Gelesen: Querschnittlähmung – Schritte der Bewältigung

Wie lässt sich aus einer Querschnittlähmung mentale Kraft ziehen? Ist das überhaupt möglich? Ja, sagt der Schweizer Psychologe Peter Lude, der es selbst erlebt hat. In seinem Buch „Querschnittlähmung – Schritte der Bewältigung“ beschreibt er sehr persönliche Erfahrungen, verknüpft mit psychologischen Forschungsergebnissen.

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Peter Lude ist in zweifacher Hinsicht „vom Fach“: Er ist Fachpsychologe für Psychotherapie mit eigener Praxis und Dozent für Rehabilitationspsychologie an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Und er kennt die Folgen einer hohen Querschnittlähmung aus eigenem Erleben: Mit 20 verletzte er sich an einem italienischen Badestrand beim Sprung ins Wasser an der Halswirbelsäule. Gut 30 Jahre später hat er ein Buch darüber geschrieben, das sich an Betroffene, Angehörige und Fachpersonen richtet.

Auf der Basis wissenschaftlicher Forschungsergebnisse greift Peter Lude solche Prozesse aus seiner persönlichen Bewältigungsgeschichte heraus, die aus seiner Sicht das Potenzial haben können, insbesondere nach Schicksalsschlägen die Persönlichkeit zu stärken. Auf sie ist der Focus gerichtet, um sichtbar zu machen, welche subtilen Kräfte bei der Verarbeitung wirken und wachsen. Dabei könnten die beschriebenen Erkenntnisse, so Lude, auch auf Lebenssituationen übertragen werden, die aus anderen Gründen heraus eine tiefe Krisensituation bedeuten:

„Es ist an der Zeit, diese Prozesse wahrzunehmen, zu würdigen und zu fördern.“

Der Kopf raucht: posttraumatisches Wachstum

Peter Lude fordert dazu auf, den vorhandenen Spielraum – und sei er noch so eng – bestmöglich auszuschöpfen. Seine These: Nur wer aktiv Erfahrungen wahrnimmt, kann an ihnen wachsen.

Dabei seien insbesondere die beteiligten Fachpersonen in den Rehabilitationskliniken gefordert, ein solches Wachstum zu ermöglichen, zu begleiten und zu unterstützen, indem sie dem Patienten Erfahrungen überhaupt erst zumuteten. Es sei nötig, sich auf das Schwierige einzulassen, anstatt es z. B. durch übermäßige Schmerzmittel oder Hilfestellung zu vermeiden.

„Nur die Muskulatur, die sich verspannt, kann man zu entspannen versuchen.“

Lude spricht von Ungeduld, Leid, Ohnmacht und Schmerz, aber auch von aktiver Einflussnahme, Lernprozessen, Mut, Zielen und einem Wandel der Erlebnisqualität. Seine Leser sollen eintauchen in die subjektive Erlebniswelt eines Menschen mit Querschnittlähmung. Das „Ereignis“, Stationen der Rehabilitation – von der Intensivstation bis zum Stehtraining – und Schritte der Eingliederung in die Gesellschaft erzählen letztlich von diesem Wachstum, das im Kopf stattfindet, von der „Kraft der Psyche“, wie Lude sein Buch im Untertitel genannt hat.

„Ich hätte zuvor nie gedacht, dass allein die Lage des Kopfes die Qualität von Denken und Fühlen so deutlich zu beeinflussen vermag.“

Fachpersonal und Reha-Experten

Der Autor streift Phasenmodelle und Freud, erwähnt Studien, die die Suizidrate bei Menschen mit Querschnittlähmung erheblich erhöht sehen und solche, die das bestreiten, widmet sich der Depression und Aggression im Trauerprozess und der Sicht auf „den Behinderten“ an sich. Dabei sei eine empathische Wahrnehmung der Gedanken und Gefühle von Patienten durch Rehabilitationsexperten nicht selbstverständlich. Ihre Welt sei völlig anders als die ihrer Patienten. Und häufig bliebe es bei der Außensicht, einer Art professioneller Draufsicht. Entscheidend sei jedoch die „Innensicht“ des Patienten bzw. eine Annäherung an sie.

