Lokomotionstherapie bei inkompletter Querschnittlähmung

In vielen Querschnittzentren gehört das Lokomationstraining zur Therapie bei inkompletter Querschnittlähmung. Dabei trainiert der Patient auf einem motorbetriebenen Laufband während eine Gurt-Aufhängung ihn von seinem Körpergewicht entlastet. Während der Anwendung hilft ein Lokomat dem Patienten, seine Beine in einem physiologischen Gangmuster nach vorn zu setzen.

Patientin auf dem Lokomaten in Aktion.

Patientin auf dem Lokomaten in Aktion.

Bei einer inkompletten Querschnittlähmung (siehe: Die inkomplette Querschnittlähmung). ist es möglich, dass die Gehfunktion erhalten bleibt, wobei ggf. eine Schienenversorgung notwendig ist (siehe: Die Gehfunktion erhalten: Orthesenversorgung bei Querschnittlähmung). Auch die Lokomotionstherapie, bei der durch die Wiederholung der Bewegung die untergeordneten Zentren des spinalen Nervensystems stimuliert werden, kann beim Training der Gehfähigkeit eine große Rolle spielen. Patienten, die die nötigen Voraussetzungen mitbringen, sollten schon sehr bald nach der Eintritt der Rückenmarksverletzung mit der Gangtherapie beginnen. Der Lokomat kommt bereits in einer frühen Phase der Rehabilitation zum Einsatz, sobald die Patienten – meist nach ein bis zwei Wochen – wieder längere Zeit im Sitzen verbringen können.

Die Lokomotionstherapie

Entwickelt wurde die Lokomotionstherapie basierend auf Erkenntnissen aus einer Experimentierreihe, bei der festgestellt wurde, dass bei Versuchstieren mit durchtrenntem Rückenmark auf einem Laufband gangspezifische Bewegungsabläufe ausgelöst werden konnten, wenn das Tier mit einem Gurt von einem Teil seines Eigengewichts befreit wurde. Grund dafür scheinen die auf Rückenmarksebene vorhandenen motorischen Zentren zu sein, in denen Bewegungsmuster gespeichert sind.

Auch beim Menschen gibt es auf Rückenmarksebene motorische Zentren, in denen Bewegungsmuster gespeichert sind. Diese Bewegungsmuster können bei Patienten mit Rückenmarksschädigung durch äußere Reize abgerufen und aktiviert werden. Einen funktionellen Nutzen im Sinne einer Gangschulung kann jedoch nur ein Patient ziehen, der nicht komplett gelähmt ist und die aktivierte Beinmuskulatur noch willkürlich kontrollieren kann (rzh, 2016). Eine komplette Querschnittlähmung lässt sich mit der Lokomotionstherapie nicht behandeln.

Voraussetzungen für die Lokomotionstherapie

  • Ausreichende Belastbarkeit der Wirbelsäule
  • Kreislaufstabilität
  • Gesunde Hautverhältnisse
  • Ausreichende Gelenkbeweglichkeit in Hüft-, Knie- und Sprunggelenk
  • Inkomplette Querschnittlähmung Typ C oder D nach ASIA mit ausreichender Funktion (siehe: Die inkomplette Querschnittlähmung), d. h. nicht vollständig unterbrochene Nervenverbindungen zu den Beinen
  • Idealerweise die Innervation der Muskeln Mm glutaei (Teil der Gesäßmuskulatur) und M. quadriceps (Oberschenkelstrecker)

Ziele der Lokomotionstherapie

Die Lokomotionstherapie wird eingesetzt um folgendes zu erreichen:

  • Wiedererlangung von Nervenversorgungen
  • Verbesserung von Kraft und Ausdauer
  • Verbesserter Einsatz der motorischen Rückenmarkzentren

Folgende wünschenswerten Nebeneffekte können begleitend auftreten:

  • Verbesserung von Koordination und Mobilität über das Gehen hinaus, z. B. beim Drehen oder Aufsetzen.
  • Verbesserung der Beweglichkeit der Gelenke in den unteren Extremitäten.
  • Kräftigung der Bein und Rumpfmuskulatur.
  • In manchen Fällen ist eine Verbesserung der Spastik und der Kreislaufsituation und sowie eine Besserung von Rückenschmerzen beobachtet worden (Zäch/Koch, 2006).

Positive Aspekte der Lokomotionstherapie als Maßnahme der Physiotherapie

  • Weniger Gelenkprobleme durch Gewichtsübernahme durch den Gurt.
  • Der Weg zu automatisierte Bewegungsabläufe wie das Gehen können frühzeitig bereitet werden, auch wenn die Muskelkraft noch nicht gegen die Schwerkraft arbeiten kann.
  • Kompensationsmechanismen wie z. B. die Hyperextension im Kniegelenk oder zu große Stützaktivität auf den oberen Extremitäten können verringert werden.
  • Die Ausdauerfähigkeit der geschwächten Muskeln wird gefördert.
  • Verbesserte Kontroll- und Korrekturmöglichkeiten für den Therapeuten (Zäch/Koch, 2006).

So funktioniert das Training am Lokomaten

Bei einem Lokomotionstraining werden die computergesteuerten Elektromotoren des Roboters an den Beinen des Patienten befestigt. Wie ein Außenskelett stabilisieren sie diese gleichzeitig bis hinauf zur Hüfte. Ein an einer Hängevorrichtung über dem Laufband befestigter Tragegurt sorgt für die nötige Gewichtentlastung und Sicherheit, so dass sich die Patienten vollständig auf ihre Beinbewegung konzentrieren können. In welchem Ausmaß der Roboter beim Gehen unterstützt, lässt sich sehr individuell einstellen: Was der Patient aus eigener Kraft noch nicht schafft, beispielsweise das Bein ausreichend anzuheben oder nach vorne zu führen, übernimmt der Roboter. So kommt trotz aller lähmungsbedingten Einschränkungen ein flüssiges Gehen zustande. Damit dies möglich ist, erfassen Sensoren ständig den Kraftaufwand und die eigenständigen Bewegungen des Patienten. Je nach Trainingsfortschritt kann dann die Unterstützung durch den Roboter ebenso wie die Gewichtsentlastung reduziert werden.

„Eine derart gezielte Therapie, bei der noch vorhandene Restbewegungen bis ins kleinste Detail erfasst, gefördert und ausgebaut werden, wäre mit reiner Physiotherapie und durch bis zu drei Therapeuten unterstütztes, klassisches Laufbandtraining nicht möglich oder zu aufwändig“, so die Diplom-Physiotherapeutin Anne von Reumont vom Querschnittzentrum des Universitätsklinikums Heidelberg, in dem die Lokomotionstherapie schon seit vielen Jahren erfolgreich eingesetzt wird.

Um die Wiedererlangung der Gehfähigkeit weiter zu verbessern, gibt es das sogenannte Biofeedback – Bewegungsaufgaben in Form von Spielen in verschiedenen Schwierigkeitsgraden: Die Patienten blicken beim Gehtraining auf einen Bildschirm mit einer virtuellen Landschaft, durch die sie sich navigieren müssen. Sobald keine Beinführung durch den Lokomaten mehr nötig ist, folgt einfaches Laufbandtraining mit Gewichtsentlastung, dann Gehen am Barren. Eines ist Weidner und von Reumont sehr wichtig: Der Gang-Roboter ist trotz intelligenter technischer Ausstattung nur ein Baustein eines durchdachten und individuell angepassten Therapiekonzepts (PM, 2016).

Weitere Informationen

Für einen Therapieansatz mit einem Exoskelett siehe: Bewegungstherapie mit dem HAL Exoskelett

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