Kostenregelungen für den Arztbesuch im (EU-)Ausland – im Notfall oder bei geplanter Behandlung

Querschnittgelähmte Menschen haben häufig ganz spezielle Anfälligkeiten – Harnwegsinfekt lässt grüßen! – im Urlaubsgepäck. Ohnehin kann man immer einen Unfall haben oder erkranken. Für den Fall der Fälle sollte man die wichtigsten Regelungen für den Arzt- oder Klinikbesuch im Ausland kennen; auch für geplante Behandlungen.

Krank im Urlaub? Nie schön. Aber die passende Vorbereitung kann zumindest die finanziellen Nebenwirkungen klein halten.

1. Unerwartete Erkrankungen im Europa-Urlaub

Eine gewisse Grundsicherheit bietet die Europäische Krankenversicherungskarte EHIC (European Heath Ensurance Card). Wer in Deutschland gesetzlich versichert ist, dürfte sie ohnehin besitzen: Sie ist in die Krankenkassenkarte integriert – erkennbar meist am EU-Emblem auf der Rückseite. Die EHIC gilt in der gesamten EU, im Europäischen Wirtschaftsraum (EU plus Island, Liechtenstein und Norwegen), in der Schweiz und sogar in Großbritannien. Auch über diese Grenzen hinaus bietet die Karte in manchen Ländern (z.B. Ungarn oder Serbien) einen gewissen Grundschutz, sofern entsprechende bilaterale Sozialversicherungsabkommen existieren. Deren Inhalt kann je nach Land variieren.

Privatversicherte


Die hier vorgestellten Regelungen betreffen Mitglieder gesetzlicher Krankenkassen. Für privat Versicherte gilt aufgrund des Variantenreichtums der Policen: Kleingedrucktes genau lesen und sich vorab beim jeweiligen Versicherer informieren.

Eine sehr hilfreiche Übersicht zu diesem Thema bietet die Deutsche Verbindungsstelle Krankenversicherung – Ausland (DVKA) des GKV-Spitzenverbands. Auf Touristen – GKV-Spitzenverband, DVKA finden sich für viele beliebte Urlaubsländer detaillierte Merkblätter.

Aber es gibt ein großes „Aber“: Auch in Ländern, in denen die deutsche/europäische Krankenkassenkarte gilt, läuft bei einem Unfall oder einer Erkrankung nicht alles wie daheim. Der wohl wichtigste Unterschied: Es gelten die Regeln des Gastlandes.

Die europäische Kommission betont: Die EHIC „garantiert keine kostenlose Behandlung. Die Gesundheitssysteme der einzelnen Länder sind unterschiedlich. So ist es möglich, dass Leistungen, für die Sie im Inland nichts bezahlen müssen, in anderen Ländern kostenpflichtig sind.“ Sprich: Selbstbehalte und Zuzahlungen, die im Ausland üblich sind, müssen aus der eigenen Tasche bezahlt werden. Die Nationale Kontaktstelle für die grenzüberschreitende Gesundheitsversorgung hat zu diesem Thema eine Liste der bestehenden Nationalen Kontaktstellen zusammengestellt, die Betroffene im Bedarfsfalle kontaktieren können. Dort erfahren sie u.a., an welchen Gesundheitsdienstleister sie sich wenden können und ob dieser überhaupt berechtigt ist, mit deutschen gesetzlichen Krankenkassen direkt abzurechnen oder ausschließlich auf privater Abrechnungsbasis tätig ist.

Keine Reiseversicherung


Die EHIC ersetzt keine Reiseversicherung. Dazu die europäische Kommission: „Inbegriffen sind weder Leistungen der privaten Gesundheitsversorgung noch andere Kosten, die Ihnen entstehen könnten (z. B. Rückflug in Ihr Heimatland, Wiedererwerb verlorenen oder gestohlenen Eigentums).“

2. Europa-Urlaub mit chronischen Erkrankungen

Mit dem Besitz der EHIC ist auch die Behandlung von chronischen Krankheiten, wie Dialyse oder Sauerstofftherapie, abgedeckt. Gemeint sind hier medizinische Leistungen (inklusive Medikamenten), die Betroffene während eines vorübergehenden Aufenthaltes im Ausland benötigen. Wichtig auch hier: Die Behandlung kann aus faktischen oder medizinischen Gründen nicht auf einen Zeitraum vor oder nach dem Aufenthalt verschoben werden kann.

3. Geplante Behandlung im europäischen Ausland

Gründe für eine geplante Behandlung im nahen Ausland gibt es viele: Der Arzt des Vertrauens ist plötzlich nach Mallorca ausgewandert, die zu erwartende Zuzahlung ist im Ausland deutlich niedriger, in der Schweiz praktiziert ein Neurochirurg mit exzellentem Ruf, die Tochter lebt und arbeitet in Italien und könnte einen nach der OP versorgen … einfach hin und behandeln lassen ist für Kassenpatienten allerdings nicht angeraten, denn das EU-Recht sieht in diesem Fall andere Rechtsansprüche und Verfahrensweisen als bei einer ungeplanten Behandlung vor.

Kombination Urlaub/Behandlung


Eine Behandlung gilt auch dann als geplant, wenn sie während eines Urlaubsaufenthaltes stattfindet, aber problemlos schon vor oder erst nach der Reise hätte durchgeführt werden können.