„Dabei gilt es zu unterscheiden, welche Reaktionen gesund und welche pathologisch sind bzw. sich so entwickeln könnten. Förderlich ist alles, was längerfristig zur Stärkung, Selbstständigkeit, Eigenständigkeit und Unabhängigkeit des Patienten in jeglicher Hinsicht führt.“

Soziales Umfeld

Ein weiterer Ansatz zur Bewältigung sei die Fähigkeit der Betroffenen zur guten Gestaltung von Beziehungen. Dementsprechend finden Angehörige als Themenfeld in wesentlichem Umfang Eingang in das Buch. Einerseits zieht der Autor dazu Aussagen seiner Mutter heran, andererseits greift er auf Erfahrungen aus seiner Praxis als Psychologe zurück. Lude versteht die Angehörigen und Freunde als Vermittler, deren Ressourcen es ebenso zu stärken gelte wie die der querschnittgelähmten Patienten.

„Je besser es den Angehörigen im Umgang mit der entstandenen Situation geht, desto besser geht es auch den Patienten. Diese Wechselwirkung wird in ihrer Bedeutung kaum erkannt.“

Dabei gehe es nicht nur um Know-how im Umgang mit der Querschnittlähmung, sondern auch um veränderte Rollen. Gespräche zu führen sei zeitintensiv, aber gerade in dieser Phase für Betroffene und Angehörige besonders wichtig.

„Gerade wenn wir aus der Bahn geworfen wurden, hören wir anders zu, stellen andere Fragen, machen uns andere Gedanken. (…) Diese Form der höheren Sensibilität und Aufmerksamkeit sollte genutzt und nicht übergangen werden. Durch das Ignorieren solch sensibler Prozesse wird auch der kreative Anteil ignoriert, der des dem Betroffenen ermöglicht, über die bisherigen, als Fußgänger gewohnten Wahrnehmungen und Denkmuster hinauszudenken.“

Schließlich fasst der Autor seine wichtigsten Erkenntnisse und Impulse in 20 Kernsätzen zusammen.

Fazit

Wer sich auf dieses Buch einlässt, kann erwarten, dass der Autor weiß, wovon er spricht. Das tut er zuweilen sehr ausführlich, insbesondere in der Erinnerung an das eigens Erlebte. Er ist nicht der Erste, der die der Trauerforschung entlehnten Phasenmodelle als überholt betrachtet. Peter Ludes Antwort darauf sind nicht neue theoretische Konstrukte, sondern der Appell zu mehr Offenheit und individueller Unterstützung, die fordert und fördert, anstatt starren Theorien zu folgen. Seine eigene Geschichte und detaillierten Erinnerungen fließen stets ein und veranschaulichen, was genau er meint, wenn er beispielsweise von aktiver Einflussnahme bei hoher Tetraplegie in einer früher Phase der Rehabilitation schreibt oder vom Wachstum an Erfahrungen durch Zumutung.

Dabei darf nicht vergessen werden, dass die Querschnittlähmung selbst eine ‚Zumutung‘ und somit eine Belastung ist – jedoch der Umgang mit ihr ist wandelbar in hohe Lebensqualität: durch Zumutung, Zutrauen und Belastung.“

Lude und andere konnten durch wissenschaftliche Forschung untermauern, dass es sich bei den beschriebenen nicht allein um subjektive Erfahrungswerte handelt, sondern um Prozesse, die in empirischen Studien auch von anderen Betroffenen bestätigt wurden. Die wissenschaftliche Perspektive finden Interessierte in dem Fachbuch „Klinische Psychologie bei Querschnittlähmung“ von Strubreither et al. (Hrsg.), ebenfalls im Springer-Verlag (2015), detailliert dargestellt. Peter Lude erhielt für seine zugrunde liegenden Forschungsergebnisse 2004 und 2011 den Ludwig-Guttmann-Preis der Deutschen Medizinischen Gesellschaft für Paraplegie (DMGP).

 

9783662479698_neuPeter Lude: Querschnittlähmung – Schritte der Bewältigung. Die Kraft der Psyche, Springer-Verlag, Berlin Heidelberg, 2016, 280 S.            

ISBN 978-3-662-47969-8

 

Siehe auch: Psychologische Aspekte bei traumatischer Querschnittlähmung