Blutdruck im Keller? Hypotonie und orthostatische Dysregulation bei Querschnittlähmung

Wenn der Blutdruck in den Keller rauscht, führt dies zu unangenehmen Symptomen, wie Benommenheit, Herzklopfen, Kopfschmerzen und schlimmstenfalls zur Bewusstlosigkeit. Bei Querschnittgelähmten sind solche Beschwerden nicht selten, weshalb man wissen sollte, wie man ihnen begegnen kann.

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Wie im Beitrag Kreislaufprobleme bei Querschnittlähmung beschrieben, kann es bei Querschnittlähmung vor allem bei einer Lähmungshöhe ab Th6 zu Kreislaufbeschwerden kommen, die für den Betroffenen ein erhebliches Risiko darstellen können. Neben der autonomen Dysreflexie (siehe: Was geschieht bei einer Autonomen Dysreflexie?) sind vor allem die arterielle Hypotonie und die orthostatische Dysregulation (auch: orthostatische Hypotonie) zu nennen.

Arterielle Hypotonie vs. orthostatische Dysregulation

Sowohl die arterielle Hypotonie als auch die orthostatische Dysregulation werden im Sprachgebrauch gerne schlicht als Hypotonie bezeichnet, wobei „Hypotonie“ nichts anderes heißt als „niedriger Blutdruck“. Der Blutdruck wird dann als zu niedrig eingestuft, wenn der gemessene Wert bei 105 zu 60 mmHg oder tiefer liegt.

Während die Hypotonie allerdings einen chronisch niedrigen Blutdruck ist, der meist Müdigkeit und/oder Schlappheit mit sich bringt und selten schlimmere Konsequenzen hat, handelt es sich bei der orthostatischen Dysregulation um einen plötzliche Blutdruckabfall beim Aufstehen, Positions- und Lagerwechseln oder bei zu schnellen Transfers in oder aus dem Rollstuhl. Da die Regulationsmechanismen des Körpers im Falle einer Querschnittlähmung gestört sein können, kann es kurzzeitig zu einem ungenügenden Blutzufluss zum Gehirn kommen, was zu z. B. Schwindel, Übelkeit und schlimmstenfalls zum Kollaps führen kann.

Symptome der arteriellen Hypotonie

  • Schlappheit
  • Müdigkeit
  • Eingeschränkte Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit
  • Antriebsschwäche
  • Kalte Hände und Füße

Eine arterielle Hypotonie kann verschiedene Ursachen haben, u. a. Herzkrankheiten, hormonelle Störungen, Flüssigkeitsmangel (siehe: Trinkverhalten bei Querschnittlähmung) oder die Einnahme verschiedener Medikamente (z. B. Psychopharmaka). Diese Ursachen kann und sollte man natürlich behandeln lassen, der niedrige Blutdruck an sich ist aber kaum behandlungsbedürftig, da er im Gegensatz zum chronischen Bluthochdruck keine gesundheitsgefährdenden Folgen haben kann.

Symptome der orthostatischen Dysregulation

  • Schwindel
  • Benommenheit
  • Blässe
  • Ohrgeräusche
  • Herzklopfen
  • Übelkeit
  • Schweißausbrüche
  • Kopfschmerzen
  • Bewusstlosigkeit und dadurch bedingt Stürze aus dem Rollstuhl und ggf. resultierende Verletzungen

Die Neigung zur orthostatischen Dysregulation kann über die Durchführung des sog. Schellong-Tests bestimmt werden. Bei Querschnittgelähmten wird dabei die Kipptischuntersuchung vorgenommen. Dabei wird der Betroffene auf einem kippbaren Tisch festgeschnallt, wo er zehn Minuten liegt. Dann wird der Tisch aufgerichtet und es wird in regelmäßigen Abständen Puls und Blutdruck gemessen sowie nach Beschwerden gefragt. Wenn eine orthostatische Dysregulation vorliegt, treten nach diesem abrupten Lagewechsel die oben genannten Beschwerden auf und/oder der Blutdruckwert ist deutlich erniedrigt (apotheken.de, 2016).

Prophylaxe bei orthostatischer Dysregulation

Vor allem in der stationären Phase während der Erstmobilisation, aber auch zu jeder anderen Zeit nach Eintritt der Querschnittlähmung, vor allem nach Phasen des langen Liegens kann es zu Hypotoniekrisen kommen. Dieses Risiko kann bei Frischverletzten durch folgende Maßnahmen minimiert werden:

  • Frühstück bereits im Bett einnehmen, damit sich der Blutdruck an die Mobilisation anpassen kann.
  • Alle querschnittgelähmten Patienten werden mit Kompressionsstrümpfen versorgt; Tetraplegiker erhalten zusätzlich einen Bauchgurt.
  • Die Mobilisation wird stufenweise durchgeführt.
  • Eine blutdruckanregende Ernährung mit z. B. Kaffee, heißer Brühe, salzreicher Kost, kann helfen den Blutdruck am raschen absinken zu hindern.
  • Auch blutdruckanregende Medikamente können in Betracht gezogen werden.
  • Generell sollte auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr geachtet werden.

Wenn es im Folgenden weiterhin zu orthostatischen Beschwerden kommt, gelten folgende Empfehlungen:

  • Kompressionsstrümpfe tragen.
  • Mit erhöhtem Oberkörper schlafen, da Schrägstellung des Kopfteils des Bettes auf etwa 20° die nächtliche Nierenausscheidung vermindert und so Blutdruckschwankungen beim morgendlichen Aufstehen lindert. (Vorsicht bei Druckstellen!)
  • Duschen statt Baden und den Kreislauf mit Wechselduschen anregen.
  • Auf Saunabesuche verzichten.
  • Salzarm essen, viel trinken, kleine Mahlzeiten vorziehen.
  • Gymnastikübungen am Morgen und regelmäßiges Ausdauertraining (z. B. Handbiken) durchführen.
  • Rollstuhl prophylaktisch im Laufe des Tages immer mal wieder nach hinten kippen und die Beine hochlegen. Ein Rollstuhl mit Kippfunktion bietet sich hierfür an.
  • Falls nötig ist eine medikamentöse Therapie möglich, bei der Substanzen wie Etilefrin, Coffein, Midodrin, Oxilofrin oder Ameziniummetilsulfat anregend auf den Blutdruck wirken.

Was tun bei akuter orthostatischen Dysregulation?

Beim Auftreten akuter orthostatischer Beschwerden, muss sich der Betroffene soweit wie möglich selbst in die Horizontale bringen bzw. von Helfern gebracht werden. Dies kann auch bei im Rollstuhl sitzenden Personen durchgeführt werden, ohne dass diese den Stuhl verlassen muss, eine Aktivität, die für den Körper zusätzlichen Stress bedeuten würde. Dabei muss bei angezogener Rollstuhlbremse der Rollstuhl nach hinten gekippt und auf die Arme einer hinter dem Rollstuhl knienden Person gestützt werden. Dann wird der Kopf des Patienten auf die Schultern der Hilfsperson gelegt und falls möglich die Beine von einer zweiten Hilfsperson hochgehoben bis die Symptome abklingen.

Akupunktur bei arterieller Hypotonie und orthostatischer Dysregulation

Abschließend sei erwähnt, dass auch alternative Heilmethoden bei niedrigem Blutdruck zum Einsatz kommen können. Als besonders erfolgsversprechend gilt die Akupunktur, die verschiedene Tonisierungspunkte wie den Blasen-, Herz-Kreislauf- oder Lungenmeridian kennt, deren gezielte Behandlung den niedrigen Blutdruck regulieren kann (apotheken.de, 2016).

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