Stark vereinfacht gesagt: Auf jeden Fall immer rechtzeitig vor Reiseantritt mit der eigenen Krankenkasse sprechen!

Kassenpatienten haben zwei Möglichkeiten:

  • Variante 1: Geplante Behandlung als Kassenpatient (muss von der Kasse genehmigt werden).

In diesem Fall muss die Krankenkasse die Behandlung vorab genehmigen und ein entsprechendes Formular (Europäische Vordruckmuster E112 oder S2) ausstellen. Mit diesen Unterlagen weisen gesetzlich Versicherte im Behandlungsstaat nach, dass sie wie jemand behandelt werden wollen, der dort (!) gesetzlich krankenversichert ist und die heimische Krankenkasse die Kosten übernimmt. Einer der Vorteile: Da das Recht des Gastgeberlandes gilt, können mitunter Leistungen in Anspruch genommen werden, die in Deutschland nicht von der gesetzlichen Krankenkasse übernommen werden würden. Einige Nachteile: Da das Recht des Gastgeberlandes gilt, wird dieses auch bei Behandlungsfehlern angewandt. Behandlungen dürfen nur von Ärzten, Zahnärzten oder Krankenhäusern durchgeführt werden, die einen Vertrag mit der dortigen gesetzlichen Krankenversicherung haben (Vorsicht als bei Tipps vom Kellner oder Hotelpersonal. Das kann teuer werden). Außerdem werden von der deutschen Krankenkasse nur die Kosten übernommen, die im Gastland zum Leistungskatalog gehören.

  • Variante 2: Geplante Behandlung wie ein Privatpatient (muss in Ausnahmefällen von der Kasse genehmigt werden, weshalb auch hier immer eine Vorab-Klärung erfolgen sollte).

Einige Vorteile: Was die Kassen in Deutschland übernehmen würden, übernehmen sie auch im Ausland – auch Leistungen, die im Gastgeberland nicht zum Leistungskatalog gehören. Zudem können auch Sie können auch private Gesundheitsdienstleister aufgesucht werden. Einige Nachteile: Die Kosten können höher sein als der Erstattungsanspruch. Und zunächst muss alles aus eigener Tasche finanziert werden.

Tipp: Die Nationale Kontaktstelle für die grenzüberschreitende Gesundheitsversorgung hat diese und weitere wichtige Pro und Contras der beiden Varianten sehr detailliert und übersichtlich gegenübergestellt: Vor- und Nachteile der Kostenerstattungsmöglichkeiten bei einer geplanten Behandlung wie eine gesetzlich -oder privat krankenversicherte Person im EU-Ausland. Zudem stellt sie jeweils zu beiden Varianten Checklisten zur Verfügung: Checklisten für die ambulante Behandlung sowie Checkliste für die stationäre Behandlung.

Außerhalb Europas

Bei einem Urlaub außerhalb des oben genannten eruopäischen Raumes werden die Behandlungskosten nicht von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet. Die Verbraucherzentrale rät daher gerade für solche Reisen zu einer zusätzlichen Auslandsreisekrankenversicherung, die auch den Anteil, den die gesetzliche Kasse nicht erstattet, sowie Kosten für einen Rücktransport übernimmt.

Wichtige Ausnahme, die für Menschen mit Querschnittlähmung besonders interessant sein könnte: Wer z.B. aufgrund einer Vorerkrankung von privaten Reiseversicherungsanbietern abgelehnt wird, sollte laut Verbraucherzentrale einige Anbieter anfragen, die Ablehnungen sammeln und sich mit seiner gesetzlichen Krankenkasse „noch vor der Reise“ in Verbindung setzen: „Die Krankenkasse kommt dann in diesen Fällen auch für die Auslandsbehandlung auf.“

Und sonst?


Neben der passenden Versicherung sollten Menschen mit Querschnittlähmung auch ein Köfferchen oder je nachdem einen Koffer mit den Hilfsmitteln und Medikamenten packen, auf die sie angewiesen sind. Mehr dazu im Beitrag Reiseapotheke bei Querschnittlähmung. Ein bisschen Vorbereitung kann auch vor unliebsamen Komplikationen bei Grenzkontrollen schützen. So können Medikamente, Katheter, Urinbeutel und Co. z.B. bei Flughafenpersonal für Stirnrunzeln sorgen. Für ein leichteres Passieren der Sicherheitskontrollen, hat die EAUN (European Association of Urology Nurses) einen entsprechenden Vordruck entworfen, der in verschiedenen Sprachen erhältlich ist. Für mehr Informationen siehe: Flugreisen mit Katheter und Co. Und auch wer Cannabis zur Behandlung von Schmerzen oder Spastik mit sich führen muss, sollte vorbeugen und sich von seinem Arzt nicht nur ein Rezept, sondern auch die Bescheinigung ausfüllen lassen, die ihn als berechtigten Schmerzpatienten ausweist.


Dieser Text wurde mit größter Sorgfalt recherchiert und nach bestem Wissen und Gewissen geschrieben. Unter keinen Umständen ersetzt er jedoch eine rechtliche oder fachliche Prüfung des Einzelfalls durch einen Rechtsanwalt, Steuerberater oder sonstige Fachspezialisten. Der-Querschnitt.de führt keine Rechtsberatung durch.