den Top 50 und gehört mit Sven Hiller und Toni Dittmar zum deutschen Rollstuhltennis Nationalteam. Ergänzt wird dieses von Katharina Krüger, Sabine Ellerbrock und Bianca Osterer.

Spieler, die ihre Arme nur eingeschränkt bewegen können, treten in einem eigenen Wettbewerb gegeneinander an. Im sogenannten „Quad“, dessen Single-Weltrangliste nicht nach Geschlechtern getrennt ist, liegt Maximilian Laudan derzeit auf Rang 48.

Die Regeln

Jährlich finden weltweit rund 170 Turniere für Damen, Herren und Junioren statt. Die International Tennis Federation (ITF) in London ist der Dachverband für den Tennis- und Rollstuhlsport. Die Regeln im Rollstuhltennis entsprechen den offiziellen ITF-Tennisregeln mit der Ausnahme, dass der Ball zweimal aufspringen darf. Der erste Aufsprung muss innerhalb der jeweiligen Feldbegrenzung erfolgen.

In der Quad-Klasse spielen Aktive, bei denen mindestens drei Extremitäten motorisch eingeschränkt sind. Der Schläger wird fest an der Hand bzw. dem Unterarm befestigt. (Siehe auch: Rollstuhltennis)

Den Blick auf Rio gerichtet

Die Top 15-Spielerinnen und Spieler aller Ranglisten werden vom Verband für die Paralympics 2016 in Rio gesetzt. Voraussichtlich werden Sabine Ellerbrock und Katharina Krüger dort auch das Doppel gemeinsam bestreiten. Christoph Müller wünscht sich nicht nur im Hinblick auf Rio eine bessere Zusammenarbeit mit der deutschen Presse in Sachen Rollstuhltennis: „Rollitennis muss in die Köpfe der Menschen und Verantwortlichen sowie mehr in die Öffentlichkeit“ (Stahlschmidt, 2016).

Doch man müsse auch generell neue Zugänge zum Rollstuhltennis finden. Eine zukunftsorientierte Perspektive für den Leistungssport sieht Müller nur über den Breitensport.

Körperlich fit und mental im Wettkampfmodus

Katharina Krüger, die wegen einer Spina bifida Rollstuhlfahrerin ist, sagt, sie habe schon mit drei Jahren Rollstuhltennis spielen wollen. Ihre Eltern spielten beide Tennis und so stieg sie mit sieben Jahren bei den „Zehlendorfer Wespen 1911 e.V.“ ein, dem einzigen Berliner Sportclub, der Rollstuhltennis anbietet.

Heute sei ihr Ziel, unter die Top 7 zu kommen, denn nur so könne sie sie sich für ein Grand Slam-Turnier qualifizieren. Dafür trainiert sie nicht zuletzt an ihrer mentalen Stärke, um unter Druck im Wettkampfmodus zu bleiben: „Trainingsweltmeister ist man immer – doch man muss auch im Turnier auf den Punkt fit sein, vor allem mental“ (Stahlschmidt, 2016).

Nachwuchs aktiv akquirieren

Christoph Müller führt es u. a. auf die Kostenfrage zurück, dass der Sportart der Nachwuchs fehlt. Mit einem regulären Grand Slam-Sieg und mehr Aufmerksamkeit für Tennis an sich dürfte die Sache für ihn also nicht allein ins Rollen kommen. Er setzt auf neue Schwerpunkte der Sportförderung und veränderte Verbandsstrukturen.

Im Februar 2016 soll ein Treffen der Veranstalter für eine bessere Vernetzung sorgen. Eine einheitliche Turnierplanung, verbesserte Trainerausbildung und Fortbildungsangebote stehen bei Müller weit oben auf der Wunschliste. Zugleich sei die Suche nach Spielerinnen und Spielern an Schulen und in Kliniken sowie in kommunalen Institutionen ein möglicher Schritt, um Zugänge zum Rollstuhltennis zu schaffen.

Weitere Informationen

www.drs.org

http://www.itftennis.com/wheelchair/home.aspx

 

 

 

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