Drachen- und Gleitschirmfliegen – Adrenalinkick für Rollstuhlfahrer

Drachen und Gleitschirmfliegen sind Actionsportarten, bei denen man sich z. B. von Berggipfeln aus in den Abgrund stürzt und dann bis zu 5.000 Meter über der Erde schwebt. Für manche Menschen ist das der ultimative Adrenalinkick und Rollstuhlfahrer sind davon nicht ausgeschlossen.

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Paraglider (Gleitschirme) und Hangglider (Drachen) sind Luftsportgeräte, die Hangaufwinde und Thermik nutzen, um bestimmte Höhen von bis zu 5.000 Meter und Reichweiten von mehr als 700 Kilometern erreichen zu können. Die Höhe, Kälte und Zentrifugalkräfte, denen man unter diesen Bedingungen ausgesetzt ist, stellen eine körperliche Herausforderung dar, die man nicht unterschätzen sollte. Nicht nur bei gesundheitlichen Einschränkungen muss man sich im Vorfeld darüber bewusst sein, dass der Flugsport körperlichen Belastungen mit sich bringen kann, wie der schnelle und extreme Anstieg der Stresshormone und eine enorme Anstrengung für den Kreislauf.

Inwieweit die Folge- und Begleiterscheinungen einer Querschnittlähmung dem Drachenfliegen oder Paragliding im Wege stehen können, muss individuell abgeklärt werden. So empfiehlt Rainer Bürger, Beauftragter des Deutschen Hängegleiterverbands e.V. (DHV) für Flugsport mit Behinderten, im Zweifelsfall eine Tauglichkeitsfeststellung durch Sporttherapeut und Fluglehrer. Fragen zum Thema Behinderung und Flugsport beantwortet Brügger in einem Interview auf der Website des DHVs: Fragen an Rainer Brügger (externer Link).

Tandemflüge für Rollstuhlfahrer

Am einfachsten probiert man Drachen- oder Gleitschirmfliegen als Tandemflug aus. Ein Hängegleiter kann je nach Auslegung einen zusätzlichen Passagier tragen, muss aber für das höhere Abfluggewicht zugelassen sein. Ob der Passagier querschnittgelähmt ist oder nicht, spielt dabei keine Rolle, da er neben oder über dem Piloten unter der Tragfläche bzw. dem Schirm in einem Gurtsystem hängt, das ihn gleichzeitig vom Boden hochhebt. Der Passagier macht beim Fliegen zwar die gleichen Steuerbewegungen wie der Pilot, hat beim Starten und Landen aber keine Aufgaben.

Bild_302803313 Copyright DCornelius, 2016 Mit Genehmigung von Shutterstock.com

Drachen- und Gleitschirmfliegen mit Querschnittlähmung

Drachenfliegen (auch: Hanggliding) und Gleitschirmfliegen (auch: Paragliding) sind Sportarten, die Paraplegiker durchaus erlernen und ausüben können. Voraussetzung um einen Glider selbständig, d. h. nicht nur als Passagier, fliegen zu können, ist Mobilität und Kraft in Händen und Armen und ein sicherer Umgang mit dem Fluggerät. Ggf. sind Modifikationen an der Start- und Landetechnik notwendig. Beim Fliegen mit Luftsportgeräten, die über keinen eigenen Antrieb verfügen und daher nicht wie Flugzeuge aus eigener Kraft von einer ebenen Startbahn aus starten können, kennt man dabei verschiedene Möglichkeiten, mit denen man in die Luft kommt.

Beim Drachenfliegen erfolgen Start und Landung auf einem Dreibein-Fahrwerk, das viel Bodenfreiheit gewährleistet. Gestartet wird an der Winde oder im Schlepp hinter Ultraleicht-Flugzeugen (ULs).

  • Beim Windenstart wird der Hangglider an einer Leine emporgezogen. Entweder über eine Aufrollwinde, bei der das Seil zu Beginn ganz ausgerollt ist und mit einer stationären Aufrollwinde eingeholt wird oder über eine im Heck eines fahrenden Autos befestigter Abrollwinde. Am höchsten Punkt löst sich der Pilot mit einer Schleppklinke von der Leine und fliegt frei weiter. Die Höhe, in der der Pilot ausklinkt und seinen Gleitflug beginnt, liegt bei einigen hundert Metern über dem Startplatz. Auf diese Weise kann auch im Flachland gestartet werden.
  • Beim UL-Schlepp wird der Hängegleiter an einem vergleichsweise kurzen Seil (60 bis 80 Meter) hinter einem Ultraleichtflugzeug (UL) in die Höhe gezogen. In der gewünschten Flughöhe trennt der Hängegleiter wie beim Windenstart die Verbindung zum Seil. flychair5640e3fa-19ae-107a-1b3f-0479a5101e4b

Beim Gleitschirmfliegen kommt ein Flugrollstuhl zum Einsatz, der über eine spezielle Gurtvorrichtung am Gleitschirm befestigt ist. Mit ihm wird der Pilot zu Startplatz geschoben, was theoretisch auch einen Hangstart möglich macht. Beim Hangstart läuft der Pilot mit dem Gerät einen Hang hinab (und meist über eine Startrampe) und beschleunigt, bis sich genug Wind im Gleitschirm fängt, ihn aufbläht und so den Piloten tragen und vom Boden heben kann. Weitaus üblicher sind aber auch beim Gleitschirmfliegen die oben erwähnten Versionen des Winden- und UL-Schlepp-Starts.

Die speziellen Rollstühle sind meist Eigentum und/oder Eigenanfertigungen der Flugschulen. Es gibt aber auch ein Modell „von der Stange“, den finnischen Flychair.

Flychair – Eigene Ausrüstung für Rollstuhlglider

Nach dem Motto „Wenn du nicht laufen kannst, flieg.“ Ermöglicht der finnische Flychair es Rollstuhlfahrern unabhängig von Flugschulen und Tandempartnern abzuheben, wann immer sie wollen. Der Flychair ist ein Rollstuhl, der speziell für die Bedürfnisse von Paraglidern entwickelt wurde und mit jedem Träger kompatibel ist.

Neben seinem geringen Gesamtgewicht von 12 -15 Kilogramm hat der Aluminiumstuhl noch weitere Vorteile:

  • Einfach zu verwendende Erweiterungselemente, die an jedes Gurtzeug passen.
  • Man kann ohne fremde Hilfe bis zum Startpunkt rollen, da sich der Flychair wie ein Rollstuhl antreiben lässt.
  • Alle Teile sind aus Aluminium; der Rahmen ist mit einer Eloxalschicht versehen, was das Material vor Korrosion schützt.
  • Einfaches Starten und Landen.

Kosten*: Den Flychair gibt es je nach Ausführung ab 2.800 Euro zzgl. ca. 75 Euro Versand (exkl. MwSt.).

Zu beziehen ist der Flychair derzeit ausschließlich beim finnischen Hersteller direkt. Siehe: http://www.flychair.fi/products/

*Preise: Stand April 2016

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Der Flychair.

Weitere Informationen

Wer die Actionsportarten Paragliding und Drachenfliegen erlernen möchte, kann sich an die im Beitrag Fliegen und Flugschulen für Rollstuhlfahrer beschriebenen Anbieter wenden.

Und wer von Drachen, Wind und Geschwindigkeit nicht genug kriegen kann aber gerne auf dem Boden bleibt, könnte sich für den Kitebuggy Spider Crab interessieren. Siehe: Spider Crab – Kitebuggy für Rollstuhlfahrer.

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