Stehrollstühle

Stehrollstühle ermöglichen – räumlich – den Kontakt auf Augenhöhe. Das Stehen soll den Kreislauf ankurbeln und das beim Sitzen beanspruchte Gewebe entlasten. Als Hilfsmittel für ein therapeutisches Stehtraining können Stehrollstühle auch von der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) übernommen werden.

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Auf dem Markt gibt es elektrische und manuelle Rollstühle mit Aufstehfunktion. Soll der Rollstuhl lediglich das Stehen ermöglichen, tut´s theoretisch auch ein manuell betriebener Rollstuhl mit Stehfunktion. Der kann allerdings in der stehenden Position nicht angetrieben werden.

Ein elektrischer Stehrollstuhl ist aufgrund seiner Bauweise stabiler und kann je nach Modell in der aufrechten Position auch bewegt werden und unterschiedliche Anforderungen bewältigen. So können Nutzer z. B. im Haushalt an Hängeschränke o. ä. gelangen und ihre Position stehend verändern oder auch im Freien auf ebener Strecke fahren.

Vor- und Nachteile des Stehens

Aus therapeutischer Sicht werden dem Stehen viele Vorteile zugeschrieben (siehe auch: Stehtraining bei Querschnittlähmung):

Atmung:

  • Verbesserung der Atemfunktion
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Kicken mit Kick für den Kreislauf, hier im LEVO LAE (LEVO AG)

Blase und Darm:

  • Verbesserung des Urinabflusses und dadurch geringeres Infektionsrisiko
  • Verbesserung der Darmfunktion und Aktivierung der Darmperistaltik

Haut:

  • Aktivierung der Durchblutung
  • Dekubitusprohylaxe durch die Entlastung des im Liegen und Sitzen belasteten Gewebes

Immunsystem:

  • Stärkung des Immunsystems durch freien Fluss im Lymphsystem

Psychologische und psychosomatische Faktoren:

  • Verbesserung des Körpergefühls
  • Verbesserte Schlafmuster
  • Stärkung des Selbstwerts durch Begegnung auf Augenhöhe
  • Erweiterung der Wahrnehmung

Skelett und Muskulatur:

  • Osteoporoseprophylaxe (verringerter Abbau an Knochensubstanz unterhalb der Läsionshöhe)
  • Aktivierung der Durchblutung der Muskulatur
  • Stärkung der aktiven und passiven Muskulatur
  • Erhöhung der Belastbarkeit der unteren Extremitäten
  • Tonusregulation/Reduzierung von Spastik

(Spinal Cord Injury Centre Physiotherapy Lead Clinicians April, 2013 / Ratgeber Stehen, 2015)

Experten weisen aber auch darauf hin, dass die Kontrakturenprophylaxe beim Stehen im Rollstuhl nicht gegeben sei, da Hüft-, Knie- und Sprunggelenke nicht exakt in Neutralstellung übereinander eingestellt werden könnten. Für eventuelle Kontraindikationen siehe: Stehtraining bei Querschnittlähmung.

Zu beachten ist, dass die Nutzung einer Stehfunktion grundsätzlich nur unter fachkundiger Anleitung geschehen sollte. Geschulte Physiotherapeuten können bei der Auswahl eines geeigneten Stehrollstuhls beraten, diesen entsprechend anpassen und ein Stehtraining begleiten.

