Biorobotik: Verbesserter Vorderwurzelstimulator zur Blasenentleerung

Der Vorderwurzel- oder Brindley-Stimulator ist eine der Methoden, die zum Blasenmanagement bei neurogener Blasenfunktionsstörung bei Querschnittlähmung eingesetzt werden. Daran die Nachteile der Methode auszuschalten, arbeitet ein Team der Cambridge Universität.

Bild 105463919 Copyright blamb, 2013. Mit Genehmigung von Shutterstock.com

Es gibt viele Herausforderungen, denen sich Querschnittgelähmte gegenübersehen – und der Verlust der Gehfähigkeit ist häufig das kleinste Problem. Eine Versuchsreihe in Cambridge soll eines der Probleme lösen, dass von den meisten Betroffenen als die größte Belastung empfunden wird: Das Blasenmanagement.

“In vielerlei Hinsicht ist Querschnittlähmung eine Männerkrankheit”, sagt Prof. James Fawcett von der Cambridge Universität in England, denn laut Statistiken sind ca. 70% der jährlich Neubetroffenen Männer, die meisten von ihnen sind jünger als 25 Jahre. Daher ist es wenig überraschend, dass, wenn man Tetraplegiker danach fragte, welche Funktion sie am meisten zurückwünschen, die meistgenannte Antwort nach „Hand- und Armfunktion“ die Sexualfunktion ist. Am drittwichtigsten ist für Betroffene das Wiedererlangen oder eine Verbesserung der Ausscheidungsfunktionen von Blase und Darm. „Ganz unten auf der Liste steht“, so Fawcett, „das Wiedererlangen der Gehfähigkeit, denn Rollstühle funktionieren ziemlich gut und Patienten gewöhnen sich schnell daran mit ihnen mobil zu sein.“

Ein angenehmes, unkompliziertes Blasenmanagement ist da schon eine größere Herausforderung. Derzeit ist die gängigste Behandlungsform bei spastischer Blasenlähmung (siehe: Blasenfunktion bei Querschnittlähmung) das Katheterisieren mit Einmalkathetern. Hierbei ist jedoch immer die Gefahr von Infektionen und Verletzungen an der Harnröhre gegeben.

Das ist alt: Vorderwurzelstimulator (SARS) nach Giles Brindley

Um hier eine Alternative zu schaffen, forscht das Team um Fawcett an einer Methode, die auf dem von Prof. Giles Brindley entwickelten Vorderwurzelstimulator (auch: Brindley-Stimulator) beruht. Hierbei wird über ein Implantat und einen externen Stimulator die Entleerung der Blase kontrolliert (siehe Neurogene Blasenfunktionsstörung: Operative Verfahren). Dieses Verfahren wurde schon bei vielen, vor allem hochgradig gelähmten Patienten eingesetzt, doch bringt es gewisse Nachteile mit sich. Beim Einbringen des Implantats ist es notwendig die sensorischen Nerven bei S2 und S5 zu durchtrennen, was eine Schwächung der Beckenmuskulatur mit sich bringt – und eine Verschlechterung der ohnehin von der Querschnittlähmung beeinflussten Sexualfunktion (siehe: Sexualität bei Querschnittlähmung). Dies allerdings ist, wie oben erwähnt, ein Problem, denn obwohl Viagra bei den meisten Patienten wenigstens eine Erektion auslösen kann (siehe: Erektionsstörungen bei Querschnittlähmung), ist es nicht im Sinne der Patienten, die Fähigkeit sexuelle Erregung zu empfinden, weiter zu verschlechtern.

Das ist neu: Die biorobotische Vorderwurzelstimulation

An dieser Stelle setzen Fawcett und Kollegen an: Das Team entwickelt derzeit eine biorobotische Version des Vorderwurzelstimulators, die die Signale der sensorischen Nerven im Becken empfangen und interpretieren kann. Dadurch wäre es überflüssig sie zu durchtrennen. Die Signale der weiterhin intakten Nerven würden ausreichen, um die Blase daran zu hindern sich unkontrolliert zu entleeren, während die implantierten Sensoren dem Betroffenen mitteilen, wann die Blase voll ist. Dann könnte eine Entleerung wie gewohnt durch einen Impuls von außen erfolgen.

Eine frühere Version dieses biorobotischen Vorderwurzelstimulators wird derzeit sehr erfolgreich bei Hunden eingesetzt. Wann die Methode soweit sein wird, dass sie am Menschen durchgeführt werden kann, ist noch offen.

Weitere Informationen

Einen weiteren Ansatz zur Verbesserung des Blasenmanagement verfolgt das Projekt: Connected Catheter (siehe: Per SMS zur Blasenentleerung), das 2015 für Schlagzeilen sorgte; über die in Aussicht gestellte baldige Markteinführung liegen derzeit keine Informationen vor.

Fragen & Kommentare

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  1. griesi79 03.12.2017, 16:40 Uhr

    Sehr geehrtes Sauer Team
    Ich habe seit 2010 einen kompletten Querschnitt TH 10 mit spastischer Blase und alle vier Stunden Kathetern zusätzlich habe ich einen Spastischen rektalen Schließmuskel. Die Blasenspastik wird mittels Botox Injektion ruhig gestellt da die herkömmlichen Medikamente keine ausreichende Wirkung zeigen und die Nebenwirkungen gravierend sind. Jetzt wurde mir Seitens der Unfallklinik Murnau nahe gelegt ein Brindley einsetzen zu lassen, hier habe ich jetzt von dieser Studie gelesen gibt es in absehbarer Zeit die Chongs das dieses System zum Einsatz kommt?
    Recht herzlichen Dank für ihre Aufmerksamkeit

    • Tanja Konrad 05.12.2017, 10:59 Uhr

      Guten Tag Herr Griesbaum,

      leider wird die beschriebene Methode in absehbarer Zeit nicht für Menschen angewendet werden können. Vom Tierversuchsstadium bis zur sicheren Anwendung beim Menschen vergehen mehrere Jahre, in denen die Methode auf Sicherheit und Risiken überprüft werden muss.

      Viele Grüße

      Die Redaktion

    • Erhard Strobel 22.10.2018, 16:45 Uhr

      Hallo Herr Griesbaum,
      haben Sie in der Zwischenzeit einen Brindley einsetzen lassen?
      Können Sie mir Ihre bisherigen Erfahrungen mitteilen?
      Ich bin für jede Info zum Brindley dankbar.
      Herzliche Grüße
      snailmail@linguaware.de