Rollstühle mit Stehvorrichtung im GKV-Hilfsmittelverzeichnis

Das Hilfsmittelverzeichnis der GKV führt derzeit annähernd 30 Ergebnisse zur Produktgruppe „Kranken-/Behindertenfahrzeuge“ (>“ohne speziellen Anwendungsort/Zusätze“), Untergruppe „Rollstühle mit Stehvorrichtung“, Bezeichnung: „Elektrorollstühle mit motorisch betriebener Stehvorrichtung“.  Zusätzlich werden Rollstühle mit manuell betriebenem Antrieb und manueller Stehvorrichtung gelistet, hinzu kommen Rollstühle, bei denen nur die Stehvorrichtung motorisch funktioniert, nicht aber der Antrieb des Rollstuhls. Welcher davon bei welcher Indikation geeignet ist, muss individuell unter fachkundiger Beratung entschieden werden. „Die Versorgung mit Rollstühlen mit Aufstehvorrichtung ist dann angezeigt, wenn als therapeutische Maßnahme ein regelmäßiges (mehrfach tägliches) Stehtraining durchgeführt werden muss und andere Stehhilfen, z.B. Unterarmgehstützen, Achselkrücken, Gehgestelle nicht angewandt werden können“, heißt es im GKV-Hilfsmittelverzeichnis. Das Hilfsmittel muss vom Arzt verordnet werden.

Drei Beispielmodelle

Der-Querschnitt.de stellt hier beispielhaft drei Modelle vor.

LEVO C³ – Im Stehen fahren mit Elektroantrieb

Der elektrisch angetriebene LEVO  mit Vierradantrieb überwindet in der sitzenden Position Bordsteinkanten bis zu 10 cm, Rampen bis zu 10° Steigung sowie „raues Gelände“ und kommt auch mit relativ engen Platzverhältnissen zurecht (Wendekreis: 117 cm). Er ist an die individuellen Körpermaße anpassbar; beim Aufrichten sorgt eine Automatik für den Längenausgleich an Rücken und Beinen. Gegen Aufpreis ist der LVO C³ in 190 Farben zu haben.

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  • Hersteller: LEVO AG, Wohlen/CH
  • Reichweite: ca. 25 km
  • Geschwindigkeit: 6/8/10 km/h
  • Gewicht: 185 kg
  • Hilfsmittelnummer: 18.99.03.2014
  • Preis: Basispreis 15.500 Euro (Stand: April 2016)

Weitere Informationen:

www.levo.ch

LS – Manueller Rollstuhl mit Gasfedern zum Aufstehen

Im „LS“ („LifeStand“) von Permobil kommt der Benutzer mit zwei Gasfederzylindern, also ohne Elektronik zum Stehen. Zur besseren Manövrierbarkeit lässt sich der Mittelpunkt der Hinterachse in Relation zum Rahmen verstellen.

  • Hersteller: Permobil GmbH, Timra/SW
  • Gewicht: 16 kg
  • Hilfsmittelnummer: 18.99.03.0004
  • Preis: Basispreis manuelle Bedienung 5.977 Euro (Stand: April 2016)

Weitere Informationen:

www.permobil.com/de/Germany/

Jive Up – Liegen, Sitzen, Stehen

Der Hersteller Sunrise Medical präsentiert mit dem Elektrorollstuhl Jive Up ein Modell mit fünf vordefinierten Positionen plus einer frei wählbaren Wunschposition:

  • Liegen
  • Relax-Funktion
  • Sitzen
  • Transfer-Funktion
  • Stehen
  • Wunschposition (mit „Memoryfunktion“)

Die Liege- sowie Relaxposition kann auf andere Weise als das Stehen zu einer Druckentlastung beitragen. Aus Sicherheitsgrünen werden die Vorderräder in der Steh- und Transfer-, aber auch in der Liegeposition verriegelt. Der Jive up ist mit sechs Rädern unterwegs und überwindet daher im Sitzen auch Bordsteine bis zu einer Höhe von 10 cm und unebenes Gelände. Mit einer Zusatzfunktion kann er bei Bedarf über das Kinn gesteuert werden.

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  • Hersteller: Sunrise Medical
  • Reichweite: 32 km
  • Geschwindigkeit: 6/10/13 km/h
  • Gewicht: 165 kg
  • Hilfsmittelnummer: 18.99.03.2022
  • Preis: 20.970 Euro (Stand: April 2016)

Weitere Informationen:

www.sunrisemedical.de

 

Für einen frontgesteuerten Stehrollstuhl, denTek Robotic Mobilization Device (RMD), mit dem man ohne großen Aufwand eine stehende, sitzende oder hockende Position einnehmen und auf allerengstem Raum mobil sein kann siehe: TEK RMD – Der Stehrollstuhl für den Innenraum.

 

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